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Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Ort · Oberägyptenmittelmäßig belegt

Kom Ombo

NbwtOmbosheute: Kom Ombo

Ein Tempel für zwei Götter, in der Mitte geteilt: alles doppelt, von den Toren bis zu den Sanktuaren. Ein zweiter Fall dieser Bauform ist nicht bekannt.

Frontalansicht einer Tempelfassade aus hellem Sandstein, streng symmetrisch aufgebaut. In der Mitte steht ein breiter Pfeiler; links und rechts davon öffnet sich je ein gleich großer Durchgang, flankiert von Säulen mit Pflanzenkapitellen. Über den beiden Öffnungen liegt je ein Architrav mit einer geflügelten Sonnenscheibe. Vorn schließen brusthohe Schrankenmauern mit Reliefs an. Durch die linke Öffnung sieht man in eine Flucht weiterer Tore; eine kleine Figur gibt den Maßstab. Der Himmel ist wolkenlos.

Die zwei gleich großen Eingänge sind der ganze Punkt: Sobek links, Haroeris rechts — und dahinter alles doppelt bis zu den beiden Sanktuaren.

Zeitraum
Ptolemäisch bis römisch, rund 180 v. Chr. bis 2. Jh. n. Chr.
Region
Oberägypten
Gau
1. oberägyptischer Gau
Hauptgottheiten
Sobek · Haroeris (Horus der Ältere) · Tasenetnofret · Chons-Hor
Bauten
Doppeltempel mit zwei Achsen · Nilmesser · Mammisi (weitgehend zerstört) · Hathorkapelle mit Krokodilmumien

Alles zweimal

Kom Ombo liegt auf einer Anhöhe über dem Nil, rund vierzig Kilometer nördlich von Assuan. Sein Tempel ist in der ägyptischen Baugeschichte ein Einzelstück: Er gehört zwei Göttern zugleich und ist entsprechend in der Mitte geteilt.

Doppelt vorhanden ist alles, was auf der Achse liegt: zwei Eingänge, zwei Höfe, zwei Säulenhallen, zwei Sanktuare. Die Anlage ist entlang der Mittellinie spiegelbildlich aufgebaut.

  • Die südliche Hälfte gehört Sobek, dem Krokodilgott, zusammen mit Hathor und Chons-Hor.
  • Die nördliche Hälfte gehört Haroeris, „Horus dem Älteren“, zusammen mit Tasenetnofret („die gute Schwester“) und deren Sohn Panebtaui.

Zwei vollständige Triaden also, unter einem Dach und ohne Rangfolge. Ägyptische Tempel sind sonst auf einen Hauptgott hin gebaut, dem andere beigeordnet werden. Hier ist keiner der beiden untergeordnet, und die Architektur macht daraus eine Aussage: Was der eine hat, hat der andere auch.

Gebaut wurde von Ptolemaios VI. an, weitergeführt unter Ptolemaios VIII. und XII., dekoriert bis in die römische Kaiserzeit.

Zweitausend Jahre vor dem Tempel

Der Tempel ist der jüngste Teil des Ortes, nicht der älteste. Er steht auf einem Siedlungshügel, den das Österreichische Archäologische Institut seit einigen Jahren untersucht — und der reicht bis ins Alte Reich zurück, gut zwei Jahrtausende vor Ptolemaios VI.

Die Siedlung ist über Siegelabdrücke datiert. Die ältesten tragen die Königsnamen Peribsen und Sechemib-Perenmaat aus der 2. Dynastie; in Schichten der 5. Dynastie fanden sich zwei Abdrücke mit dem Horusnamen des Königs Chaba aus der 3. Dynastie, dazu ein Teil der Formel jrr ḏd.t=f, „der tut, was er sagt“.

Der auffälligste Befund gehört in die Erste Zwischenzeit: ein außergewöhnlich gut erhaltenes Gebäude, dessen Räume mit runden Speichersilos vollgestellt sind — bisher sechzehn davon, in Bienenkorbform, einige mit doppelschaligen Kuppeln, alle eng in die vorhandenen Räume eingepasst. In den Wänden sitzen Nischen, vermutlich für Lampen. Zusammen mit einem zweiten Bau im Süden spricht das für eine Verwaltung größeren Zuschnitts.

Nördlich davon liegt ein Friedhof, der vom Alten Reich bis in die Erste Zwischenzeit belegt wurde — und der über Wohnschichten liegt, die von der späten 2. bis in die frühe 5. Dynastie reichen.

Damit bekommt der Ort eine Tiefe, die der Tempel verdeckt. Wer nur den Doppeltempel sieht, sieht die letzten drei Jahrhunderte einer Geschichte, die im Alten Reich beginnt — und dort nicht von Sobek und Haroeris handelt, sondern von Getreide, Siegeln und Gräbern.

Warum ein halber Tempel fehlt

Vom Bau steht heute nur ein Teil. Die Lage auf dem Steilufer, die den Ort ausmacht, hat ihn auch beschädigt: Der Nil hat die Vorderfront unterspült, dazu kamen Erdbeben und die Abtragung von Steinen.

Erhalten sind vor allem die hinteren Bereiche und die Umfassung. Das Mammisi ist bis auf Reste verschwunden, ebenso große Teile der Höfe.

Ein Nilmesser gehört zur Anlage — an dieser Stelle des Flusses eine praktische Notwendigkeit, denn vom Pegel hing die Steuerveranlagung ab.

Die „ältesten chirurgischen Instrumente“

Auf der Rückwand des Tempels sitzt ein Relief aus römischer Zeit, das in Reiseführern und populären Darstellungen als „die älteste Abbildung chirurgischer Instrumente“ geführt wird: Man erkennt Messer, Zangen, Sägen, Schröpfköpfe, Schalen — daneben zwei sitzende Gestalten.

Die Deutung ist verbreitet, aber sie ist eine Deutung. Was dagegen spricht:

  • Die Gegenstände sind nicht beschriftet. Es steht nirgends, dass es Werkzeuge eines Arztes wären.
  • Viele der Formen sind zugleich Kultgerät. Messer, Zangen und Gefäße gehören ins tägliche Tempelritual, und ein Teil der abgebildeten Stücke lässt sich dort ohne Weiteres unterbringen.
  • Dass Kom Ombo ein Ort der Heilung war, ist unabhängig davon gut begründet — der Bezirk hatte, wie Dendera, Einrichtungen für Heilsuchende.

Das Relief ist also nicht wertlos, aber es beweist weniger, als ihm zugeschrieben wird. Der Unterschied zwischen „hier sind Instrumente abgebildet, die auch chirurgisch verwendbar wären“ und „hier ist ein Operationsbesteck dargestellt“ ist genau der Unterschied zwischen Befund und Erzählung.

Die Krokodile

Sobek ist hier kein abstrakter Gott. In der Umgebung wurden Krokodilmumien in großer Zahl gefunden; ein Teil davon ist heute in einem eigenen kleinen Museum am Ort ausgestellt, zusammen mit Sarkophagen und Krokodileiern.

Der Ort führt damit zwei Dinge vor, die sonst getrennt bleiben: die Theologie an der Wand und den Tierkult im Boden. Wer Sobek nur aus Texten kennt, sieht hier, was der Kult praktisch bedeutete — dass ein Tier gehalten, verehrt, einbalsamiert und bestattet wurde, und zwar in Serie.