Königtum, Krieg & SchutzDämonen & MischwesenLokal- & Tiergöttergut belegt
Seth
griechisch Seth, mit Typhon gleichgesetzt · ägyptisch Stẖ / Swtẖ
Gott der Wüste, des Sturms und der Grenzüberschreitung; Mörder des Osiris — und zugleich unentbehrlicher Verteidiger der Sonnenbarke.

- Zuständig für
- Wüste, Sturm und Gewitter, Fremdländer, Gewalt, Chaos innerhalb der Ordnung
- Bezeugt
- Prädynastisch bis Spätzeit; danach zunehmend getilgt
- Kultorte
- Naqada (Nubt, „Goldstadt“), Ombos, Avaris (Hut-waret) im Ostdelta, Oasen, Sepermeru
- Familie
- Vater: Geb
Mutter: Nut
Geschwister: Osiris, Isis, Nephthys
Gemahlin: Nephthys; später Anat und Astarte
Gegner: Horus, Osiris
Verbündeter: Re (gegen Apophis)
Erscheinung
Das „Sethtier“: ein nicht identifizierbares Wesen mit gebogener Schnauze, hohen eckigen Ohren und gegabeltem, steil aufgerichtetem Schwanz. Auch als Mensch mit diesem Kopf. Zoologische Zuordnungsversuche (Erdferkel, Wildesel, Oryx, Windhund) sind alle unbefriedigend.
Zwei Seiten
Seth ist der schwierigste Gott des ägyptischen Pantheons, weil er beides ist: Er ermordet den eigenen Bruder und ist zugleich der Einzige, dessen Gewalt stark genug ist, Apophis abzuwehren. Er steht am Bug der Sonnenbarke. Auf Königsbildern reicht er gemeinsam mit Horus dem Herrscher die Kronen. Er ist die notwendige, aber gefährliche Kraft — nicht das Böse im moralischen Sinn, sondern das Unbeherrschte.
Wie alt ist der Streit?
Die ältesten Belege für den Konflikt mit Horus stehen in den Pyramidentexten — verstreut, andeutend, ohne durchgehende Handlung. J. Gwyn Griffiths hat 1960 das gesamte Material von dort bis zu den Kirchenvätern zusammengetragen; die wiederkehrenden Themen sind die gegenseitigen Verstümmelungen (Horus verliert das Auge, Seth die Hoden) und das Göttergericht, das über die Thronfolge entscheidet.
Über zweieinhalb Jahrtausende bleibt der Kern gleich, der Ton nicht. Die bekannteste Fassung, Papyrus Chester Beatty I, ist zugleich die späteste und respektloseste — eine Komödie. Wer sie für „den Mythos“ hält, hält die Karikatur für das Original.
Rot und Wüste
Seine Farbe ist Rot, die Farbe des Wüstensandes und des Blutes; Rotköpfige galten als besonders sethisch. Ihm zugeordnet sind Wüstentiere und -phänomene: Esel, Schwein, Nilpferd, Krokodil, Gewitter, Sandsturm. Ein „Sethtag“ im Festkalender ist ein Unglückstag.
Die 2. Dynastie: ein Streit im Serech
Der Königsname stand normalerweise in einem Palastfassaden-Rechteck (Serech) mit dem Horusfalken darüber. König Peribsen setzte stattdessen das Sethtier darauf — ein beispielloser Vorgang. Sein Nachfolger Chasechemui führte dann beide Tiere gemeinsam.
Die naheliegende Lesart ist ein innerägyptischer Konflikt zwischen den Anhängern beider Götter, den Chasechemui beilegte. Dafür spricht, dass Peribsen aus späteren Königslisten fehlt, sein Grab zerstört wurde und die Sethtiere auf seinen Grabstelen gezielt zerkratzt sind.
Sicher ist das trotzdem nicht. Warum Peribsen den Wechsel vollzog, ist bis heute umstritten, und die Rekonstruktion eines Religionskriegs stützt sich auf wenige Objekte. Was der Befund zweifelsfrei zeigt, ist etwas anderes und schon bemerkenswert genug: Seth konnte am Beginn der ägyptischen Geschichte an der Stelle stehen, die sonst Horus gehörte.
Ansehen und Absturz
In der Ramessidenzeit ist Seth hoch angesehen: Sethos I. und Sethnacht tragen seinen Namen, die 400-Jahr-Stele von Tanis feiert sein Jubiläum in Avaris, und im Vertrag mit den Hethitern ist er der ägyptische Wettergott — die Ägypter setzten ihn dort mit dem hethitischen Wettergott gleich, weil beide für Sturm und Fremde zuständig waren.
Erst in der Spätzeit, verstärkt unter persischer und griechischer Fremdherrschaft, wird er zum Feindbild: Man deutet ihn als Gott der Ausländer, tilgt seinen Namen von Denkmälern und identifiziert ihn mit Typhon.
Diese Entwicklung ist die eigentliche Pointe. Ein Gott, dessen Zuständigkeit das Fremde war, wurde selbst zum Fremden erklärt, sobald Fremdherrschaft zur Erfahrung wurde. Wer Seth nur als „den ägyptischen Teufel“ kennt, kennt das Ergebnis der letzten tausend Jahre einer dreitausendjährigen Geschichte.
Wie weit das ging, zeigt der Kult selbst: In einem Tempelritual zum Schutz des Heiligtums wird Seth dem Henker zugeführt, begleitet von einem „großen Ritus des Schutzes“. Der Gott, der einst neben Horus dem König die Kronen reichte, ist darin zum Objekt der Feindvernichtung geworden — behandelt wie Apophis, den er zuvor selbst abgewehrt hatte.
Zur Umschrift
Der Name erscheint als stẖ und swtẖ; spätägyptisch wird daraus stš, weil ẖ palatalisiert wird. Aus dieser Form kommt über das Griechische die geläufige Schreibung „Seth“. Die Aussprache ist nicht gesichert; erschlossen wird etwa *sūtiẖ.
Sexuelle Aggression
Mehrere Texte berichten von Seths Versuch, Horus zu vergewaltigen — im Kontext des Machtstreits, denn passive Rolle bedeutet Herrschaftsverlust. Die List mit dem Salat (Isis lässt Horus’ Samen auf Seths Lieblingsspeise geben, sodass Seth beim Prozess vom Samen des Horus überführt wird) gehört zu den bekanntesten Episoden. Die Passagen sind kein Randphänomen, sondern Kern der Auseinandersetzung um Legitimität.
Königtum, Krieg & SchutzDämonen & MischwesenLokal- & Tiergötter