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Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Ort · Oberägyptenmittelmäßig belegt

Gebel el-Silsila

ẖnjheute: Gebel el-Silsila

Der größte Steinbruch Ägyptens — und zugleich der Ort, an dem man der Nilflut opferte. Aus diesem Sandstein besteht fast jeder Tempel Oberägyptens.

Nahsicht auf eine hohe, senkrechte Felswand aus warm braunem Sandstein. Die Oberfläche ist über die ganze Fläche in rechteckige Felder gegliedert, deren Ränder scharfkantig abgestuft sind — die Negativformen herausgelöster Blöcke. Über den Feldern ziehen sich dichte, gleichmäßige Werkzeugspuren als feine senkrechte Riefen. Ein Riss läuft schräg durch die Wand. Links oben liegt dunkles Geröll auf der Abbruchkante, unten schiebt sich heller Flugsand an den Fuß der Wand. Der Himmel darüber ist tiefblau.

Jedes Feld in dieser Wand ist ein entnommener Block. Aus solchen Brüchen stammt der Sandstein fast aller großen Tempel Oberägyptens.

Zeitraum
Prädynastisch bis in die Neuzeit; Blüte im Neuen Reich
Region
Oberägypten
Hauptgottheiten
Sobek, Herr von Kheny · Hapi · Taweret vom Reinen Wasser · Nun
Bauten
Speos des Haremhab · 32 Felskapellen der 18. Dynastie · Nilstelen Sethos’ I., Ramses’ II., Merenptahs und Ramses’ III. · Steinbrüche auf beiden Ufern, Wände bis 40 m hoch · zwei Nilometer (römisch)

Ein Ort, den seine Geografie gemacht hat

Gebel el-Silsila liegt zwischen Edfu und Kom Ombo, rund 40 Kilometer südlich von Edfu, und erstreckt sich über beide Nilufer. Quer durch das Flussbett zieht eine mächtige Verwerfung aus hartem nubischem Sandstein.

Die Folge ist die engste Stelle des Nils in ganz Ägypten: Der Fluss misst hier nur 350 bis 400 Meter Breite — bei Edfu sind es 800, bei Luxor 1.250.

Aus dieser einen Tatsache folgt alles Weitere. Der Stein machte den Ort zum Steinbruch; die Enge machte ihn zum Kultort der Flut. Beides hängt an derselben Verwerfung.

Der ägyptische Name lautet ẖnj (Kheny oder Khenu), vielleicht „Ruderplatz“. Ein griechischer oder koptischer Name ist nicht belegt. Der heutige arabische Name bedeutet „Berg der Kette“.

Der Steinbruch

Kleineren Abbau gab es schon im Mittleren Reich. Der Umschwung kommt unter Hatschepsut: Von da an ersetzt Sandstein den Kalkstein als wichtigsten Baustoff für Tempel — wahrscheinlich, weil die Kalksteinbrüche von Gebelein erschöpft waren.

Von diesem Zeitpunkt an stammt der Stein für praktisch alle großen Tempel aus Gebel el-Silsila: Karnak und Luxor, die thebanischen Totentempel, Dendera, Esna, Edfu, Kom Ombo.

Eine Ausnahme ist bemerkenswert: der Isistempel von Philae. Er ist aus anderem Stein.

Die Menge des pharaonenzeitlich abgebauten Sandsteins wird auf acht Millionen Tonnen geschätzt — mehr als die Hälfte des gesamtägyptischen Aufkommens. Die Wände des größten, ptolemäischen Bruchs stehen bis zu 40 Meter hoch. Abgebaut wurde hier bis ins späte 20. Jahrhundert.

Der Betrieb hat seine eigene Logistik hinterlassen: ein Becken aus der 18. Dynastie, in dem Steine während der Überschwemmungszeit verladen wurden — man nutzte den Hochstand des Wassers als Kran. Die Kartierung des zugehörigen Hafens läuft unter Wasser.

Was der Abbau zerstört hat, weiß niemand. Der Steinbruchbetrieb lief zweitausend Jahre lang über dieselbe Fläche; wie viele ältere Anlagen dabei verschwanden, ist nicht zu beziffern.

Das Reine Wasser

Der Hauptgott ist Sobek, „Herr von Kheny“, verehrt spätestens seit der 12. Dynastie. Daneben stehen Nun in den Felskapellen und Hapi auf den Nilstelen.

Im Neuen Reich bekommt der Ort eine eigene kulttopografische Bezeichnung: pa mu wab, „das Reine Wasser“. Der Ausdruck taucht zuerst unter Amenophis II. oder Thutmosis IV. auf und wird später als Beiname an einzelne Gottheiten gehängt — an Amun-Re, Osiris, Horus, Geb, Nut, Schu, Thot und Taweret.

Der Beiname ist gewandert. In Deir el-Medina trägt Taweret ihn ebenfalls, auf einer Stele sogar als „Herrin des Reinen Wassers“. Ein Ortsbeiname wird zum Götternamen und reist mit den Arbeitern, die hier Steine geschlagen haben.

Gebel el-Silsila ist außerdem einer der wenigen Orte nördlich des Ersten Katarakts, an denen die Triade von Elephantine — Chnum, Satet und Anuket — verehrt wurde.

Die Nilstelen

Am Südende des Westufers liegt ein kleines Plateau über dem Fluss, umgeben von mehreren riesigen, schreinartigen Stelen, tief in den Fels gesetzt und von Papyrussäulen flankiert. Gestiftet haben sie Sethos I., Ramses II., Merenptah und Ramses III.

Sie halten ein dreimal jährliches Opfer an Hapi fest — und der Ort dafür ist mit Bedacht gewählt: Am Südende der Engstelle war das Steigen der Flut am auffälligsten, und selbst beim niedrigsten Stand wirkte der Pegel hier höher als anderswo. Geopfert wurde genau zum ersten Steigen und zum Tiefststand.

Zu einem der Riten gehört das „Werfen des Buches des Hapi“ — eine Schriftrolle ging in den Fluss.

Der angegebene Zweck ist unerwartet. Das Opfer sollte „das ḏsrw der Duat bedecken“, was sich am ehesten auf den Schutz des Osirisleichnams in der Unterwelt bezieht. Das Wasseropfer gilt also nicht nur dem Feld, sondern dem Toten.

Eine Stele, die zerbrach

Die Stele Ramses' III. fällt aus der Reihe: ein schlichtes Rechteck in einem freistehenden Felsen statt einer Schreinnische. Das sieht nach nachlassender Bedeutung aus.

Wahrscheinlicher ist Pech. Rechts neben der Merenptah-Stele stehen die Reste einer weiteren großen Stele; fertig sind nur Hohlkehle und der obere Teil des Rahmens, und die rechte Seite fehlt. Offenbar brach die Felskante während der Arbeit weg, und man wich auf den freistehenden Block aus.

32 Kapellen — und wozu sie gut waren

Zwischen dem Speos des Haremhab und den Nilstelen liegen 32 Felskapellen der 18. Dynastie, in die Klippe über dem Nil geschlagen. Sie schwanken zwischen 2 und 18 Quadratmetern, sind aber in Bauform, Dekoration und Inschriften auffallend einheitlich: ein Raum, hinten eine Nische mit einer oder mehreren Sitzstatuen, an der Fassade ein Türrahmen mit Opferformeln und königlichen Kartuschen auf dem Sturz.

„Kenotaph“ ist die falsche Bezeichnung, auch wenn sie oft benutzt wird: Es gibt keine Bestattungseinrichtungen. Die Grabgruben in einigen Kapellen sind spätere Eingriffe. Die nächste Entsprechung sind thebanische Grabkapellen mit Opferkult für den Verstorbenen und seine Familie.

Die Besitzer sind hohe Beamte der 18. Dynastie, fünfzehn Kapellen sind über Königsnamen fest datiert. Das führt auf die eigentliche Funktion: eine königliche Gunst. Der König erlaubte einem Beamten einen Opfer- und Gedächtniskult an einem Ort, der der lebenspendenden Flut heilig war — und setzte seine eigene Kartusche über die Tür.

Musikanten, Tänzer und in einem Fall ein Lied gehören zur Dekoration; die Sache hatte Festcharakter.

Wer hier eigentlich opferte

Die Kapellen liegen in der Felswand. Ein regelmäßiger Kult durch Menschen kann dort kaum stattgefunden haben.

Manche Forscher haben daraus geschlossen, die Flut selbst habe den Kult vollzogen — das Wasser sei bei Hochstand in die Kapellen eingetreten.

Kucharek hält dagegen, und der Einwand ist nüchtern: Dass man so nah wie möglich an der Flut bauen wollte, ist offensichtlich, und manche Anlagen wurden dabei teilweise überflutet. Aber in der Dekoration steht kein Hinweis darauf, dass man sie der zerstörenden Kraft des Wassers absichtlich ausgesetzt hätte.

Der Kult war eher virtuell — er stand geschrieben und gemeißelt da, statt begangen zu werden.

Die Ausnahme

Kapelle 16 gehört Senenmut, dem Vertrauten der Hatschepsut, und hält sich nicht an das Schema. Auf den Seitenwänden opfert Senenmut verschiedenen Gottheiten, die ihm Leben, Dauer und Herrschaft zurückgeben; auf der Rückwand wird Hatschepsut von Sobek und Nechbet umarmt.

Damit nähert sich die Dekoration der eines Tempels an — mit Senenmut an der Stelle, an der sonst der König steht.

Der Speos des Haremhab

Der Felstempel im Norden war wahrscheinlich einmal ein Galeriebruch — ein ausgehöhlter Steinbruch, der zum Tempel umgewidmet wurde.

An der Rückwand des Sanktuars sind sieben Kultempfänger aus dem Fels gehauen: in der Mitte Amun-Re, flankiert von Mut und Chons, daneben Taweret und Sobek; der König selbst steht zwischen Chons und Thot. Taweret ist nicht die mittlere Figur, aber durch einen Geier über ihrer Statue hervorgehoben. Die Seitenwände tragen Namen und Figuren von 61 Gottheiten.

Vor dem Podest standen drei weitere Figuren, die so gründlich zerstört wurden, dass nur ihre Umrisse blieben. Inschriften verraten, wem sie gehörten: Ramose, dem Architekten des Tempels.

Der auffälligste spätere Zusatz stammt von Chaemwaset, dem Hohepriester von Memphis und Sohn Ramses' II. — mehrere seiner Stelen erinnern an die Jubiläumsfeste seines Vaters.

Was daraus folgt

Der Kultbetrieb endet mit dem Neuen Reich. Sobek, Herr von Kheny, wird danach noch im ptolemäischen Kom Ombo genannt, aber an seinem eigenen Ort ist er nach der Ramessidenzeit nicht mehr belegt.

Der Steinbruch lief weiter, der Kult nicht. Die religiöse Bedeutung hing an der 18. und 19. Dynastie — an einer Zeit, in der der König als Empfänger privater Verehrung und als Vermittler auftrat und in der eine Felskapelle über dem Nil eine Auszeichnung war.

Der Forschungsstand ist unbefriedigend, und das gehört dazu. Die Egypt Exploration Society hat von 1955 bis 1982 sämtliche Denkmäler des Ortes aufgenommen. Veröffentlicht ist davon bis heute nur ein einziger Band — der zu den Felskapellen. Alles Übrige liegt im Archiv. Wer über Gebel el-Silsila arbeitet, ist deshalb weiter auf Champollion, Rosellini und Lepsius angewiesen, die 1829 und 1843/44 wenige Tage dort waren.