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Netjeru

Nachschlagewerk zu den Göttern und Mythen des alten Ägypten — 134 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Dämonen & Mischwesengut belegt

Apophis

griechisch Apophis, Apep · ägyptisch ꜥꜣpp

Die Riesenschlange des Chaos, die jede Nacht die Sonnenbarke angreift — Ägyptens einzige wirklich gegengöttliche Macht.

ꜥꜣppUmschrift
Zuständig für
Chaos, Finsternis, Vernichtung der Ordnung
Bezeugt
Erste Zwischenzeit bis Römerzeit
Kultorte
kein Kult — nur Vernichtungsrituale gegen ihn
Familie
Herkunft: unklar; teils als aus dem Nun entstanden gedacht, ohne Schöpfer
Gegner: Re, Seth, Mehen, Bastet, Serket, Neith

Erscheinung

Gewaltige Schlange, oft mit vielen Windungen, von Messern durchbohrt, mit Fesseln, gelegentlich in Stücke geschnitten dargestellt.

Das Gegenprinzip

Apophis ist nicht der Gegenspieler eines einzelnen Gottes, sondern der Ordnung als solcher. Er isst nicht, spricht nicht, herrscht nicht — er will nur, dass der Lauf aufhört. In den Unterweltsbüchern legt er sich als Sandbank in den Weg oder trinkt das Wasser des Flusses aus, sodass die Barke stecken bleibt. Besiegt wird er täglich, vernichtet nie: Chaos lässt sich in ägyptischer Sicht dauerhaft nur in Schach halten.

Außerhalb der Kategorien

Apophis steht in diesem Wiki unter Dämon, weil es keine passendere Kategorie gibt. Lucarelli hält dagegen ausdrücklich fest: Die Riesenschlange ist zwar das Urbild der dämonischen Schlangenwesen der Unterweltsbücher — der vielköpfigen, geflügelten Wächter wie Nehebkau —, steht aber wegen ihrer einzigartigen Rolle als kosmischer Feind des Sonnengottes außerhalb der Kategorien von Göttern und Dämonen.

Das ist kein Wortstreit. Dämonen sind in ägyptischer Sicht Untergebene: Sie handeln im Auftrag von Göttern oder wenigstens in einem umgrenzten Zuständigkeitsbereich, und wer ihre Namen kennt, kann mit ihnen umgehen. Apophis hat keinen Auftraggeber, keinen begrenzten Zuständigkeitsbereich und keinen Kult, und mit ihm lässt sich nicht verhandeln, nur kämpfen. Ein böser Gott ist er damit ebenso wenig wie ein besonders starker Dämon.

Seth als Verbündeter

Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet Seth, der Mörder des Osiris, an der Spitze der Barke steht und Apophis mit dem Speer bekämpft. Das zeigt, wie das ägyptische Denken funktioniert: Setzt man Gewalt gegen die Ordnung ein, ist sie Verbrechen; setzt man dieselbe Gewalt für die Ordnung ein, ist sie unentbehrlich.

Praktische Abwehr

Das „Buch vom Niederwerfen des Apophis“ (Papyrus Bremner-Rhind, 4. Jh. v. Chr.) ist eine Ritualanleitung: Man fertigte Wachsfiguren der Schlange, schrieb ihren Namen darauf, bespuckte, zerschnitt und verbrannte sie. Solche Rituale wurden im Tempel von Karnak täglich ausgeführt, mit ausdrücklicher Anwendung auch auf Landesfeinde. Sonnenfinsternisse und Gewitter galten als Momente, in denen Apophis kurzzeitig Erfolg hatte.

Die Gattung dahinter

Diese Sprüche stehen nicht für sich, sondern gehören zu den Ächtungsritualen, einer der ältesten und am längsten belegten Ritualgattungen Ägyptens.

Am Anfang steht das Zerschlagen roter Töpfe — ursprünglich beim Totenopfer, aus dem sich bis zum Alten Reich ein eigenständiger Ächtungsritus entwickelte. Später kamen Papyrus, Haarbüschel, Figuren und Statuetten aus Ton, Stein, Wachs oder Holz hinzu.

Das Verfahren war abgestuft, und jede Handlung konnte einen eigenen Ritus verlangen: Die Objekte wurden gefesselt, zerschlagen, zertreten, erstochen, zerschnitten, durchbohrt, bespuckt, in eine Kiste gesperrt, verbrannt und mit Urin übergossen — und am Ende fast immer vergraben, mitunter kopfüber.

Der Ernst dieser Praxis lässt sich nicht wegdeuten: Für Auaris ist in einem Zusammenhang der frühen 18. Dynastie belegt, dass auch Menschen als Ächtungsopfer dienten. Was auf Papyrus als Zauber gegen eine mythische Schlange erscheint, hatte am anderen Ende eine sehr wörtliche Anwendung.

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