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Materialien: Ägyptisch Blau, Fayence und Glas
Das erste künstliche Pigment der Welt, eine Keramik ohne Ton und frühes Glas aus Staatswerkstätten — wie die Ägypter aus Sand, Kalk und Kupfer neue Werkstoffe machten, und warum eines davon heute in Laboren wieder auftaucht.
- Ägyptisch Blau
- Calcium-Kupfer-Silikat, CaCuSi₄O₁₀ — gebrannt bei etwa 900–1000 °C
- Fayence
- Quarzkörper mit Glasur, ohne Ton; ägyptisch ṯḥnt, „das Glänzende“
- Glas
- Quarz, Soda und Kalk — dieselbe Familie wie gewöhnliches Fensterglas
- Glashütte
- Qantir-Piramesse, um 1250–1200 v. Chr., Glas aus Rohstoffen
- Heute
- Ägyptisch Blau leuchtet im nahen Infrarot und macht unsichtbare Farbreste sichtbar
- Zeitraum
- Ägyptisch Blau ab etwa 3200 v. Chr.; Glasgefäße ab etwa 1500 v. Chr.; beides bis in die Römerzeit
- Themenfelder
- Werkstoffe · Chemie · Handwerk
Die drei Werkstoffe dieses Artikels haben etwas gemeinsam: Alle drei sind von Menschen gemacht. Ägyptisch Blau, Fayence und Glas entstehen erst im Feuer, aus Zutaten, die für sich genommen nichts davon ahnen lassen — Quarzsand, Kalk, ein Kupfermineral und Natron. Dass die Ägypter aus dieser kleinen Liste drei so verschiedene Stoffe machten, ist die eigentliche Leistung.
Wie es funktionierte
Ägyptisch Blau: eine Farbe aus dem Ofen
Blau ist in der Natur eine seltene Farbe. Der schönste blaue Stein, Lapislazuli, musste von weit her eingeführt werden und war kostbar. Die Ägypter lösten das Problem, indem sie ein Blau herstellten.
Das Rezept ist, soweit es sich aus Analysen und späteren Beschreibungen erschließen lässt, einfach: Quarzsand, Kalk, ein Kupfermineral wie Malachit und ein Flussmittel wie Natron, das die Schmelztemperatur senkt. Die Mischung wird bei etwa 900 bis 1000 °C gebrannt. Dabei entstehen kleine blaue Kristalle eines Stoffes, den die Chemie Calcium-Kupfer-Silikat nennt (CaCuSi₄O₁₀). Zermahlen und mit einem Bindemittel angerührt, ergibt das eine Malfarbe.
Es ist das älteste bekannte künstlich hergestellte Pigment der Welt. Frühe Belege reichen bis um 3200 v. Chr. zurück; in großem Umfang verwendet wurde es seit dem Alten Reich und bis in die Römerzeit — auf Grabwänden, Särgen, Statuen und Tempelreliefs, und weit über Ägypten hinaus.
Fayence: Keramik ohne Ton
Was im Deutschen Fayence heißt, hat mit der gleichnamigen europäischen Töpferware nichts zu tun. Die ägyptische Fayence enthält keinen Ton. Ihr Körper besteht aus fein zermahlenem Quarz mit etwas Soda und Kalk; beim Brennen reagieren die Bestandteile miteinander und verbinden sich zu einem festen, leicht porösen Werkstoff. Darüber liegt eine glänzende Glasur, meist blau oder grün durch Kupfer.
Die Ägypter nannten das Material ṯḥnt, „das Glänzende“ — wegen der spiegelnden Oberfläche, die an Halbedelsteine erinnerte. Die Materialforscher Pamela Vandiver und W. David Kingery haben Fayence 1987 „die erste Hightech-Keramik“ genannt; der Archäologe Paul Nicholson greift die Formel auf, weil sie den künstlichen Charakter des Werkstoffs trifft.
Für die Glasur gab es drei Verfahren, die sich unter dem Rasterelektronenmikroskop am sichersten voneinander unterscheiden lassen:
- Auftragen: Eine Glasurmasse wird als Brei oder Pulver auf das fertig geformte Stück gebracht und brennt darauf fest. Pinselspuren, Tropfen und Fingerabdrücke verraten das Verfahren. Besonders verbreitet war es in ptolemäischer und römischer Zeit.
- Ausblühen: Die Glasurbestandteile sind schon im Körper enthalten. Beim Trocknen wandern gelöste Salze an die Oberfläche und bilden dort beim Brennen die Glasur — das Stück glasiert sich selbst. In pharaonischer Zeit war das offenbar das häufigste Verfahren, vor allem ab dem Neuen Reich.
- Zementieren: Das getrocknete Stück wird in ein Glasurpulver eingebettet und darin gebrannt. Die Glasur bildet sich dort, wo Pulver und Oberfläche sich berühren; der Rest bleibt Pulver und lässt sich abbröseln. Die Archäologie kennt das Verfahren erst seit den 1960er Jahren, als es in der iranischen Stadt Qom noch betrieben wurde. In Ägypten ist es wohl seit dem Mittleren Reich belegt, aber selten nachgewiesen — auch, weil es an einem Stück schwer zu erkennen ist.
Gebrannt wurde Fayence nach gängiger Annahme bei 800 bis 1000 °C. Ein Versuch in Amarna hat gezeigt, dass dafür schon ein einfacher Brotofen genügt.
Aus Fayence entstanden Perlen, Amulette, Uschebtis, Gefäße und Wandfliesen — in Massen, weil die Rohstoffe billig und die Stücke in Formen herzustellen waren.
Glas: erst spät, dann in großem Stil
Als eigener Werkstoff für Gefäße wird Glas in Ägypten erst im Neuen Reich wichtig. Die ersten hohlen Glasgefäße erscheinen um 1550 bis 1500 v. Chr., gleichzeitig in Ägypten und im nördlichen Mesopotamien. Unter Thutmosis III. gab es eine Werkstatt, die den Hof belieferte.
Die frühen Gefäße sind kerngeformt: Um einen Kern aus Ton und organischem Material auf einem Metallstab legte man flüssiges Glas, zog farbige Fäden darüber und kämmte sie zu Wellen- und Federmustern. Nach dem Abkühlen kratzte man den Kern heraus. Glasblasen war noch unbekannt; es kam erst mehr als ein Jahrtausend später auf.
Wie das Glas selbst entstand, zeigt eine Werkstatt in Qantir, dem alten Piramesse im Ostdelta, der Hauptstadt Ramses' II. Dort wurde um 1250 bis 1200 v. Chr. Glas aus Rohstoffen hergestellt, in zwei Schritten: zuerst wurden die Rohstoffe bei 900 bis 950 °C zu einem Halbfabrikat geschmolzen, dann wurde das Glas bei 1000 bis 1100 °C gefärbt und zu Barren gegossen. Qantir produzierte vor allem rotes Glas in großen Mengen, daneben kobaltblaues und violettes. Die Barren wurden gehandelt und andernorts zu Gefäßen, Einlagen und Schmuck verarbeitet.
Woher wir das wissen
Die wichtigste Quelle sind die Gegenstände selbst. Es gibt Tausende Stücke aus Fayence und Glas und unzählige bemalte Flächen mit Ägyptisch Blau. Ihre Zusammensetzung und ihr Gefüge lassen sich im Labor bestimmen — so erkennt man zum Beispiel an der Dicke der Glasur und der Übergangsschicht darunter, mit welchem der drei Verfahren eine Fayence glasiert wurde.
Dazu kommen Werkstätten: Schmelztiegel, Barrenformen, Glas- und Schlackenreste in Qantir und Amarna. Sie zeigen nicht nur, dass hier gearbeitet wurde, sondern auch, bei welchen Temperaturen.
Aus der Antike selbst ist eine Beschreibung von Ägyptisch Blau erhalten, allerdings eine römische: Vitruv schreibt im 1. Jahrhundert v. Chr., das Blau sei zuerst in Alexandria hergestellt worden und dann von einem gewissen Vestorius in Puteoli bei Neapel. Er nennt Sand, Kupfer und Natron als Zutaten.
Im Vergleich zu heute
Das Glas der Ägypter ist chemisch mit unserem verwandt. Quarz, Soda und Kalk sind bis heute die Grundstoffe für gewöhnliches Fensterglas und Flaschen. Was sich geändert hat, sind Reinheit, Temperaturen und Mengen — nicht das Prinzip.
Ägyptisch Blau dagegen ist verschwunden und wiedergekommen. In der Spätantike geht sein Gebrauch stark zurück, und das Wissen um die Herstellung geriet weitgehend in Vergessenheit — auch wenn es vereinzelt noch im frühen Mittelalter verwendet wurde. Erst 1815 erkannte der Chemiker Humphry Davy in blauen Brocken aus den Titusthermen in Rom und in Pompeji das Blau wieder, das Vitruv beschrieben hatte.
Und heute ist es in der Forschung ein gefragtes Material. Ägyptisch Blau hat eine Eigenschaft, die niemand in der Antike kennen konnte: Es leuchtet im nahen Infrarot, wenn man es mit sichtbarem Licht bestrahlt — kräftig und für das Auge unsichtbar. Mit einer umgebauten Digitalkamera lassen sich deshalb winzige Farbreste sichtbar machen, die längst verblasst sind. Das British Museum hat so nachgewiesen, dass Skulpturen des Parthenon einst bemalt waren. 2013 zeigte ein Team um Tina Salguero, dass sich die Kristalle in heißem Wasser in hauchdünne Schichten aufspalten, die das Leuchten behalten. Seitdem werden sie für Anwendungen in der Bildgebung und Optik untersucht.
Das ist die schönste Pointe dieses Artikels: Ein Farbstoff, der für Grabwände erfunden wurde, ist fünftausend Jahre später ein Gegenstand der Nanotechnik — wegen einer Eigenschaft, die seine Erfinder nicht sehen konnten.
Was man oft liest — und was stimmt
„Ägyptisch Blau wurde aus Lapislazuli gemacht.“ Nein. Es ist gerade die künstliche Alternative zum teuren eingeführten Lapislazuli. Mit dem Stein hat es chemisch nichts zu tun.
„Fayence ist glasierte Tonware.“ Nicht in Ägypten. Der Name stammt von der Stadt Faenza in Italien und bezeichnet in Europa glasierte Töpferware. Die ägyptische Fayence hat nur den Namen übernommen — ihr Körper ist Quarz, nicht Ton.
„Die Ägypter haben das Glas erfunden.“ Das ist offen. Glasgefäße erscheinen um dieselbe Zeit in Ägypten und in Mesopotamien, und die Forschung streitet, wer zuerst da war. Sicher ist, dass Ägypten im Neuen Reich Glas aus Rohstoffen selbst herstellte und nicht nur eingeführtes Glas verarbeitete — das haben die Funde von Qantir gezeigt.
„Das Rezept für Ägyptisch Blau ist ein ungelöstes Rätsel.“ Die Zusammensetzung ist bekannt, die Herstellung ist im Labor nachvollzogen. Offen sind Einzelheiten — welche Rohstoffe welche Werkstatt nahm, wie lange sie brannte, wie sie die Farbtöne steuerte.
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