Ort · Nubiengut belegt
El-Dakka (Pselchis)
Pr-srqtPselchisheute: Neu-Wadi es-Sebua (nach der Versetzung)
Tempel des Thot von Pnubs im Dodekaschoinos — gebaut von einem Ptolemäer, dekoriert von einem meroitischen König, und 1962–1968 vierzig Kilometer weit versetzt.

Der Tempel steht seit 1962–1968 vierzig Kilometer von seinem ursprünglichen Platz entfernt. Die Blöcke im Vordergrund gehören zum Lapidarium daneben.
- Zeitraum
- Vorgeschichte bis 2. Jh. n. Chr.; Versetzung 1962–1968
- Region
- Nubien
- Hauptgottheiten
- Thot von Pnubs · Isis · Arensnuphis · Tefnut als Ferne Göttin · Serapis (römische Zutat)
- Bauten
- Ergamenes-Kapelle mit dem Dodekaschoinos-Dekret · Tor Ptolemaios’ IV. · Pronaos Ptolemaios’ VIII. · Pylon, 24,31 m breit · römisches Sanktuar mit Granitnaos · monumentale Scheintür als Gegentempel
Wo das liegt und warum es dort liegt
El-Dakka lag rund 105 Kilometer südlich von Assuan in Unternubien, am Westufer des Nils — genau gegenüber der Stelle, an der der Weg aus der Ostwüste durch das Wadi Allaqi auf den Fluss trifft.
Das ist kein Zufall, sondern der ganze Grund. Das Wadi Allaqi führte in ein Goldrevier, und wer den Ausgang des Wadi hielt, hielt das Gold.
Der ägyptische Name lautet Pr-srqt, „Ort der Skorpiongöttin“; griechisch wurde daraus Pselchis. Die Fachliteratur schreibt ihn p(r)-srqt — die Klammer heißt, dass das pr („Haus“) in den Belegen nicht geschrieben steht und aus der griechischen Form erschlossen ist. Eine Nebenform ist pslkt.
Am gegenüberliegenden Ostufer stand die eigentliche Antwort darauf: die Festung Quban (ägyptisch Bꜣkj, klassisch Contra Pselchis), angelegt zu Beginn der 12. Dynastie. Dort wurde das Gold verhüttet und nach Ägypten verschifft.
Wie ernst das genommen wurde, zeigt die Quban-Stele Ramses' II. — rotes Granit, ursprünglich 1,75 Meter hoch, datiert auf den 28. Oktober 1277 v. Chr. Ihr Thema ist kein Feldzug, sondern Wasser: Die wasserlose Wüste des Wadi Allaqi machte den Goldtransport unmöglich, bis ein Brunnen gegraben wurde. Man stieß in zwölf Ellen Tiefe auf Wasser, etwa 6,30 Meter.
Der Dodekaschoinos
In ptolemäischer und römischer Zeit gehörte el-Dakka zum Dodekaschoinos, dem „Zwölf-Schoinen-Land“ zwischen Assuan und dem Wadi Allaqi — rund 120 Kilometer Grenzstreifen.
Der Streifen war nicht bloß Verwaltungsgebiet, sondern Kultlandschaft: Er gehörte formal der Isis von Philae, und entlang seiner Länge wurden Tempel gebaut oder erweitert — Debod, Qertassi, Tafa, Kalabsha, Dendur, el-Dakka, Muharraqa.
Ein Tempel, zwei Herrscher, ein peinlicher Fehler
Der Bau begann unter Ptolemaios IV. Philopator (221–205 v. Chr.) mit einer einräumigen Kapelle und einem Tor. Dekoriert wurde die Kapelle aber im Namen des meroitischen Königs Ergamenes II. (Arkamani II., ca. 218–190 v. Chr.), der die Gegend inzwischen erobert hatte. Sie heißt deshalb bis heute Ergamenes-Kapelle.
Dass die Dekoration nicht für ihn entworfen wurde, verraten die Beinamen. Ergamenes trägt dort zweimal den Titel „der vatergeliebte Gott“ — das ist der Kultname Ptolemaios' IV., und von keinem anderen Denkmal des Nubierkönigs ist er belegt. Die entwerfenden Priester haben schlicht den Kartuschennamen ausgetauscht und den Beinamen stehen lassen.
Noch deutlicher wird es beim Dodekaschoinos-Dekret, das die Schenkung des Grenzstreifens an Isis festhält. Ergamenes ließ es an dessen Südende in Stein setzen und bestätigte damit die Stiftung — aber im Text stand weiter der Verweis auf die „beiden vatergeliebten Götter“, also Ptolemaios IV. und seine Schwestergemahlin Arsinoë III. Als die Steinmetzen es bemerkten, wurde die Stelle ausgehackt. Man sieht die Tilgung noch.
Warum das mehr ist als eine Anekdote: Es zeigt, dass ein meroitischer König nicht gegen die ptolemäische Ordnung baute, sondern in sie hinein. Er übernahm den Entwurf, das Dekret und die Theologie von Philae — samt der Fehler.
Ein Tempel, der nach Norden schaut
El-Dakka ist nach Norden ausgerichtet, parallel zum Nil. Unter ägyptischen und erst recht unter nubischen Tempeln ist das eine Ausnahme.
Eine mögliche Erklärung liegt beim Hauptgott: Thot von Pnubs stammt der Sache nach aus dem Süden, aus Pnubs (Dukki Gel bei Kerma) — und die dortigen Tempel des 18. Dynastie stehen ebenfalls auf einer Nord-Süd-Achse. Die Ausrichtung wäre dann ein Zitat der Herkunft.
Wer diesem Gott nachgehen will, findet ihn beim Eintrag zu Thot; hier zählt nur, dass ein nubischer Grenztempel einem Gott gehört, der den Namen eines Ortes trägt, an dem sein Tempel nicht steht.
Die römische Seitenkapelle ist fast vollständig der Fernen Göttin gewidmet — der zornigen Löwin, die nach Nubien zog und zurückgeholt werden musste. Der Tempel steht am Weg, den sie nahm.
Wer dort schrieb
Der ungewöhnlichste Bestand von el-Dakka sind nicht die Reliefs, sondern die Graffiti — und ihre Sprachen:
| Schrift | Zahl | Wer |
|---|---|---|
| Demotisch | rund 90 | nubische Eliten in Priester- und Verwaltungsämtern |
| Griechisch und Latein | 100 | römisches Militär, Veteranen, Reisende |
| Meroitisch | einzelne, dafür große | u. a. ein Text zu König Teriteqas und Kandake Amanirenas |
Die römischen Soldaten verehrten Thot als Hermes und nannten ihn Pauthnuphis — vermutlich pꜣ-ꜥḥꜣwtj-nfr, „der vollkommene Mann“ oder „der vollkommene Kämpfer“. Ein Zenturio der Trajanszeit stiftete außerdem eine vergoldete Serapis-Statue mit Kerberos; sie ist heute verloren und wurde zunächst für einen Jupiter mit Löwen gehalten.
Das ist der eigentliche Befund des Ortes. An einer Wand stehen vier Schriften nebeneinander, und die Träger sind meroitische Beamte, ägyptische Priester und römische Berufssoldaten. Nicht das Militär hat die Kulturen hier verbunden, sondern der Kult.
Ein Amtstitel, den es sonst nirgends gibt
Ein demotisches Graffito aus dem Jahr 10/11 n. Chr. nennt den meroitischen Strategen Selewe und beschreibt ihn als „Agent der Isis vom Abaton und von Philae; Agent des Thot vom nbs-Baum, des Großen Gottes“ — ein Bezirksbeamter, der zugleich für zwei Tempel handelt. Alle bekannten Träger dieses Amtes haben nichtägyptische Namen und kamen aus den Priesterschaften von Philae oder el-Dakka.
Die Scheintür an der Rückwand
In der Mitte der Rückwand steht eine monumentale Scheintür, 2,53 Meter breit und 4 Meter hoch — ein Gegentempel.
Solche Anlagen sitzen immer an der Rückwand, meist hinter dem Allerheiligsten, und richten sich an die, die nicht hinein durften: eine Kultstelle für den Hauptgott auf der Außenseite derselben Mauer.
Zwei Dinge machen die von el-Dakka besonders. Erstens sitzt sie in einer Wand, die nicht einmal geglättet wurde — dekoriert ist nur die Vierfederkrone des Thot im oberen Teil. Zweitens wurde später ein Durchgang durch die Scheintür gebrochen, sodass man vom Gegentempel aus ins Sanktuar gelangte. Das kehrt den Sinn der Einrichtung um.
Wann und warum, ist offen. Denkbar ist ein Zusammenhang mit der Serapis-Weihung — oder schlicht, dass der Tempel da nicht mehr als Tempel benutzt wurde. Barsanti hat die Öffnung 1908/09 mit Zement zugesetzt, um die Wand zu stabilisieren.
Zweimal umgezogen, einmal verloren
Bedroht war el-Dakka lange vor dem Hochdamm: Die Erhöhungen des alten Assuan-Staudamms zwischen 1908 und 1910 und noch einmal 1929 setzten Unternubien unter Wasser; Teile des Tempels stürzten 1896 und 1902 ein.
Zwischen 1962 und 1968 wurde er abgebaut und rund 40 Kilometer nach Süden versetzt, nach Neu-Wadi es-Sebua — eine der UNESCO-Rettungsaktionen vor der Einweihung des Hochdamms 1971. Der kleine römische Tempel von Muharraqa steht heute daneben.
Gerettet wurde dabei der Stein, nicht der Ort. Was in der Flut blieb, waren die Lehmziegelbauten, die Siedlung, die Felder und der Bezug zur Landschaft — der fruchtbare Streifen westlich des Nils, rund 25 Kilometer lang und bis zu anderthalb Kilometer breit, dem gegenüber das Ostufer fast reine Wüste war. Ein wiedererrichteter Steintempel steht ohne das, was ihn erklärt. Das gilt für alle versetzten nubischen Tempel.
Philae ist derselbe Vorgang mit besserer Presse. Dort ging die Insel verloren, hier die Landschaft; der Unterschied ist, dass Philae berühmt war und el-Dakka nicht.