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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Ort · Oberägyptenmittelmäßig belegt

Schenhur

Pꜣ-š-Ḥrheute: Schenhur

Ein Isistempel der Römerzeit zwischen Koptos und Theben — klein, schlecht erhalten und gerade deshalb aufschlussreich für die Religionsgeographie der Region.

Zeitraum
Augustus bis Trajan; Nachnutzung als Wohnplatz im 5.–7. Jh. n. Chr.
Region
Oberägypten
Hauptgottheiten
Isis als „Die Große Göttin“ · Horudja · Min · Mut
Bauten
Augustustempel mit Sanktuar, Wabet und Neujahrshof · Gegentempel an der Rückwand · Seitenkapelle des Horudja (Tiberius) · Säulenhalle zwischen beiden (Nero) · Pronaos mit 18 Säulen (Trajan) · Krypten hinter dem Sanktuar und unter der Wabet

Der See des Horus

Der Ort liegt 20 Kilometer nördlich von Luxor am Ostufer des Nils. Sein heutiger arabischer Name geht auf den altägyptischen zurück: pꜣ-š-Ḥr, „der See des Horus“ — zwischen den beiden Bestandteilen kann ein Genitiv-n stehen. Über das Koptische ist der Name durchgehend belegt.

Ein Tempel mit Datum

Die erhaltene Dekoration ist vollständig römisch, und sie lässt sich ungewöhnlich genau nach Kaisern staffeln:

Bauteil unter
Sanktuar, Fassade, Mitteltore, Kultrelief der Rückwand Augustus (30 v.–14 n. Chr.)
nördliche Außenwand, Seitenkapelle des Horudja Tiberius (14–37)
Innenwände der Wabet Caligula (37–41)
östliche und westliche Außenwand Claudius (41–54)
Säulenhalle zwischen Tempel und Kapelle wohl Nero (54–68)
Pronaos, 13 × 29 m, 18 Säulen Trajan (98–117)

Der Kernbau misst 29 × 44 Meter. Was zuerst dekoriert wurde, sagt etwas über die Rangfolge: Sanktuar und Kultrelief waren die beiden heiligsten Orte des Baus, und genau sie kamen unter Augustus zuerst an die Reihe — zusammen mit dem Weg dorthin. Der angrenzende Neujahrshof blieb dagegen ganz undekoriert, und die übrigen Innenräume des Augustusbaus wurden nie beschriftet.

Hinweise auf einen vorrömischen Vorgängerbau gibt es, sie sind aber schwach.

Wo die Leute standen

Das Kultrelief sitzt auf der Nord-Süd-Achse unter der Öffnung einer Scheintür. Dort zeigte sich die Große Göttin Isis den Menschen, die sich im Gegentempel versammelt hatten.

Gegentempel sind in ganz Ägypten belegt und geben denen einen Ort, die das Sanktuar nicht betreten durften. Schenhur zeigt dabei etwas, was ein großer Tempel verdeckt: Der Laienzugang war kein Anbau, sondern von Anfang an mitgeplant. Die Löcher für die Dachbalken des ersten kleinen Portikus über dem Kultrelief durchschneiden die Reliefdekoration nicht — sie waren von vornherein vorgesehen. Später wurde der Portikus durch eine breitere Überdachung über die ganze Rückwand ersetzt; deren Balkenlöcher schneiden dann sehr wohl hinein.

Vier Gesichter der Isis

Die älteste Dekoration weist den Tempel der Isis zu, und zwar in vier Erscheinungsformen zugleich: „Isis die Große, Mutter der Götter“, „Die Große Göttin Isis“, Mut und Nephthys Nebet-Ihi. Die Forschung spricht von einer Art Isis Quadrifrons.

Die astronomische Decke der Wabet trägt zudem einen Teil eines Tierkreises — eines der Elemente, die erst in griechisch-römischer Zeit nach Ägypten kommen.

Wozu Wabet und Neujahrshof da waren

Die beiden Räume, die in der Bauliste oben nebeneinanderstehen, gehören zusammen — und zwar als Station einer Prozession. Der Komplex aus Wabet und offenem Hof ist der Ort, an dem am Neujahrstag die Götterstatuen gereinigt, gekleidet und geschmückt wurden, bevor sie weiter aufs Dach getragen wurden, um im Sonnenlicht neu belebt zu werden.

Damit erklärt sich auch die Decke. Ein Raum, in dem Statuen für die Begegnung mit der Sonne vorbereitet werden, trägt sinnvollerweise den Himmel an der Decke.

Offen bleibt, warum der Neujahrshof undekoriert blieb. Dass ein Raum, in dem gehandelt statt gelesen wird, keine Wandtexte braucht, wäre eine naheliegende Erklärung — belegt ist sie nicht. Die Quellen sagen nur, dass er es blieb.

Wie aus Beinamen Göttinnen wurden

Zwei dieser vier Namen sind gar keine Namen, sondern Beinamen, die sich verselbständigt haben: tꜣ-nṯrt-ꜥꜣt, „die große Göttin“, und nbt-jhj, „die Herrin der Freude“. Die Ägyptologie nennt diesen Vorgang Antonomasie.

Er ist ein Kennzeichen später Texte: Ein Beiname löst sich vom Namen, wird eigenständig und schließlich örtlich als eigene Gottheit verehrt. Schenhur ist dafür ein Standardbeispiel — zusammen mit dem benachbarten Tempel von El-Qala.

Damit liest sich die Isis Quadrifrons anders. Es sind nicht vier Göttinnen, die zufällig an einem Ort zusammenkommen, sondern eine Göttin, deren Beinamen an diesem Ort eigenes Leben bekommen haben. Beide gelten als Erscheinungsformen von Isis und Nephthys — und genau das steht ja schon in der Aufzählung, nur ohne den Begriff dafür.

Der kleine Tempel zeigt damit im Kleinen, warum die Zahl ägyptischer Gottheiten so schwer zu bestimmen ist: Ein Teil dieser „Götter“ sind Beinamen, die selbständig geworden sind.

Warum ein kleiner Tempel wichtig ist

Schenhur liegt zwischen zwei großen Kultzentren, Koptos und Theben, und beide Systeme sind an den Wänden zu sehen: die Triaden von Theben (Amun, Mut, Chons) und von Koptos (Min, Isis, Harpokrates).

Aber sie sind nicht gleich stark. Die koptitische Theologie überwiegt deutlich — koptitische Gottheiten wie Min, Isis, Geb und Horudja erscheinen häufig, und selbst thebanische Gottheiten wie Mut tragen hier Beinamen, die für die Region von Koptos kennzeichnend sind, etwa „Die Große Göttin“.

Das passt zur Lage in der Römerzeit. Theben, früher das Zentrum, bekommt in dieser Epoche nur noch kleinere Tempel und bescheidene Anbauten. Die Region um Koptos dagegen blüht: Die Steinbrüche der Ostwüste werden stark ausgebeutet, ein Straßennetz erschließt sie, und Koptos ist der Hauptumschlagplatz für die Karawanenwege zu den Häfen am Roten Meer, darunter die Route durch das Wadi Hammamat.

Ein Datierungsdetail mit Gewicht: Die Große Göttin und Horudja sind in Schenhur erstmals unter Tiberius bezeugt, im benachbarten el-Qal'a dagegen erst unter Claudius. Solche Unterschiede von wenigen Jahrzehnten sind es, aus denen sich die Kultgeographie einer Region rekonstruieren lässt — und dafür ist gerade der kleine, genau datierbare Bau brauchbar.

Der Zustand ist schlecht, und man weiß warum

Der Augustusbau besteht aus minderwertigem Kalkstein mit Fossileinschlüssen. Die verwittern ungleichmäßig, weshalb ein großer Teil der Inschriften unlesbar ist. Die besser gebauten Teile — Säulenhalle, Pronaos, Seitenkapelle — wurden zum Kalkbrennen abgebaut. Dazu kommen steigendes Grundwasser und Salzkristalle, die die Oberfläche der unteren Steinlagen absprengen.

Die Seitenkapelle des Horudja wurde deshalb erst 1992 entdeckt: Vom Steinraub war nur die unterste Lage übrig.

Was danach kam

Im 5. bis 7. Jahrhundert n. Chr. diente der Tempel als Wohnplatz. An die West- und Nordaußenwand waren kleine Wohnbauten aus Lehmziegeln gesetzt, teils mit Speichern und einem Ofen; die Keramik datiert sie ins 5. bis 6. Jahrhundert.

Aus derselben Zeit stammen Spuren gezielter Zerstörung. Das auffälligste Stück ist der fragmentarisch erhaltene Kopf einer Kalksteinstatue, die eine Göttin oder eine Königin darstellte.