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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Schöpfung & UrzeitSonne, Himmel & GestirneKönigtum, Krieg & Schutzgut belegt

Tefnut

griechisch Tphenis · ägyptisch Tfnt

Göttin der Feuchtigkeit und Zwillingsschwester des Schu; zugleich prominenteste Gestalt des „fernen Sonnenauges“.

TfntUmschrift
Unterseite eines ovalen Siegels aus grün glasiertem Stein. Eingeschnitten sind zwei Löwenleiber, die in der Mitte zusammenwachsen und deren Köpfe nach entgegengesetzten Seiten blicken. Über der Nahtstelle liegt eine runde Scheibe, darunter zwei waagerechte Striche. In den Vertiefungen hat sich die Glasur braun abgesetzt.
Zuständig für
Feuchte, Tau, Sonnenauge, Zorn und Versöhnung
Bezeugt
Pyramidentexte bis Römerzeit
Kultorte
Heliopolis, Leontopolis, Dendera
Familie
Vater: Atum
Bruder und Gefährte: Schu
Kinder: Geb und Nut

Erscheinung

Frau mit Löwenkopf und Sonnenscheibe; als Löwin; im Paar mit Schu als Doppellöwe (Ruti) an den Horizonten.

Erstes Götterpaar

Mit Schu bildet Tefnut das erste geschlechtlich differenzierte Paar der Schöpfung. Sie steht für das feuchte Element — Tau, Wolken, Ausdünstung —, das der Luft entgegengesetzt und mit ihr verbunden ist. Ihre Löwengestalt zeigt, dass „Feuchte“ hier nicht als Sanftheit, sondern als elementare Kraft gedacht ist.

Der Mythos vom Sonnenauge

Die Erzählung, in demotischen und griechischen Fassungen der Römerzeit vollständig erhalten: Tefnut zieht im Zorn nach Nubien und lebt dort als reißende Löwin. Die Welt verliert dadurch das Licht bzw. der Sonnengott sein Auge. Thot (in Gestalt eines kleinen Affen) wird ihr nachgeschickt und holt sie durch Geschichten, Schmeichelei und Fabeln zurück; unterwegs verwandelt sie sich Schritt für Schritt in die milde Katze. Die Rückkehr wurde in Nubien und Oberägypten mit rauschenden Festen gefeiert und erklärt zugleich die Rückkehr der Nilflut.

Wer sie zurückholt — nicht immer Thot

Die bekannte Fassung schickt Thot hinterher, und so steht es meist auch in Nacherzählungen. Die Rolle ist aber nicht an ihn gebunden: Ebenso treten Onuris und Schu als Heimholer auf. Hermann Junker sah deshalb schon 1917 in Thot von Pnubs — der nubischen Gestalt des Gottes — eine Erscheinungsform des Onuris beziehungsweise des Schu, weil alle drei im Mythos dieselbe Aufgabe erfüllen. Sichtbar wird das an der Krone: Thot von Pnubs trägt die vier Straußenfedern des Onuris und übernimmt damit dessen Merkmal.

Wie eng der Mythos an Nubien hängt, zeigt der Tempel von el-Dakka. Dort steht Thot von Pnubs als aufrechter Pavian mit erhobenen Armen vor der Löwin, um sie zu besänftigen; die Beischrift nennt sie „Tefnut, Tochter des Re, die im Abaton weilt“, und der Zweck ist ausdrücklich genannt — sie soll nach Ägypten zurückkehren, um ihren Vater zu schützen. Ein Epitheton desselben Gottes lautet „der sehr große Gott, der aus Nubien kommt, der südliche Löwe“.

Warum das wichtig ist

Der Mythos liefert das Grundmuster für zahlreiche Löwengöttinnen — Sachmet, Bastet, Mut, Pachet, Menhit, Hathor als „Auge des Re“. Es ist immer dieselbe Struktur: gefährliche Kraft, die im Zorn entweicht, besänftigt und heimgeholt werden muss. Feste mit Trunkenheit und Musik sind dabei nicht Beiwerk, sondern Ritualtechnik.

Schöpfung & UrzeitSonne, Himmel & GestirneKönigtum, Krieg & Schutz