nṯrw

Netjeru

Nachschlagewerk zu den Göttern und Mythen des alten Ägypten — 134 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Königtum, Krieg & SchutzSchöpfung & UrzeitSonne, Himmel & Gestirnegut belegt

Amun

griechisch Ammon · ägyptisch Jmn

„Der Verborgene“ — vom hermopolitanischen Urgott zum Reichsgott des Neuen Reichs und zum „König der Götter“.

JmnUmschrift
Stehende Figur aus grün patinierter Kupferlegierung: ein Mann mit Königsbart schreitet mit leicht vorgesetztem Fuß, die Arme hängen seitlich am Körper. Er trägt einen kurzen Schurz mit Gürtel. Auf dem Kopf sitzt auf niedrigem Untersatz eine sehr hohe Krone aus zwei schmalen Federn, deren Fahnen durch senkrechte Rillen gegliedert sind. Die Krone ist fast so hoch wie die Figur selbst.
Zuständig für
Verborgenheit, Luft und Atem, Reichsgott, Orakel, Königsschutz
Bezeugt
Erwähnt in den Pyramidentexten; Reichsgott ab der 11./18. Dynastie bis Römerzeit
Kultorte
Karnak und Luxor, Medinet Habu, Napata (Gebel Barkal) in Nubien, Siwa-Oase, Hibis in der Oase Charga
Familie
Gefährtin: Mut (Theben); Amaunet (Achtheit)
Sohn: Chons
Trias: Amun – Mut – Chons
Verschmelzungen: Amun-Re, Amun-Min, Amun-Re-Kamutef

Erscheinung

Mann mit hoher Doppelfederkrone, oft blau (Farbe des Himmels und des Unsichtbaren); als Widder mit eingerollten Hörnern; als Nilgans; ithyphallisch als Amun-Min-Kamutef.

Der Name als Programm

jmn heißt „verborgen sein“. Amun ist per Definition der Gott, dessen Wesen sich entzieht: „Sein Name ist verborgen vor seinen Kindern.“

Das ist keine Verlegenheitsformel, sondern der theologische Kern — und es erklärt, warum ausgerechnet dieser Gott zum Reichsgott taugte. Ein Gott, dessen Eigenschaft die Unsichtbarkeit ist, konkurriert mit keiner sichtbaren Erscheinung. Er kann hinter allen anderen stehen, ohne einen von ihnen zu verdrängen.

Der große Amun-Hymnus des Papyrus Leiden I 350 zieht daraus die weitestgehende Konsequenz: Alle Götter seien drei — Amun, Re und Ptah —, und doch sei Amun der Verborgene hinter beiden. „Re ist sein Gesicht, Ptah ist sein Leib.“

Vor der naheliegenden Assoziation sei gewarnt: Das ist keine Dreieinigkeit im christlichen Sinn. Die Aussage steht nicht gegen die Vielheit der Götter, sondern ordnet sie — und die übrigen Gottheiten werden dabei weder abgeschafft noch für unwirklich erklärt. Ägyptische Theologie fragt nicht, wie viele Götter es gibt, sondern wie sie zusammenhängen.

Der älteste Beleg

Amun ist deutlich älter als das thebanische Reichsgottentum. Er erscheint bereits in den Pyramidentexten (Spruch 301) — nicht als Herrscher, sondern als Urgott im Paar mit Amaunet, seiner weiblichen Entsprechung. Beide gehören zur Achtheit von Hermopolis, jener Gruppe von vier Paaren, die den Zustand vor der Schöpfung beschreiben: Urwasser, Finsternis, Grenzenlosigkeit — und eben Verborgenheit.

Zwischen diesem Anfang und dem Reichsgott liegt eine Umdeutung, kein Wachstum. Der Urgott der Vorwelt und der Staatsgott von Karnak haben denselben Namen und dieselbe Eigenschaft, aber grundverschiedene Funktionen. Die spätere Theologie hat beides bewusst zusammengeführt: Wer schon vor der Schöpfung da war, hat den ältesten Anspruch.

Aufstieg

Als Ortsgott Thebens steigt Amun mit seiner Stadt auf. Mit der 11. Dynastie wird Theben Residenz, und spätestens mit der Vertreibung der Hyksos durch thebanische Fürsten (18. Dynastie) ist er Reichsgott.

Die Verbindung von Kriegsglück und Kult ist dabei wörtlich zu nehmen: Die Beute der Feldzüge floss nach Karnak, weil der Sieg als Geschenk des Gottes galt. Über Jahrhunderte entstand daraus der größte Tempelkomplex der antiken Welt — und eine Institution mit eigenem Land, eigenen Flotten und eigener Verwaltung.

Karnak ist dabei jünger, als seine Größe vermuten lässt. Die französischen Grabungen haben in den untersuchten Bereichen bis hinab auf das erwartete Niveau des Alten Reichs keine Keramik jener Zeit gefunden. Die ältesten fassbaren Bauten gehören ins Mittlere Reich, mit dem Tempel Sesostris' I. als erstem greifbaren Steinbau. Ein bedeutendes Heiligtum des Alten Reichs hat es an dieser Stelle also aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gegeben — was zum Bild passt: Der Aufstieg Amuns beginnt mit dem Aufstieg Thebens, nicht davor.

Das hatte politische Folgen, die niemand geplant hatte. Am Ende des Neuen Reichs war die Amunpriesterschaft so mächtig, dass ihre Hohepriester in der 21. Dynastie Oberägypten faktisch selbst regierten. Ein Gott, der nur durch königliche Stiftungen groß geworden war, hatte am Ende genug Substanz, um ohne den König auszukommen.

Die Verschmelzung mit Re

Amun allein blieb abstrakt. Die Verbindung zu Amun-Re gab ihm, was der Verborgenheit fehlt: eine sichtbare Erscheinung. Die Konstruktion ist ausgesprochen praktisch — der ältere, überregional anerkannte Sonnengott liefert die Legitimation, der thebanische Gott die Machtbasis.

Jan Assmann hat darin den Ausgangspunkt einer theologischen Spannung gesehen, die die gesamte Sonnentheologie des Neuen Reichs prägt: Ein Gott, der zugleich der sichtbare Sonnenlauf und das verborgene Wesen dahinter sein soll, ist schwer zusammenzudenken. Die Amarna-Zeit ist nach dieser Lesart die radikalste Antwort auf diese Frage — siehe den Eintrag zu Re.

Orakel

Amun war der bedeutendste Orakelgott Ägyptens. Bei Prozessionen wurde die Barke mit dem Kultbild getragen; Fragen wurden vorgelesen, und die Bewegung der Barke — vorwärts, rückwärts, Neigung — galt als Antwort. So wurden Rechtsstreitigkeiten entschieden, Beamte ernannt und sogar Thronfolgen legitimiert (Thutmosis III.). Das Orakel des Amun in der Oase Siwa war international berühmt: Alexander der Große suchte es 331 v. Chr. auf und ließ sich als Sohn des Amun bestätigen.

Opetfest

Das größte Fest Thebens: Die Barken von Amun, Mut und Chons zogen von Karnak nach Luxor — anfangs zu Land, später auf dem Fluss — und blieben dort für zwei bis vier Wochen.

Im Zentrum stand die heilige Hochzeit von Amun und Mut, wobei der König mit Amun verschmilzt. Erneuert wird dabei die Ka-Kraft des Königtums — nicht die Person des Herrschers, sondern das Amt. Das Fest gibt die Herrschaft gewissermaßen jedes Jahr neu aus.

Was passiert, wenn der Gott nicht will: Im zweiten Regierungsjahr eines späten Königs der 21. Dynastie weigerte sich die Barke des Amun, ihr Heiligtum zu verlassen. Das Fest fand daraufhin 65 Tage später als üblich statt, am 23. Tag des Choiak — nachdem der Priester, dessen Vergehen die Verzögerung ausgelöst hatte, vor einem Gericht erschienen war. Die Episode zeigt das Orakel im Betrieb: Der Gott verweigert sich, ein Mensch wird zur Rechenschaft gezogen, und der Kalender richtet sich danach.

Nach dem Festkalender, den Ramses III. in Medinet Habu anbringen ließ, wurden dafür über 11.000 Brote und große Mengen Bier ausgegeben. Solche Zahlen sind mit Vorsicht zu lesen: Sie stehen an einer Tempelwand und dienen der Selbstdarstellung des Stifters. Ob sie einer Abrechnung entsprechen oder eine Größenordnung behaupten, lässt sich nicht entscheiden. Dass das Fest überhaupt in Speisemengen gemessen wurde, sagt aber genug — es war Legitimationsritual und Massenverpflegung in einem.

Amarna

Echnatons Bruch traf nicht „die Götter“ allgemein, sondern in erster Linie Amun. Ab etwa dem vierten Regierungsjahr zogen Beauftragte durch das Land und tilgten seinen Namen von Denkmälern — mit einer Gründlichkeit, die selbst vor den Kartuschen von Echnatons eigenem Vater Amenophis III. nicht haltmachte, weil darin der Gottesname steckte. Später wurde auch der Plural nṯrw, „Götter“, ausgemeißelt.

Die Auswahl ist aufschlussreich: Getilgt wurde der Gott mit dem größten Landbesitz und der größten Priesterschaft. Ob dahinter theologische Überzeugung, Machtpolitik oder beides stand, ist eine der meistdiskutierten Fragen der Ägyptologie und hier nicht zu entscheiden.

Nach Echnatons Tod wurden die Namen wiederhergestellt — und Amun kam stärker zurück als zuvor. Der Versuch, ihn zu löschen, hat vor allem bewiesen, wie wenig er sich löschen ließ.

Nubien und die Widderköpfe

In Nubien wurde Amun von Gebel Barkal aus zum Hauptgott des Reiches von Kusch. Die kuschitischen Könige der 25. Dynastie eroberten Ägypten teils mit religiöser Begründung. Der Widderkopf mit eingerollten Hörnern ist dort so charakteristisch, dass die Widdersphingenallee von Karnak eine direkte Entsprechung in Naga und Musawwarat hat.

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