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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Hintergrundgut belegt

Die Gestalt der Götter

Menschengestaltig, mischgestaltig, zusammengesetzt — wie ägyptische Götter dargestellt wurden, und warum die Einteilung eine moderne ist.

Farbig bemalte Grabwand vor blaugrauem Grund. Nebeneinander stehen sechs Gestalten im Profil, alle mit menschlichem Körper, rot oder hell gemalt, in weißen und gelben Schurzen und mit breiten Perlenkragen. Fünf von ihnen haben einen Menschenkopf; eine trägt einen roten Sonnenkreis zwischen Hörnern, eine andere eine lange schwarze Perücke. Die Gestalt in der Mitte hat als einzige einen Vogelkopf mit gebogenem Schnabel und trägt darauf eine hohe weiße Krone. Über den Figuren verläuft ein Band aus Zeichen und zwei Namensringen, darüber ein Fries aus farbigen Punkten. Die Farben sind stellenweise abgeplatzt.

Der Befund dieses Artikels in einem Bild: Die Körper sind gleich, der Kopf unterscheidet. Grab Haremhabs im Tal der Könige (KV 57).

Grundregel
Bei Mischgestalten trägt der Kopf die Identität, nicht der Körper
Warnung
Die Dreiteilung ist eine Ordnungshilfe der Ägyptologie, keine ägyptische Kategorie
Zeitraum
Naqada II bis Römerzeit
Themenfelder
Ikonographie · Gottesbegriff

Drei Formen

Die Ägyptologie unterscheidet bei Götterbildern üblicherweise drei Formen:

  • menschengestaltig — vollständig menschlicher Körper und Kopf
  • mischgestaltig (auch „bimorph“) — halb Mensch, halb Tier
  • zusammengesetzt — aus mehreren Gottheiten oder deren Teilen gebildet

Die Einteilung erklärt viel, aber man sollte wissen, woher sie kommt: Sie ist keine ägyptische Kategorie. Eine Klasse „menschengestaltiger Götter“ haben die Ägypter selbst nicht unterschieden. Es handelt sich um eine Ordnungshilfe der modernen Forschung, und wie jede solche Hilfe hat sie unscharfe Ränder.

Der Kopf entscheidet

Bei mischgestaltigen Göttern kann der Kopf menschlich und der Körper tierisch sein oder umgekehrt. Die Regel dazu ist klar: Die Identität hängt am Kopf, nicht am Körper. Ein Falkenkopf auf einem Menschenleib macht die Figur zum Falkengott, nicht zum vermenschlichten Menschen.

Solche Gestalten sind nur teilweise menschengestaltig, und zwar nicht nur der Form nach, sondern auch dem Wesen nach. Eine gängige Deutung sieht in ihnen einen Kompromiss zwischen dem Zug zur Abstraktion, den menschengestaltiges Denken mit sich bringt, und der Erscheinung von Naturkräften.

Wo die Einteilung nicht trägt

Geflügelte Göttinnen. Isis und Nephthys mit Flügeln sind streng genommen Mischgestalten. Üblicherweise gelten sie trotzdem als vollständig menschengestaltig — weil die Flügel nur manchmal gezeigt werden. Hier entscheidet die Konvention, nicht das Merkmal.

Zusammengesetzt ist nicht dasselbe wie mischgestaltig. Der Unterschied liegt darin, was verbunden wird: Eine Mischgestalt ist ein Gott in einer bestimmten Erscheinung, eine zusammengesetzte Gestalt vereint mehrere Gottheiten oder Teile von ihnen. Bei den vielköpfigen und vielarmigen Wesen der Spätzeit können bis zu einem Dutzend Götter eingegangen sein.

Dasselbe Material, verschiedene Wirkung. Ammit und Taweret bestehen beide aus Nilpferd, Krokodil und Löwe — und sind zu völlig entgegengesetzter Wirkung zusammengefügt. Die eine frisst die Verdammten, die andere schützt Schwangere. Die Bestandteile sagen also nicht, was herauskommt.

Feste Bilder sind die Ausnahme

Eine starr festgelegte Ikonographie war unüblich; viele Gottheiten erscheinen in mehreren Gestalten. Hathor kann Kuh sein, Frau mit Kuhkopf oder Frau mit einem Gesicht zwischen Mensch und Rind. Isis, deren früheste Darstellungen menschengestaltig sind, erscheint später als Schlange, Vogel oder Skorpion. Die vier Horuskinder haben im Neuen Reich meist drei tierische Köpfe — aber eben nicht immer; im Grab des Eje sind alle vier menschengestaltig.

Spätestens seit dem Neuen Reich war es grundsätzlich möglich, jede Gottheit menschengestaltig zu zeigen. In manchen Tempelszenen erscheinen ganze Göttergruppen so, einschließlich sonst tier- oder mischgestaltiger Gottheiten wie Anubis.

Diese Beweglichkeit ist selbst ein Argument. Wären menschengestaltige Götter als die höherwertigen empfunden worden, hätte man kaum so frei zwischen den Formen gewechselt.

Wofür die Menschengestalt gebraucht wurde

Sie ist die Form für alles, was sich in der Natur schlecht abbilden lässt. Die „kosmischen“ Gottheiten — Schu als Luft und Licht, Nut als Himmel — sind menschengestaltig, ebenso die „geographischen“: Personifikationen von Bergen, Städten, Gütern und Tempeln. Manche tragen ein Attribut als Kennzeichen, etwa die blaue Haut der Sumpfgötter und des Nilgottes Hapi; viele sind überhaupt nur durch die Namensbeischrift zu identifizieren.

Seit dem Alten Reich steht die Menschengestalt außerdem für „Gott“ und „Götter“ ganz allgemein. Neunheiten werden meist so dargestellt, mit Namensbeischriften statt unterscheidender Merkmale. Und in Szenen, die den Umgang von Menschen und Göttern zeigen, ist sie die häufigste Form überhaupt.

Eine historische Folgerung

Die ältesten ägyptischen Gottheiten scheinen tiergestaltig gewesen zu sein; menschengestaltige sind trotzdem früh da. Auf Gefäßen der Naqada-II-Zeit stehen Embleme, von denen zwei mit später menschengestaltigen Gottheiten verbunden werden — Min und Neith. Männliche wie weibliche menschengestaltige Gottheiten gab es also vor den ersten Dynastien.

Daraus ergibt sich ein Argument zur Amarnazeit, das man kennen sollte, ohne es zu überdehnen: Weil praktisch alle großen Gottheiten Ägyptens menschengestaltig waren oder es zumindest teilweise wurden, hatte es der nicht menschengestaltige Aton als höchster Gott besonders schwer. In dieselbe Richtung weist eine Beobachtung an den Fremdgöttern: Menschengestaltige aus dem Vorderen Orient wurden ohne weiteres aufgenommen, nicht menschengestaltige in der Regel nicht.

Das erklärt das Scheitern der Amarnareligion nicht allein — es gab dafür zahlreiche andere Gründe. Es benennt einen Widerstand, den sie zusätzlich hatte.

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