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Netjeru

Nachschlagewerk zu den Göttern und Mythen des alten Ägypten — 134 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Schöpfung & UrzeitSonne, Himmel & Gestirnegut belegt

Atum

griechisch Atum, Tum · ägyptisch Jtm / Tm

Der Urgott von Heliopolis, der sich selbst erschuf und aus dem alles Übrige hervorging — zugleich die Abendgestalt der Sonne.

Jtm / TmUmschrift
Zuständig für
Urschöpfung, Abendsonne, Vollendung, Königtum
Bezeugt
Pyramidentexte (5. Dyn.) bis in die Römerzeit
Kultorte
Heliopolis (Jwnw / On), Per-Tem im Ostdelta, Herakleopolis
Familie
Herkunft: unerschaffen, aus dem Urwasser Nun aufgestiegen
Kinder: Schu und Tefnut
Enkel: Geb und Nut
Stellung: Haupt der heliopolitanischen Neunheit

Erscheinung

Menschengestalt mit der Doppelkrone, seltener mit Nemes-Kopftuch; daneben Tiergestalten am Rand der Schöpfung: Schlange, Aal, Ichneumon, Skarabäus, Löwe, Stier.

Name und Bedeutung

Der Name gehört zur Wurzel tm, die zugleich „vollenden, vollständig sein“ und „nicht sein“ bedeutet. Diese Doppeldeutigkeit ist Programm: Atum ist der Allumfassende, in dem noch alles ungeschieden beisammenliegt — und damit zugleich der noch-nicht-Differenzierte. Er ist der Gott, der „alles ist“, weil er der ist, aus dem alles noch werden muss.

Die Schöpfung von Heliopolis

Vor der Welt gab es nur den Nun, ein bewegungsloses, lichtloses Urwasser. Atum entsteht darin aus sich selbst, ohne Vater und Mutter, und erhebt sich auf dem Urhügel — dem benben, dessen steinernes Abbild im Tempel von Heliopolis stand. Allein, ohne Partnerin, bringt er das erste Götterpaar hervor: Schu (Luft) und Tefnut (Feuchte). Die Pyramidentexte beschreiben das als Selbstbefriedigung, spätere Fassungen sprechen vom Ausspeien oder Ausniesen und spielen dabei mit Wortähnlichkeiten (jšš „ausspeien“ → Schu, tfn „ausspucken“ → Tefnut). Aus Schu und Tefnut gehen Geb und Nut hervor, aus diesen Osiris, Isis, Seth und Nephthys — die Neunheit ist vollständig.

Atum als Abendsonne

Im Sonnenlauf ist Atum die Gestalt des alten, untergehenden Lichts: Chepri am Morgen, Re am Mittag, Atum am Abend. Als solcher empfängt er die Sonne im Westen und geleitet sie in die Nacht. Diese Zuordnung ist keine bloße Systematik — der alternde Sonnengott ist einer der stärksten Bilder ägyptischer Theologie für die Notwendigkeit, dass die Welt jede Nacht neu erzeugt werden muss.

Das Ende der Welt

Totenbuchspruch 175 enthält eine der wenigen ägyptischen Aussagen über ein Weltende: Atum kündigt an, dass er alles, was er geschaffen hat, wieder in den Nun zurücknehmen werde; übrig bleiben nur er selbst und Osiris, beide in Schlangengestalt. Das ist bemerkenswert nüchtern formuliert und ohne moralische Wertung — die Welt ist ein zeitweiliger Zustand innerhalb des Urwassers, keine ewige Ordnung.

Königtum

Atum ist der mythische Erstkönig. Er reicht dem Herrscher die Krone, und Krönungstexte lassen ihn den König „auf den Thron des Atum“ setzen. In den Pyramidentexten steigt der verstorbene König zu Atum auf und wird von ihm in die Götterwelt aufgenommen.

Schöpfung & UrzeitSonne, Himmel & Gestirne