Ort · Oberägyptengut belegt
Deir el-Medina
Sṯ-Mꜣꜥt(Ta) Memnoneiaheute: Deir el-Medina
Das Dorf der Königsgrabarbeiter westlich von Luxor — Quelle für fast alles, was wir über den ägyptischen Alltag wissen. Ein Großteil davon stammt aus einer Müllgrube.

Rund 68 Häuser an einer einzigen Straße, in einem Tal ohne Wasser. Die Trockenheit ist der Grund, warum von hier mehr Alltagstexte stammen als von jedem anderen Ort Ägyptens.
- Zeitraum
- Mittleres Reich bis 8. Jh. n. Chr.
- Region
- Oberägypten
- Gau
- 4. oberägyptischer Gau
- Hauptgottheiten
- Hathor · Amenophis I. und Ahmose-Nefertari · Meretseger · Amun
- Bauten
- Arbeiterdorf, 5.600 m², rund 68 Häuser · Ost- und Westnekropole · die „Große Grube“, 52 m tief · Hathorkapelle Sethos’ I. · Tempel Amenophis’ I. und der Ahmose-Nefertari · Amuntempel Ramses’ II. · ptolemäischer Hathortempel mit Mammisi
Vier Namen für einen Ort
Der arabische Name Deir el-Medina, „Kloster der Stadt“, meint nicht das Dorf, sondern das, was zuletzt dort stand: eine koptische Siedlung mit Kirche und Kloster, eingerichtet in den Ruinen eines Hathortempels.
Die Arbeiter selbst nannten ihre Siedlung schlicht pꜣ dmj, „das Dorf“. Amtlich hieß das Gebiet Sṯ-Mꜣꜥt, „Platz der Wahrheit“, oder Pꜣ-ẖr, „die Nekropole“. Die Griechen sprachen von (Ta) Memnoneia.
Vier Namen aus vier Epochen für dieselbe Talsohle — und keiner davon nennt, was der Ort tatsächlich war: die Wohnsiedlung der Männer, die die Königsgräber im Tal der Könige schlugen.
Warum dieser Ort so viel weiß
Deir el-Medina liegt in einem wasserlosen Wüstental hinter dem Hügel Qurnet Murai. Genau das ist der Grund für seine Bedeutung: Die Trockenheit hat erhalten, was anderswo vergangen ist.
Neben Häusern, Kapellen, Tempeln und Hunderten von Gräbern liegen Zehntausende Gebrauchsgegenstände und Texte vor — Ostraka, Papyri, Körbe, Sandalen, Möbel. Zu Alltag, Rechtsprechung, Wirtschaft und Verwaltung Ägyptens gibt es keine vergleichbare Quelle.
Deir-el-Medina-Forschung ist deshalb ein eigenes Teilgebiet der Ägyptologie mit eigener Bibliographie — und weil die Funde von der 18. Dynastie bis in die christliche Zeit reichen, arbeiten daran auch Demotisten und Koptologen.
Das Dorf
Die erste Anlage stammt aus dem frühen Neuen Reich. Datiert wird sie über Ziegel der Umfassungsmauer mit dem Kartuschenstempel Thutmosis' I. In dieser Phase standen etwa ein Dutzend Häuser beiderseits eines Mittelwegs.
Der große Umbau fällt mit einer Verwaltungsreform zusammen: Unter Haremhab wurde die Arbeitermannschaft neu geordnet, und die Zahl der Häuser stieg auf rund vierzig. Insgesamt lassen sich zwölf Umbauphasen unterscheiden; am Ende ist das Dorf rechteckig, misst 5.600 Quadratmeter und enthält rund 68 Häuser an einer einzigen durchgehenden Straße.
Die Einwohnerzahl folgte der Zahl der beschäftigten Arbeiter — das Dorf wuchs und schrumpfte mit dem Bauprogramm im Königsgräbertal. Ein Haushalt umfasste wohl drei bis fünf Personen.
Außerhalb der Nordostmauer lag ein Platz, an dem die Wasserkrüge standen. Wasser musste herangetragen werden; das Tal hat keines.
Wie ein Haus aussah
Der Aufbau ist bei den meisten Häusern derselbe:
- ein Vorderraum, in dessen Ecke fast immer eine rechteckige, bettartige Konstruktion aus ungebrannten Ziegeln steht, verputzt und bemalt — der sogenannte lit-clos
- der Hauptwohnraum dahinter, oft mit einer Säule als Dachstütze und einer Bank an der Wand
- ein kleinerer Raum, ein Gang und am Ende die Küche
- eine Treppe aufs Dach
Am aufschlussreichsten ist der bemalte Kasten im Vorderraum. Wo Reste der Bemalung erhalten sind, zeigen sie Motive aus dem Umkreis der Fruchtbarkeit. Was in diesem Raum geschah, wird bis heute diskutiert — Geburt, Wochenbett, Hauskult sind die üblichen Vorschläge. Sicher ist nur, dass ein Ägypter hier, unmittelbar hinter der Haustür, etwas errichtet hat, das Bilder brauchte.
Fast alle Häuser wurden im Lauf der Zeit umgebaut, geteilt oder erweitert.
Die Große Grube
Fünfundfünfzig Meter nordöstlich des Tempelbezirks liegt ein 52 Meter tiefes Loch, dessen Innenwände von umlaufenden Treppen begleitet werden.
Wozu es ursprünglich gegraben wurde, ist unbekannt. Die naheliegende Vermutung — ein Brunnenversuch — steht im Raum, gesichert ist sie nicht.
Sicher ist, was daraus geworden ist: In zwei späteren Zeitabschnitten diente die Grube als Müllkippe des Dorfes. Und ihr Inhalt ist der Grund, warum dieser Eintrag existiert. Herausgeholt wurden Statuen, Stelen, Reliefs, Bauteile, Möbel, Flechtwerk, Sandalen, Keramik — und Ostraka und Papyri.
Ein erheblicher Teil dessen, was die Ägyptologie über das tägliche Leben in Ägypten weiß, kam aus einer Müllgrube. Das ist kein Zufall der Überlieferung, sondern ihre Regel: Erhalten bleibt, was weggeworfen und trocken zugedeckt wurde, nicht das, was aufbewahrt werden sollte.
Die Tempel ringsherum
Um den Nordteil des Dorfes liegt eine ganze Reihe kleiner Heiligtümer, die früheste aus der 18. Dynastie:
- ein Tempel für Amenophis I. und seine Mutter Ahmose-Nefertari — das vergöttlichte Königspaar, das die Arbeiterschaft als ihre Gründer verehrte
- eine Hathorkapelle Sethos' I., mit einem Anbau, in dem zwei Backöfen standen
- ein Amuntempel Ramses' II. am Hang des Qurnet Murai, mit einem dreiteiligen Sanktuar für die thebanische Trias
- der große ptolemäische Hathortempel, begonnen unter Ptolemaios IV. und weitergebaut bis Ptolemaios VIII.
Der Hathortempel hat zwei Besonderheiten. Seine Ziegel-Umfassungsmauer ahmt eine Festung nach — es ist die letzte ägyptische Tempelmauer dieser Art. Und in der Kapelle des Amun-Sokar-Osiris steht eine Darstellung des Totengerichts: ein Motiv, das man aus Totenbüchern kennt, in einem Tempel aber selten ist.
Unter ihm und teilweise unter seiner Einfriedung liegen ältere Kapellen, die für den Neubau planmäßig abgerissen wurden.
Später kam ein Ziegel-Mammisi unter Ptolemaios IX. und Kleopatra III. hinzu, unter Augustus eine Isiskapelle an der Rückseite. Dann wurde der Tempel Kirche.
Der Ort hörte nicht auf, als das Dorf endete
Die Siedlung wurde unter Ramses XI. aufgegeben — mit dem Ende des Neuen Reichs.
Der Platz blieb trotzdem in Gebrauch, und zwar über tausend Jahre. Ältere Gräber und stehengebliebene Bauten wurden als Bestattungsplätze wiederverwendet, umgebaut, zu Kapellen und schließlich zu Kirchen gemacht; das reicht bis ins 8. Jahrhundert n. Chr.
Ein Beispiel für die Prominenz der späteren Nutzung: 1832 fand man hier ein Grab mit dem Sarkophag der Anchnesneferibre aus schwarzem Schiefer, der Tochter Psammetichs II. Er wurde ans Britische Museum verkauft.
Wer hier gegraben hat — und was dabei verloren ging
Die früheste Zeichnung des Ortes stammt von dem britischen Geistlichen Richard Pococke aus dem Jahr 1737. Sie zeigt den ptolemäischen Hathortempel als einziges sichtbares Bauwerk in einer ansonsten leeren Wüste.
Das erste bekannte Fundstück ist eine Kalksteinstatue des Arbeiters Neferabu, 1777 auf dem Antikenmarkt in Luxor gekauft; sie steht heute in Valletta auf Malta. Die großen Sammlungen des 19. Jahrhunderts — Drovetti, Salt, Bankes und andere — haben ihre Stücke von Ort wahrscheinlich ebenfalls bei Händlern erworben, nicht ausgegraben.
Systematisch wurde ab 1905 gearbeitet: Schiaparelli (Funde nach Turin und Florenz), dann Baraize, dann das Berliner Museum, ab 1917 das französische Institut in Kairo, von 1922 bis 1951 unter Bernard Bruyère. Jaroslav Černý identifizierte 1929 die Bewohner als Königsgrabarbeiter und arbeitete bis zu seinem Tod 1970 an dem Material.
Der Preis dieser Fundfülle steht im Kleingedruckten: Weil so ungeheuer viel zutage kam, ist nicht für jedes Stück eine genaue Fundlage dokumentiert. Ein Ostrakon ohne Fundort ist immer noch ein Text — aber es lässt sich nicht mehr sagen, in wessen Haus es lag.
Wofür der Ort in diesem Wiki steht
Die Votivstelen der Arbeiter sind der Leitbefund der Debatte um persönliche Frömmigkeit — mit allen Verzerrungen, die daraus entstanden sind; das steht beim Eintrag Frömmigkeit.
Ebenso stammen von hier die Orakelprotokolle, das Traumbuch, die Belege für Meretseger, die Hausgottheiten Bes und Taweret und ein großer Teil dessen, was über Bestattungsbräuche unterhalb der Königsebene bekannt ist.
Wer in diesem Wiki einen Satz über den ägyptischen Alltag liest, liest mit einiger Wahrscheinlichkeit einen Satz über dieses Dorf.