Ort · Oberägyptengut belegt
Edfu (Tell Edfu)
Bḥdt/ḎbꜣApollinopolis Magnaheute: Edfu
Nicht der berühmte Horustempel, sondern die Stadt daneben: einer der letzten gut erhaltenen Siedlungshügel Ägyptens, mit 3.000 Jahren Schichten übereinander.

Der Siedlungshügel, nicht der Tempel: Jede Schicht dieser Wand ist ein Stück Stadtgeschichte. Die senkrechten Schnitte stammen vom Sebbach-Abbau.
- Zeitraum
- Frühdynastisch bis ca. 10. Jh. n. Chr.
- Region
- Oberägypten
- Gau
- 2. oberägyptischer Gau
- Hauptgottheiten
- Horus Behdeti · Hathor
- Bauten
- Siedlungshügel, 365 × 168 m, 10–15 m hoch · Stadtmauern des Alten Reichs und der Ersten Zwischenzeit · Säulenhalle des späten Mittleren Reichs · Silohof der 17. Dynastie · Ptolemäischer Horustempel (ab 237 v. Chr.)
Warum dieser Eintrag nicht vom Tempel handelt
Edfu kennt man wegen des Horustempels — dem besterhaltenen Großtempel Ägyptens. Der steht beim Eintrag zu Horus.
Hier geht es um das, was daneben liegt und wovon kaum jemand spricht: die Stadt. Sie ist einer der letzten gut erhaltenen Siedlungshügel Ägyptens und archäologisch das seltenere Gut. Tempel gibt es viele; Städte kaum, weil sie unter modernen Städten liegen oder abgetragen wurden.
Namen und Lage
Edfu liegt am Westufer, auf halbem Weg zwischen Luxor und Assuan, und war Hauptstadt des 2. oberägyptischen Gaus. Zwei ägyptische Namen sind belegt: Bḥdt (Behedet, seit dem Alten Reich) und Ḏbꜣ (Djeba, ab dem Mittleren Reich). Aus dem zweiten wird der koptische Name Etbo und daraus der heutige. Griechisch hieß der Ort Apollinopolis Magna.
Die Stadt liegt auf einem natürlichen Sandsteinsporn — hoch genug, um die jährliche Flut zu überstehen. Von hier führten Wüstenwege nach Osten ans Rote Meer und nach Westen zur Oase Charga; Edfu war Ausgangspunkt für Handels- und Bergbauexpeditionen.
Der Hügel und die Bauern, die ihn abgetragen haben
Der Tell ragt heute noch zehn bis fünfzehn Meter über die Türschwelle des Tempels und misst 365 mal 168 Meter. Was ihn ausmacht, sind übereinanderliegende Siedlungsschichten aus mehr als 3.000 Jahren.
Große Teile davon sind zerstört, und zwar von Bauern. Um 1900 wurde der Hügel im großen Stil nach Sebbach abgegraben — dem nährstoffreichen Zersetzungsprodukt alter Lehmziegel, das als Dünger taugt. Zurück blieben zwei steinbruchartige Löcher, die man heute Nord- und Südbruch nennt.
Der Verlust hat eine Kehrseite, und sie ist der Grund, warum man hier überhaupt etwas weiß. Die Grabungen der Sebbach-Sucher haben senkrechte Schnitte hinterlassen. In diesen Wänden liegt die Schichtenfolge offen: Mauern des Alten Reichs, Keramik der Ersten Zwischenzeit, Straßen, die sich über Jahrhunderte aufgehöht haben. Was eine Grabung mühsam herstellen müsste, ist hier bereits aufgeschnitten.
Was die Schichten erzählen
Altes Reich
Ab der 4. Dynastie ist Siedlung nachweisbar, umgeben von einer befestigten Stadtmauer: mehrere aneinandergebaute Lagen mit geböschter Außenseite, rund drei Meter breit, fünf Meter hoch erhalten. Die Reste zeigen durchgehend eine auffällig rote Färbung — vermutlich die Spur eines schweren Brandes, der noch nicht untersucht ist.
Südwestlich lag der Friedhof mit Lehmziegel-Mastabas der örtlichen Oberschicht. Dort liegt auch der Gaufürst Isi, der nach seinem Tod als lokaler Heiliger verehrt wurde.
Erste Zwischenzeit — kein Niedergang
Die Erste Zwischenzeit gilt als Zeit des Zerfalls. In Edfu ist das Gegenteil messbar. Eine neue Stadtmauer, sechs Meter breit, verdoppelt die eingeschlossene Fläche gegenüber dem Alten Reich.
Wie eilig es dabei war, sieht man an ihrem Verlauf: Sie läuft quer über den alten Friedhof und benutzt die Mastaba-Aufbauten als Fundament. Der Friedhof wird dadurch zerschnitten — ein Teil liegt fortan innerhalb der Stadt, der andere draußen. Das Grab des Isi blieb ungeschützt außerhalb.
Ob die Mauer gegen eine konkrete Bedrohung gebaut wurde, ist offen. Es gibt aber einen Text dazu: Anchtifi von Moalla beschreibt in seiner Grabinschrift, wie er die Stadt Edfu einnimmt. Örtliche Machtkämpfe scheinen in dieser Zeit häufig gewesen zu sein.
Mittleres Reich: ein Amtssitz mit zwei Säulenhallen
An der Ostseite des Tells kam ein großer Verwaltungsbau zutage — wahrscheinlich der Sitz des Bürgermeisters. Zur südlichen Säulenhalle gehören sechs Sandstein-Säulenbasen in situ; die Säulen selbst waren achteckig und aus Holz, was ihre Abdrücke im Boden verraten.
Der Lehmfußboden besteht aus 25 bis 30 Einzellagen — jede eine Erneuerung. Allein daran lässt sich ablesen, wie lange der Bau in Gebrauch war.
Gefunden wurden Tonsiegel, mit denen Papyri, Kisten, Körbe und Türen verschlossen waren, dazu hieratische Ostraka. Eines der Siegel zeigt den König mit der Doppelkrone und davor die Kartusche Amenemhets III.
Der Silohof — und ein Datierungsproblem
In der 17. Dynastie wurde der Verwaltungsbau sorgfältig abgetragen und durch einen Silohof ersetzt. Die runden Lehmziegel-Speicher haben 5,5 bis 6,5 Meter Durchmesser und sind damit die größten, die bisher im Inneren einer ägyptischen Stadt gefunden wurden. Zehn große sind ausgegraben, dazu kleinere.
Der wichtigste Fund von Tell Edfu ist aber ein Stapel Tonsiegel. In der Abbruchschicht der nördlichen Säulenhalle lagen 41 Siegel mit der Kartusche des Hyksosherrschers Chajan — und im selben Zusammenhang neun Siegel Sobekhoteps IV. aus der Mitte der 13. Dynastie.
Beide wurden bis dahin rund hundert Jahre auseinander datiert. Beide zugleich in einem gesicherten Fundzusammenhang bedeutet: Die überlieferte Abfolge kann so nicht stimmen.
Es ist außerdem der erste sichere archäologische Nachweis der Hyksos südlich von Gebelein — und damit ein Beleg für Wirtschaftskontakte zwischen Nord und Süd zu einer Zeit, in der man vor allem an Gegnerschaft denkt.
Warum das hier ausführlich steht: Es ist ein seltener Fall, in dem eine Grabungsschicht eine Königsliste korrigiert. Absolute Daten der ägyptischen Chronologie hängen an solchen Verschränkungen — siehe die Zeittafel.
Danach
Vom späten Neuen Reich bis in die Dritte Zwischenzeit klafft in diesem Grabungsbereich eine Lücke: keine Bauten, dafür mächtige Müllverfüllungen und eine dicke Ascheschicht. Das Stadtzentrum mit der Verwaltung ist offenbar woanders hingezogen.
Erst in der frühen Spätzeit entstehen hier wieder Häuser, mit quadratischen, in den Boden eingelassenen Kellermagazinen; eines ist auf volle zwei Meter Höhe erhalten, samt drei Holzbalken der Abdeckung. Eine hölzerne Falltür muss es gegeben haben, erhalten ist sie nicht.
Im frühen 3. Jahrhundert v. Chr. folgt eine Neubesiedlung — vermutlich im Zusammenhang mit dem Tempelneubau unter Ptolemaios III. Aus römischer Zeit sind ein Marktplatz und ein Badehaus nachgewiesen, dazu, über Ostraka bestimmt, ein kleines jüdisches Viertel.
Nach koptischen Häusern und einem frühislamischen Friedhof wird der Platz um das 10. Jahrhundert n. Chr. endgültig aufgegeben.
Wie man hier gegraben hat
Die erste offizielle Grabung fand 1914 statt, und ihr Ziel sagt viel über die Zeit: Man suchte griechische Papyri. Die Ergebnisse wurden nie veröffentlicht.
Ab 1921 grub H. Henne, ein Papyrologe aus Lille; ab 1937 arbeitete eine französisch-polnische Mission unter Bruyère und Michalowski, bis der Zweite Weltkrieg 1939 die Arbeit beendete. Danach passierte 66 Jahre lang nichts. Erst 2005 begann das Tell Edfu Project mit einer Grabung, die sich gezielt der Siedlung des Alten Reichs widmet.
Eine Warnung steckt in der älteren Arbeit. Bei der Freilegung der spätzeitlichen Häuser 1923 wurden die Mauern von ihrer Schichtung und ihren Fußböden befreit — genau von dem also, woraus sich Nutzungsphasen, Funktion und Aufgabezeitpunkt hätten bestimmen lassen. Die Mauern stehen noch; was sie datieren würde, ist weggeräumt.