Sonne, Himmel & GestirneSchöpfung & UrzeitKönigtum, Krieg & Schutzgut belegt
Re
griechisch Ra, Helios · ägyptisch Rꜥ
Der Sonnengott und Weltherrscher; sein täglicher Lauf über Himmel und Unterwelt ist das Grundmodell ägyptischen Weltverständnisses.
- Zuständig für
- Sonne, Königtum, Weltordnung, Schöpfung
- Bezeugt
- 2./3. Dynastie bis Römerzeit; Höhepunkt in der 5. Dynastie
- Kultorte
- Heliopolis (Jwnw), Sonnenheiligtümer der 5. Dynastie (Abu Gurab), Karnak (als Amun-Re)
- Familie
- Kinder: Schu und Tefnut; Hathor, Sachmet, Bastet, Maat als „Auge des Re“ bzw. Töchter
Verschmelzungen: Re-Harachte, Amun-Re, Chnum-Re, Sobek-Re, Month-Re
Feind: Apophis
Erscheinung
Falkenköpfiger Mann mit Sonnenscheibe und Uräus; in der Unterwelt widderköpfig als „Fleisch des Re“; als Kind auf dem Lotos; als Skarabäus (Chepri) am Morgen.
Der Tageslauf
Re fährt tagsüber in der Tagbarke mꜥnḏt (Mandjet) über den Himmelsozean und nachts in der Nachtbarke msktt (Mesektet) durch die zwölf Stunden der Unterwelt. Dazwischen liegt jeweils der Horizont ꜣḫt, der Übergang zwischen den Welten.
Der Lauf ist keine Routine, sondern ein täglich neu erkämpfter Sieg: In jeder Stunde drohen Feinde, allen voran die Schlange Apophis. Daraus folgt ein Grundzug ägyptischen Denkens — die Weltordnung ist nichts Gegebenes, sondern etwas, das jede Nacht neu hergestellt werden muss. Ein Sonnenaufgang ist ein Ergebnis, keine Selbstverständlichkeit.
Der Sonnengott hat für die Tageszeiten verschiedene Namen: Chepri, der Skarabäus, am Morgen; Re in der Mittagshöhe; Atum als der Alternde am Abend. Das sind keine drei Götter, sondern drei Zustände desselben — ägyptische Theologie beschreibt Wandel, indem sie Namen wechselt.
Die Unterweltsbücher
Amduat, Pfortenbuch und Höhlenbuch sind drei verschiedene Kompositionen, nicht Fassungen einer einzigen. Sie beschreiben dieselbe Nachtfahrt, aber mit je eigener Gliederung und eigenem Schwerpunkt: das Amduat nach zwölf Stunden, das Pfortenbuch nach den Toren zwischen ihnen, das Höhlenbuch nach den Räumen, in denen die Toten liegen. Wer sie als „das ägyptische Totenbuch“ zusammenfasst, verwischt genau das.
Ihr Ort ist zunächst das Königsgrab. Das Amduat erscheint erstmals im Grab Thutmosis’ III. (KV34) — dort auch, an derselben Stelle der Überlieferung, die Sonnenlitanei. Erst später sickern diese Texte in nichtkönigliche Bestattungen.
Die Sonnenlitanei
Die Sonnenlitanei ruft Re im ersten Teil in 75 Gestalten an, jede mit eigenem Namen und eigenem Bild. Das ist kein rhetorischer Überschwang, sondern Methode: Wer alle Namen kennt, kennt den Gott vollständig — und Vollständigkeit ist Voraussetzung dafür, an seinem Lauf teilzuhaben. Dieselbe Logik steht hinter dem Mythos vom geheimen Namen weiter unten, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
Vereinigung mit Osiris
Der theologische Kern des Amduat ist der Moment in der Mitte der Nacht — der 6. Stunde, am tiefsten Punkt der Unterwelt —, in dem der Ba des Re mit dem Leichnam des Osiris zusammentrifft. Aus dieser Vereinigung von Bewegung und Beharrung entsteht die Verjüngung: Re wird wiedergeboren, Osiris für einen Augenblick belebt.
Die beiden sind dabei nicht gleichrangig: Re bringt die Bewegung, Osiris die Fähigkeit zur Regeneration. Erst zusammen ergeben sie einen funktionierenden Kreislauf. Ägyptische Theologie erklärt Erneuerung also nicht durch den Akt eines einzelnen Gottes, sondern durch die Begegnung zweier Prinzipien, von denen keines für sich genügt.
König als Sohn des Re
Djedefre, der dritte König der 4. Dynastie und Nachfolger des Cheops, führt als Erster den Titel sꜣ Rꜥ „Sohn des Re“. Der Schritt ist größer, als er klingt: Bis dahin war der König in erster Linie der lebende Horus. Sich zum leiblichen Sohn des Sonnengottes zu erklären, band das Königtum an Heliopolis. Sein Nachfolger Chephren übernahm den Titel, und danach jeder ägyptische König.
In der 5. Dynastie erreicht der Sonnenkult mit eigenen Sonnenheiligtümern seinen Höhepunkt — eigenständige Bauten neben den Pyramiden, das bekannteste in Abu Gurab.
Der Papyrus Westcar erzählt dazu, wie die ersten drei Könige der 5. Dynastie von Re selbst mit Rededjet, der Frau eines Re-Priesters, gezeugt werden; bei der schweren Geburt helfen Isis, Nephthys, Meschenet, Heket und Chnum als verkleidete Musikantinnen.
Das ist keine Quelle aus der 5. Dynastie. Der Papyrus ist Jahrhunderte jünger und die Erzählung im Hof des Cheops angesiedelt — eine Legitimationslegende, die rückblickend erklärt, warum die Dynastie wechselte. Versuche, Rededjet mit der historischen Königin Chentkaus I. gleichzusetzen, sind durch neuere Funde schwieriger geworden: Für Sahure ist inzwischen eine andere Mutter belegt.
Das Alter des Re und die Vernichtung der Menschen
Das „Buch von der Himmelskuh“ — die älteste vollständige Fassung steht auf einem der vergoldeten Schreine Tutanchamuns, eine weitere unter Ramses III., und die Fassungen weichen erkennbar voneinander ab — erzählt: Re ist alt geworden, seine Knochen sind Silber, sein Fleisch Gold, sein Haar Lapislazuli. Die Menschen planen Aufruhr. Re schickt sein Auge als Hathor/Sachmet, die zu töten beginnt und nicht mehr aufhört. Um die Menschheit zu retten, lässt Re rot gefärbtes Bier über das Land gießen; die Göttin hält es für Blut, trinkt und schläft ein. Danach zieht sich Re auf den Rücken der Himmelskuh zurück — Ursprungserzählung für die Trennung von Göttern und Menschen.
Der geheime Name
Ein Zauberpapyrus (Papyrus Turin 1993, ramessidisch) erzählt, wie Isis eine Schlange aus dem Speichel des alternden Re formt, ihn beißen lässt und ihn nur unter der Bedingung heilt, dass er ihr seinen verborgenen Namen preisgibt. Damit erhält sie Macht über ihn.
Der Text ist zugleich Mythos und praktisches Heilmittel gegen Schlangenbiss — Mythen wurden in Ägypten häufig als Rezept verwendet. Bemerkenswert ist die Aussage über den Gott: Der höchste Gott ist erpressbar. Ägyptische Theologie hat mit solchen Geschichten kein Problem, weil Götter dort nicht allmächtig, sondern zuständig sind.
Re und Amun
Im Neuen Reich verschmilzt Re mit dem thebanischen Amun zu Amun-Re. Solche Verbindungen sind in Ägypten Normalfall — Re-Harachte, Chnum-Re, Sobek-Re, Month-Re —, aber Amun-Re ist der folgenreichste Fall, weil er den Reichsgott stellt.
Jan Assmann hat darin eine theologische Krise gesehen: Der sichtbare Sonnenlauf und ein verborgener, alles durchwaltender Gott ließen sich immer schlechter zusammendenken. Die Amarna-Zeit mit ihrem Aton wäre danach nicht ein Bruch von außen, sondern die radikalste Antwort auf eine Frage, die die Sonnentheologie selbst gestellt hatte — und nach ihrem Scheitern suchte man andere Antworten weiter.
Ob man Assmanns Deutung folgt oder nicht: Dass Re nach Amarna nicht verschwindet, sondern in Amun-Re weiterläuft, zeigt, wie belastbar die Konstruktion war.
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