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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Hintergrundgut belegt

Persönliche Frömmigkeit: ein moderner Begriff

Warum „persönliche Frömmigkeit“ eine Erfindung der Ägyptologie ist — und was der Streit darüber über die Quellen verrät.

Blick von oben über ein ausgegrabenes Dorf in einer Wüstenmulde. Dicht an dicht liegen rechteckige Grundmauern aus hellem Stein, zu schmalen Häuserzeilen entlang gerader Gassen geordnet; die Mauern reichen nur wenige Steinlagen hoch. Rechts steigt ein kahler Kalksteinhügel an, links liegen weitere Ruinen am Hang. Am Horizont ein schmaler grüner Streifen Fruchtland unter blassem Himmel.

Deir el-Medina, das Dorf der Königsgrabarbeiter. Auf den Votivstelen aus diesem einen Ort beruht der Begriff „persönliche Frömmigkeit“ — das Bild zeigt die ganze Belegbasis.

Grundproblem
Das Ägyptische hat kein Wort für „Religion“ und keines für „Frömmigkeit“
Geprägt von
Adolf Erman 1911 und James Henry Breasted 1912
Streitpunkt
Neuerung des Neuen Reichs — oder nur dort sichtbar?
Zeitraum
Belege ab dem Alten Reich; Begriff seit 1911
Themenfelder
Religionsgeschichte · Forschungsgeschichte · Methodik
Orte
Leitbefund Deir el-Medina

Ein Wort, das die Ägypter nicht hatten

Das Ägyptische kennt kein Wort für „Religion“ und keines für „Frömmigkeit“. Das ist kein Überlieferungszufall, sondern der Ausgangspunkt: Was wir mit diesen Begriffen zusammenfassen, war für die Ägypter keine abgrenzbare Größe.

„Persönliche Frömmigkeit“ ist entsprechend eine Prägung der Ägyptologie. Sie stammt von Adolf Erman (1911) und James Henry Breasted (1912), und Breasted hat die Ramessidenzeit gleich dazu „das Zeitalter der persönlichen Frömmigkeit“ genannt.

Die Belegbasis dieser Prägung war schmal. Was den beiden vorlag, war eine Gruppe ramessidischer Votivstelen von Arbeitern aus Deir el-Medina — Texte und Bilder, in denen Menschen einen Gott um Gnade bitten und eigene Verfehlungen bekennen. Aus dieser Herkunft folgte die dritte Annahme: Frömmigkeit sei eine Sache der Unterschicht. Battiscombe Gunn schrieb 1916, die Stelen gehörten einer „armen“ Schicht, die in einem barmherzigen und vergebenden Gott einen Trost für ihr schweres Dasein gesehen habe.

Drei Behauptungen stecken damit im Begriff, und alle drei sind heute umstritten:

  1. Frömmigkeit ist innerlich und persönlich empfunden.
  2. Sie ist eine Neuerung des Neuen Reichs.
  3. Sie gehört den einfachen Leuten.

Die Gegenrechnung

Zu Punkt 2 gibt es einen handfesten Einwand: Georges Posener veröffentlichte 1975 eine kleine Gruppe von Ostraka der 18. Dynastie aus Scheich Abd el-Qurna, deren kurze Texte bereits die Wendungen der späteren ramessidischen Gebete tragen. Der Befund ist also älter als der Begriff dafür.

Der grundsätzlichere Einwand kommt von John Baines, und er heißt Dekorum. Viele religiöse Praktiken gab es lange vor dem Neuen Reich — sie wurden nur nicht dargestellt, weil die Regeln des Schicklichen bestimmten, was auf ein Denkmal durfte. Dass etwas erst ab einem bestimmten Zeitpunkt sichtbar wird, heißt nicht, dass es vorher nicht da war.

Baines dreht dabei auch Punkt 3 um: Ägyptische Literatur ist Elitenliteratur. Wenn überhaupt, ist die überlieferte Frömmigkeit ein Elitephänomen, kein Unterschichtphänomen — genau das Gegenteil von Gunns Deutung.

Die Gegenposition dazu ist ebenso scharf. Barry Kemp hält Religiosität vor dem Neuen Reich für schwach ausgeprägt und sieht Frömmigkeit an Tempel gebunden, also vom Staat vorgegeben statt gegen ihn gerichtet. Zwischen Baines und Kemp liegt die ganze Bandbreite: Dieselben Quellen tragen die Aussage „gab es immer, war nur unsichtbar“ und die Aussage „gab es tatsächlich vorher kaum“.

Gegen die Staatsreligion oder neben ihr?

Jan Assmann hat den Befund am weitesten ausgebaut. Bei ihm ist die ramessidische Frömmigkeit eine neue Dimension der ägyptischen Religion, die er Gottesnähe nennt — und die den drei unpersönlichen Dimensionen des Staatskults gegenübersteht: der kultisch-örtlichen, der kosmischen und der mythischen. Frömmigkeit erscheint darin als Gegenbewegung zum Tempelbetrieb, zur Theologie und zur überlieferten Form.

Diese Zweiteilung ist der meistbestrittene Teil. Susanne Bickel argumentiert, die offizielle Religion habe das religiöse Bedürfnis des Einzelnen nicht ausgelöst, sondern gestützt — sie stellte die Orte bereit, an denen es sich vollziehen konnte: Ohrenkapellen, Schreine, die Statuen von Priestern, die Gebete weiterreichten.

Damit ist persönliche Frömmigkeit nicht das Gegenteil des Staatskults, sondern seine Ergänzung. Auch Helmut Brunner hat das so gesehen.

Der Streit um das Wort selbst

Weil im Begriff drei Behauptungen stecken, ist auch über den Begriff gestritten worden — und die Vorschläge sind aufschlussreich, weil jeder ein anderes Problem behebt:

Begriff von behebt
„practical religion“ Baines öffnet den Blick über Hymnen und Gebete hinaus
„individuelle Religiosität“ Bickel vermeidet den christlichen Beiklang von „Frömmigkeit“
„popular religion“ / „folk religion“ Pinch trennt Praxis innerhalb der Staatskulte von Praxis daneben
„Gottesnähe“ Brunner, Assmann benennt die Erfahrung statt der Haltung

Bickels Einwand wiegt am schwersten: „Frömmigkeit“ ist ein Wort aus der christlichen Religionsgeschichte und bringt deren Vorstellungen mit — Innerlichkeit, Glaube als Haltung, Praxis als nachrangig. Genau das verstellt den Blick auf ägyptische Verhältnisse, in denen die Handlung das Wesentliche ist.

Baines und Elizabeth Frood haben deshalb eine engere Bestimmung vorgeschlagen: Frömmigkeit sei die Wahl eines Gottes zum persönlichen Schutzherrn — betont wird die Entscheidung des Menschen, nicht das Handeln des Gottes. Der Vorteil ist, dass sich damit sagen lässt, welche Quelle dazugehört und welche nicht: Wo eine Wahl erkennbar ist, ist es Frömmigkeit; wo nur die übliche Praxis vollzogen wird, ist es religiöse Praxis.

Assmann setzt den Akzent umgekehrt und spricht von einer „Theologie des Willens“: Die Götter greifen aus eigenem Antrieb in den Alltag ein, das Verhältnis zwischen Mensch und Gott ist ein Vertrag.

Was die anderen Quellen zeigen

Über den Stelen wird leicht vergessen, dass sie nur eine Gattung sind. Briefe, Votivgaben, Grabungsbefunde aus Wohnhäusern und das Traumbuch von Deir el-Medina zeigen etwas anderes als eine Verinnerlichung: Sie zeigen Vollzug. Die Suche nach einem Gott findet in Handlungen statt, nicht in Bekenntnissen.

Nur eine kleine Gruppe von Texten spricht die Wahl ausdrücklich aus — die Stele des Neferabu, die Grabbiographien des Simut-Kyky und des Djehutiemhab, in denen der Verfasser seinen Schutzgott ausdrücklich benennt. Ob diese Texte die Regel abbilden oder Ausnahmen sind, ist offen.

Für die Lektüre dieses Wikis heißt das: Wo hier „persönliche Frömmigkeit“ steht, ist ein moderner Ordnungsbegriff gemeint, kein ägyptischer. Und die Wendung, ein Phänomen sei „seit dem Neuen Reich fassbar“, ist mit Bedacht gewählt — sie sagt etwas über die Quellen, nicht über den Anfang der Sache.

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