Ort · Oberägyptengut belegt
Karnak
heute: el-Karnak bei Luxor
Der größte Tempelbezirk Ägyptens — und kein einzelner Tempel, sondern vier Bezirke, die über zwei Jahrtausende immer wieder abgerissen und neu gebaut wurden.

Der Große Säulensaal im Amun-Re-Bezirk — ein Bauteil von vieren. Der Eintrag behandelt den gesamten Tempelbezirk.
- Zeitraum
- Erste Zwischenzeit bis Römerzeit
- Region
- Oberägypten
- Gau
- 4. oberägyptischer Gau (Theben)
- Hauptgottheiten
- Amun-Re · Mut · Chons · Month · Ptah · Aton (zeitweilig)
- Bauten
- Erster bis zehnter Pylon · Großer Säulensaal (Sethos I.) · Achmenu-Festhalle (Thutmosis III.) · Wadjet-Halle · Weiße Kapelle Sesostris’ I. · Rote Kapelle der Hatschepsut · Heiliger See · Chonstempel · Ptahtempel · Opet-Tempel
Vier Bezirke, nicht ein Tempel
„Karnak“ ist ein Sammelname. Die Anlage besteht aus getrennten, jeweils eigen ummauerten Bezirken: Süd-Karnak mit dem Tempel der Mut, Ost-Karnak mit dem Atontempel, Nord-Karnak mit dem Tempel des Month und in der Mitte der große Bezirk des Amun-Re. Wer von „dem Tempel von Karnak“ spricht, meint fast immer nur den letzten.
Der Anfang ist jünger, als die Größe vermuten lässt
Der erste unbestreitbare Beleg für einen Amun-Re-Tempel an dieser Stelle stammt aus der Regierung Intefs II., also aus der Ersten Zwischenzeit — ein kleiner Ziegelbau, wahrscheinlich mit steinerner Säulenvorhalle. Belegt ist er durch eine wiederverwendete Sandsteinsäule mit seiner Weihinschrift und durch eine Stele der Intef-Nekropole, die einen „Tempel des Amun“ nennt.
Lange galt etwas anderes. Die Forschung setzte den Tempel ins Alte Reich, und zwar aus zwei Gründen: Die „Ahnenkammer“ in der Achmenu-Festhalle zeigt Thutmosis III. vor einer ausgewählten Königsreihe, die mit Snofru und vier weiteren Herrschern des Alten Reichs beginnt — was manche als Liste der Bauherren des Tempels lasen. Dazu kam eine Statue des Niuserre aus den Grabungen um 1900.
Beides trägt nicht. Eine Königsliste muss keine Bauherren verzeichnen, und von der Statue ist nicht bekannt, ob sie überhaupt in einem Amuntempel stand. Entscheidend ist ein dritter Befund: Luc Gabolde hat eine Statue Pepis I. mit dem Beiwort „geliebt von Amun-Re“ als spätzeitliche Weihgabe bestimmt. Wenn es üblich war, Statuen früherer Könige nachträglich zu stiften, beweist altes Steinbild an diesem Ort gar nichts.
Und dann fehlt das, was da sein müsste: In den bis auf das erwartete Niveau des Alten Reichs untersuchten Bereichen gibt es keine Keramik jener Zeit. Ein Tempel ohne Scherben ist kein Tempel.
Ein feiner Punkt am Rand, der die Sache stützt: Ein Bau des Alten Reichs hätte ohnehin nicht „Amun-Re“ gehören können — der zusammengesetzte Name erscheint erst danach.
Der Nil hat den Grundriss bestimmt
Die Anlage wuchst nicht gleichmäßig, sondern nach Westen, und der Grund liegt im Fluss. Eine Malerei im thebanischen Grab des Neferhotep (TT 49) zeigt ein großes T-förmiges Becken mit Kanal und einem Kai an seiner Ostseite. Lag es dort, wo später der zweite Pylon steht, muss der Nil sich seit dem Mittleren Reich nach Westen verlagert haben — erst das machte die Ausdehnung überhaupt möglich. Horemheb musste das Becken für seinen zweiten Pylon wieder zuschütten. Zur Zeit Schoschenks I. floss der Fluss dann unmittelbar an den neuen Kai heran.
Ein Legitimationsbauwerk
Ab der 18. Dynastie diente der Tempel dazu, die gottgewollte Auswahl des Königs zu zeigen. Thutmosis I. ließ dafür die Wadjet-Halle anlegen, in der Krönungsriten stattfanden — Amun-Re bestätigte die Wahl. Derselbe König errichtete das erste Obeliskenpaar in Karnak, vor dem vierten Pylon, und begann damit eine Konkurrenz, die spätere Herrscher mit immer größeren Monolithen weiterführten.
Wie sehr hier gebaut und wieder abgebaut wurde, zeigt diese eine Halle: Thutmosis I. stellte Steinsäulen auf; Hatschepsut entfernte sie, setzte fünf vergoldete Papyrussäulen aus Holz hinein und dazu zwei Granitobelisken mit Elektronbeschlag, von denen einer noch steht; Thutmosis III. ummantelte die Obelisken mit einem Steinbau, nahm die Holzsäulen heraus und ersetzte sie durch Sandstein; Amenophis II. brachte die Südhälfte zu Ende. Vier Regierungen, ein Raum.
Die Tilgung der Hatschepsut kam spät — und war chirurgisch
Die geläufige Erzählung lautet, Thutmosis III. habe Karnak aus Hass auf seine Tante umgebaut. Die Bauchronologie sagt etwas anderes.
Das Einmauern ihrer Obelisken geschah deutlich vor der Ächtung und gehört zum Umbau der Halle, nicht zu einer Rache; nach Larchés Rekonstruktion könnte die Königin es sogar selbst veranlasst haben. Die Ächtung selbst fällt erst in die Zeit nach dem 42. Regierungsjahr — nach über zwanzig Jahren gemeinsamer Herrschaft und nachdem die meisten Umbauten längst liefen.
Und sie war zurückhaltend: sorgfältiges Auskratzen des Namens, an dessen Stelle Thutmosis I. oder II. trat, behutsame Änderung der Bilder, nur gelegentlich echte Zerstörung. Die Obelisken blieben unangetastet. Die Szenen der Roten Kapelle wurden erst getilgt, nachdem sie abgebaut war und ihre Blöcke unbenutzt im Bezirk lagen.
Damit gehören Thutmosis' Eingriffe überwiegend in eine lange Tradition des Umbauens, an der Hatschepsut selbst beteiligt war. Erst ganz am Ende seiner Regierung wurden Name und Bild für tilgungswürdig gehalten.
Der Bruch und was von ihm blieb
Echnaton baute zunächst am Werk seines Vaters weiter, verlegte den Schwerpunkt dann aber nach Ost-Karnak, in einen Jubiläumskomplex aus kleinen, tragbaren Sandsteinblöcken — den Talatat. Vom Gempaaten ist der westliche Teil freigelegt, ein Hof mit umlaufender Pfeilerhalle. Im fünften Regierungsjahr wandte sich der König gegen die übrigen Götter; Amun war das Hauptziel, und der Tempel wurde geschlossen, sein Vermögen in die neue Stadt umgeleitet.
Horemheb machte das rückgängig — und zwar so, dass wir davon wissen: Er ließ die Atonbauten Block für Block abtragen und in den Fundamenten und Füllungen seiner eigenen Pylone verbauen, im zweiten, neunten und zehnten. Aus dieser Füllung sind die Talatat wieder herausgekommen.
Der Große Säulensaal ist Sethos' I. Werk
Die Zuweisung ist gesichert, nicht überliefert: Die frühesten Inschriften an den Obergadenfenstern und den Architraven des Mittelschiffs nennen Sethos I., und die Art der Ausführung entscheidet es — die höchsten Stellen wurden dekoriert, bevor die Bauriegel aus Lehmziegeln abgetragen waren, also unmittelbar nach dem Aufbringen des Dachs. Zwölf Säulen tragen das Mittelschiff, 122 die Seitenschiffe. Ramses II. führte das Programm zu Ende.
Wirtschaftsbetrieb und die Frage des Zugangs
Der Bezirk war Betrieb, nicht nur Kultort. Blöcke des „Speichers des Amun“ stecken in den Türmen des zweiten Pylons; thebanische Grabbilder zeigen ihn als Folge rechteckiger Räume mit Getreidehaufen. Ein zweites Gebäude, ein šnꜥ-wꜥb, diente der Zubereitung der Opfergaben. Innerhalb der Umfassungsmauer Thutmosis' III. sind sechs Priesterwohnungen ausgegraben — kleine Ziegelhäuser mit Höfen.
Wer nicht hinein durfte, hatte trotzdem einen Ort. Dafür gab es Gegentempel: an die Rückwand angebaut, nach außen geöffnet, oft mit Königsstatuen, die man anrief, damit sie bei den Göttern vermitteln. Der Tempel war für die meisten Menschen eine Mauer mit einer Sprechstelle.
Der Osttempel: „der die Gebete hört“
Der Ostbereich hinter dem Hauptachsenende ist der Teil von Karnak, der den Nichtpriestern gehörte — und zwar über rund tausend Jahre, von Thutmosis III. bis Ptolemaios VIII. Sein Mittelpunkt ist der Osttempel, etwa 400 Meter hinter dem ersten Pylon, beim „einzigen“ Obelisken.
Zur Zuschreibung ist Vorsicht geboten. Ramses II. hat den Bau zwischen seinem 40. und 46. Regierungsjahr teilweise errichtet und vollständig neu dekoriert — das Mauerwerk verbirgt aber ältere Strukturen. Ein Vorgängerbau könnte auf Haremhab zurückgehen; die Säulen des Hypostyls standen wahrscheinlich schon in thutmosidischer Zeit und wurden ramessidisch umgearbeitet. „Ramses II. errichtete“ ist also zu grob.
Der Beiname sḏm nḥt, „der die Gebete hört“, ist sonst für Privatdenkmäler typisch, nicht für königliche Bauten. Wer hört, sagen die Inschriften uneinheitlich: mal Ramses, mal Amun-Re, mal beide. Die gängige Deutung sieht darin keine Funktionsänderung, sondern eine Angleichung von König und Gott — passend dazu empfangen den Besucher zwei Osirispfeiler mit dem Gesicht Ramses’ II., deren Fleisch blau bemalt ist wie sonst das des Amun.
Zu den Orakeln eine Einschränkung: Dass hier Orakelentscheide ergingen, ist plausibel und wird oft angenommen — belegt ist es nicht. In den erhaltenen Inschriften des Baus findet sich keine der eindeutig orakelhaften Wendungen. Für die Prozessionsbarke sprechen immerhin Graffiti mit dem Widderkopf der Amunsbarke an Außenwand und Türrahmen.
Ein Nachtrag zur Vorsicht
Die Baugeschichte der frühen 18. Dynastie ist nicht abgeschlossen. François Larché hat eine grundlegend andere Chronologie vorgeschlagen: Amenophis I. habe den Tempel Sesostris' I. abgetragen und neu nach Westen orientiert; vierter Pylon, Wadjet-Halle und der Vorläufer des dritten Pylons gingen nicht auf Thutmosis I. und II. zurück, sondern auf Hatschepsut. Ob sich das durchsetzt, ist offen. Wer eine Jahreszahl für einen Bauteil in Karnak liest, sollte wissen, dass mehrere davon strittig sind.