Ort · Oasengut belegt
Hibis
Der Amuntempel in der Oase Charga — weit genug vom Nil entfernt, um zu überdauern, und deshalb der einzige Zeuge dafür, wie ein Spätzeittempel wirklich aussah.

Die Szene am dritten Tor zeigt Dareios I. vor Amun-Re und Mut — ein persischer Großkönig im ägyptischen Königsornat.
- Zeitraum
- 26. bis 30. Dynastie; Hauptdekoration unter Dareios
- Region
- Oasen
- Hauptgottheiten
- Amun, Herr von Hibis · Osiris
- Bauten
- Naos mit neun Registern und rund 700 Darstellungen · Säulensaal „M“ mit Amunhymnen in Form einer Papyrusrolle · Osiriskapellen auf dem Dach
Erhalten, weil abgelegen
Von den Tempeln der Spätzeit ist wenig übrig, und die Gründe sind bekannt: Kalksteinblöcke wanderten in die Kalköfen, Granit in Dörfer und spätere Bauten, die Ziegelreste holten sich die Sebachin als Dünger, und im feuchten Delta half das Klima nach. Dazu kommt die Ausdehnung der Städte im 20. und 21. Jahrhundert.
Hibis liegt außerhalb dieser Kette. Der Tempel steht in der Oase Charga, abseits des Niltals, und ist deshalb ungleich besser erhalten als alles Vergleichbare. Daraus folgt sein eigentlicher Rang: Er ist der einzige Zeuge für Umfang und Art des Tempelbaus der Spätzeit vor Beginn der Ptolemäerzeit.
Das ist eine Aussage über die Überlieferung, nicht über die Bedeutung. Hibis war kein Zentrum — es ist nur das, was übrig blieb.
Vier Dynastien, drei Bauherren
Begonnen wurde in der 26. Dynastie, dekoriert überwiegend in der 27., der ersten Perserzeit, und dort vor allem unter Dareios. Fertiggestellt hat ihn Nektanebos II. in der 30. Dynastie.
Der Grundriss folgt dem traditionellen ägyptischen Tempel, mit einigen Abweichungen. Geweiht ist er Amun, „Herr von Hibis“, für den eine eigene Anpassung der thebanischen Theologie gemacht wurde. Mehrere Räume gehören Osiris, und auf dem Dach liegen Osiriskapellen — eine Form, die die Dachkapellen der Ptolemäerzeit vorwegnimmt.
Der Naos als Weltmodell
Die Dekoration hat Eigenheiten, die sich sonst nirgends finden. Die Wände des Naos tragen neun Register mit rund 700 Darstellungen — praktisch das gesamte ägyptische Pantheon an einer Wand.
Der Raum ist damit als Mikrokosmos angelegt: die Götter Ägyptens versammelt, und in ihrer Mitte die jährliche Wiedergeburt des Osiris.
Der Vergleich mit den ptolemäischen Tempeln zeigt, wie ungewöhnlich das ist. Dort führt der König eine Prozession geographischer Gottheiten zum Hauptgott; das Programm ordnet die religiösen Provinzen, jeder Gau mit seinem Hauptgott, seiner Stadt und seinen Grenzen. Hibis ordnet nicht nach Landkarte. Dort stehen einzelne Erscheinungsformen von Gottheiten, die man in das große Gefüge der ägyptischen Götterwelt einsortieren muss.
Das ergibt ein anderes Bild — kein Verzeichnis der Provinzen, sondern eine Momentaufnahme dessen, was in Ägypten damals tatsächlich verehrt wurde.
Eine Wand als Papyrusrolle
Auch der Säulensaal „M“ ist ungewöhnlich dekoriert: Die Wände sind als riesige Papyrusrolle angelegt, mit Vignetten und einer Reihe von Amunhymnen.
Mehrere Passagen dieser Hymnen sind älter und anderswo bekannt — aus dem „magischen“ Papyrus Harris und aus dem Hymnus an die zehn Bas des Amun im Edifice des Taharqa in Karnak.
Der Befund ist ein Anfangspunkt: Hibis liefert eines der ersten Beispiele dafür, dass ein religiöser Hymnus als Wandbild wiedergegeben wird. In den ptolemäischen Tempeln wird das dann geläufig.
Nicht der einzige Tempel der Oase
In derselben 27. Dynastie entstand bei Ain Manawir nahe Dusch, im südlichsten Teil der Oase Charga, ein Ziegeltempel für Osiris-iu. Die Grabung dort hat zahlreiche Bronzestatuen des Gottes erbracht und eine große Menge demotischer Ostraka.
Die Oase ist damit für eine Epoche, aus der im Niltal und im Delta kaum etwas übrig ist, doppelt aufschlussreich — einmal für den monumentalen Tempelbau, einmal für den Alltag, der auf den Scherben steht.