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Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Ort · Unterägyptenmittelmäßig belegt

Heliopolis

JwnwHeliopolisheute: Matariya (Kairo)

Zwei Jahrtausende lang das theologische Zentrum Ägyptens — heute ein Stadtteil von Kairo, in dem unter dem Grundwasserspiegel gegraben wird.

Weiter Blick über ein staubiges, offenes Gelände auf eine Stadt im Dunst. In der Bildmitte ragt ein schlanker steinerner Obelisk mit pyramidenförmiger Spitze auf; er ist bis knapp unter die Spitze von einem Gerüst aus dünnen Stangen umgeben. Ringsum stehen dicht gedrängt mehrstöckige Wohnhäuser aus rotem Backstein mit flachen Dächern, dazwischen ein Streifen dunkelgrüner Bäume und eine Mauer. Links steht ein Strommast, rechts füllt eine große Dattelpalme den Bildrand. Im Vordergrund geht eine einzelne kleine Gestalt über den Sand.

Das ist alles, was von Heliopolis noch aufrecht steht: der Obelisk Sesostris’ I., rund 20,7 m, mitten im Kairoer Stadtteil Matariya. Der Rest des Tempelbezirks liegt unter den Häusern und unter dem Grundwasser.

Zeitraum
Altes Reich bis Römerzeit; Grabungen seit 2012
Region
Unterägypten
Gau
13. unterägyptischer Gau
Hauptgottheiten
Re und Re-Harachte · Atum · Neunheit (die Große Neunheit) · Mnevis
Bauten
Sonnentempel mit rund 31 ha Umfassung · Obelisk Sesostris’ I., rund 20,7 m · Tempel des Nektanebos I. · spätzeitliche Tempelfundamente bei Matariya

Der wichtigste Ort, von dem man am wenigsten sieht

Heliopolis war über zwei Jahrtausende das theologische Zentrum Ägyptens. Von hier kommen die Neunheit, der Urhügel, der Titel „Sohn des Re“ — und damit die Begründung des Königtums selbst.

Heute liegt der Ort unter Matariya und Ain Schams, zwei dicht bebauten Stadtteilen im Nordosten Kairos.

Sichtbar ist genau ein Bauwerk: der Obelisk Sesostris' I., rund 20,7 Meter Rosengranit, um 1950 v. Chr. errichtet. Er steht noch an seinem Platz, mitten in der Stadt. Alles andere liegt unter Aufschüttung, Schutt und Häusern.

Die Theologie steht in diesem Wiki bei Atum (Urhügel und Benben, die Entstehung der Neunheit), bei Re (der Titel „Sohn des Re“) und bei Kosmogonien. Hier geht es um den Ort und darum, unter welchen Bedingungen man ihn überhaupt untersuchen kann.

Namen

Der ägyptische Name lautet Jwnw — „die Pfeiler“ oder „Säulenstadt“. In der hebräischen Bibel erscheint er als On: Josef heiratet Asenat, die Tochter des Priesters Potifera von On.

Griechisch wurde daraus Heliopolis, „Sonnenstadt“ — eine Übersetzung der Sache, nicht des Namens. Der moderne Stadtteilname Matariya hat damit nichts zu tun.

Wie groß der Bezirk war

Der zentrale Sonnentempel war von mächtigen Lehmziegelmauern umgeben, die rund 31 Hektar einschlossen. Die äußeren Mauern waren stellenweise siebzehn Meter breit und dürften bis zu achtzehn Meter hoch gewesen sein.

Das sind Maße einer Festung, nicht einer Stadtmauer. Zum Vergleich: Die Umfassung war damit breiter als die meisten Häuser, die heute darauf stehen.

Graben unter dem Grundwasser

Seit 2012 arbeitet eine ägyptisch-deutsche Mission unter Aiman Ashmawy und Dietrich Raue im Stadtgebiet. Die Bedingungen sind die schwierigsten, unter denen in Ägypten gegraben wird:

  • Über den antiken Schichten liegen mehrere Meter moderner Aufschüttung und Müll, die zuerst abgeräumt werden müssen.
  • Die Funde liegen unterhalb des Grundwasserspiegels — nach Angabe der Ausgräber zwischen null und zweieinhalb Metern darunter. Es muss also abgepumpt werden, und in den Grabungsschnitten stehen kleine Seen.
  • Vielfach bleiben nur Tage: Gegraben wird, bevor auf der Fläche gebaut wird.

Das ist der Grund, warum über Heliopolis so wenig bekannt ist, obwohl es so wichtig war. Nicht mangelndes Interesse — sondern eine Millionenstadt darüber und Wasser darunter.

Was trotzdem herausgekommen ist

Die Mission hat unter anderem freigelegt:

  • eine lebensgroße Statue Ramses' II. im Priestergewand
  • rote Granitreliefs mit Falken aus dem Tempel Nektanebos' I.
  • ein fünfzehn Meter langes Sphingenfragment
  • Werkstätten, Bäckereien und Wohnbauten — also die Stadt und nicht nur den Tempel
  • 2022 die Kalksteinfundamente eines spätzeitlichen Tempels samt gepflastertem Vorhof

Ein Depot zerschlagener Köpfe

Unter dem erhaltenen Pflaster südlich des Obelisken lag ein Depot mit Bruchstücken von Statuen und Kultgerät aus dem Mittleren und Neuen Reich, in der Spätzeit vergraben.

Die Stücke sind fast ausschließlich Sphingenköpfe — und sie wurden offenbar absichtlich zerschlagen und verbrannt, bevor man sie unter den Boden legte.

Das ist keine Zerstörung durch Feinde, sondern eine geordnete Beseitigung: Geweihtes Gerät konnte nicht einfach weggeworfen werden, wenn es aus dem Gebrauch fiel. Vergleichbare Verstecke kennt man aus anderen Tempeln; bemerkenswert ist hier die Auswahl — offenbar wurden gezielt die Köpfe behandelt.

Der Koloss, der zweimal jemand anderes war

Am 7. März 2017 kam in Matariya ein kolossaler Quarzitfund zutage, ursprünglich rund neun Meter hoch. Die erste Meldung ging als Ramses II. um die Welt.

Eine winzige Inschrift am Rückenpfeiler hat das umgestoßen: Der Koloss gehört Psammetich I. (664–610 v. Chr.), einem König der 26. Dynastie. Aus über 6.000 Bruchstücken hat die Mission die ursprünglichen Maße errechnet und den Koloss dreidimensional rekonstruiert.

Der Fall ist lehrreich, und zwar in beide Richtungen. Er zeigt, wie schnell eine Grabungsmeldung um die Welt geht — und dass die Korrektur an einem Zeichen hängen kann, das man erst beim genauen Hinsehen findet. Wer den Fund heute noch als „Ramses-Koloss“ zitiert, gibt die Schlagzeile weiter, nicht den Befund.

Die Obelisken sind fast alle woanders

Heliopolis hatte einst Dutzende Obelisken. Mindestens sieben stehen heute in anderen Städten:

Wo Welche
Rom vier, darunter der Flaminio und der Montecitorio
Florenz der Boboli-Obelisk, 1790 von den Medici erworben
London und New York je eine „Kleopatra-Nadel“ — ursprünglich unter Thutmosis III. in Heliopolis errichtet, 1878 nach London, 1881 nach New York verbracht

Der Name „Kleopatra-Nadel“ ist dabei irreführend: Die beiden Obelisken sind rund anderthalb Jahrtausende älter als Kleopatra und standen nie in Alexandria, als sie neu waren.

Angefangen hat der Abtransport unter Augustus. Dass ausgerechnet die Obelisken überlebt haben und die Tempel nicht, hat einen praktischen Grund: Ein Obelisk ist ein Monolith und als Ganzes verwertbar, eine Kalksteinmauer ist Baumaterial. Die Mauern von Heliopolis stecken im mittelalterlichen Kairo.

Eine Stadt, die schon in der Antike leer war

Strabon hat den Ort um die Zeitenwende besucht und fand ihn verlassen (Geographika XVII 1,30). Er beschreibt einen großen Hügel mit dem Sonnentempel und dem heiligen Stier Mnevis — aber die Priesterschaft, für die der Ort berühmt war, gab es nicht mehr.

Was er dazu berichtet, ist die bekannteste Geschichte über Heliopolis: Die Priester waren für Astronomie und Philosophie berühmt; Platon und Eudoxos seien hier gewesen, um bei ihnen zu lernen, Eudoxos gleich dreizehn Jahre lang. Man habe ihnen einiges beigebracht und das meiste für sich behalten. Strabons Führer zeigten ihm die Räume, in denen die beiden gewohnt haben sollen.

Das ist mit Vorsicht zu lesen. Es ist eine Fremdenführergeschichte, aufgeschrieben von einem Besucher, dem man an einem längst verlassenen Ort etwas zeigen wollte.

Für den Zustand der Anlagen macht Strabon einen konkreten Verantwortlichen aus: Kambyses habe den Tempeln schwer geschadet, teils durch Feuer, teils durch Gewalt. Auch das ist eine Zuschreibung aus zweiter Hand — der Perserkönig ist in griechischen Quellen der Standardschuldige für Tempelzerstörungen in Ägypten.

Warum der Ort trotzdem der wichtigste ist

Von Heliopolis ist weniger zu sehen als von jedem anderen Ort dieses Umfangs — und trotzdem hängt ein großer Teil der ägyptischen Religion daran.

Der Grund ist, dass Heliopolis nicht durch seine Bauten gewirkt hat, sondern durch seine Texte. Die Neunheit, der Urhügel, der Sonnenlauf und die Ableitung des Königtums vom Sonnengott sind über die Pyramidentexte, die Sargtexte und das Totenbuch in das ganze Land gegangen. Sie stehen in Gräbern in Sakkara, auf Särgen in Assiut und an Tempelwänden in Esna.

Ein Ort kann also fast vollständig verschwinden und trotzdem überall stehen.