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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

HintergrundTotenreich & Osiriskreisgut belegt

Uschebtis: Stellvertreter für die Arbeit im Jenseits

wšbtj · šꜣbtj · šꜣwꜣbtj

Mumienförmige Figuren, die für den Toten die Feldarbeit im Jenseits übernehmen — und deren geläufiger Name auf einem Missverständnis beruht.

Eine Reihe von elf mumienförmigen Figuren in einer Museumsvitrine, aufgestellt in zwei Ebenen. Jede Figur hat einen glatten, säulenartigen Körper ohne abgesetzte Beine, eine breite Strähnenperücke und über der Brust gekreuzte Arme, die kurze, gebogene Geräte halten. Der Körper ist unterhalb der Arme vollständig mit waagerechten Zeilen kleiner Zeichen bedeckt. Die Figuren sind unterschiedlich gefärbt — kräftig blau, hellgrün, weiß, rotbraun; eine größere in der Mitte ist rosa und trägt einen aufwendiger gearbeiteten Kopfschmuck.

Späte Massenware: Alle Figuren tragen denselben Spruch in derselben Anordnung. Die Farbunterschiede kommen von der Fayence-Glasur, nicht von unterschiedlichen Werkstätten.

Grundgedanke
Der Tote soll der Fronarbeit im Jenseits entgehen
Der Spruch
Totenbuch-Spruch 6 — „Ich werde es tun, hier bin ich“
Zahl je Bestattung
einer im Mittleren Reich, rund 400 in der Spätzeit

Darstellung

Meist mumienförmig, mit Hacken, Körben und Wasserkrügen; nach der Amarnazeit auch in der Tracht des Alltags. Aufseherfiguren tragen Alltagskleidung und eine Peitsche.

Zeitraum
Vorläufer in der Ersten Zwischenzeit; Blüte bis in die Ptolemäerzeit
Themenfelder
Totenglaube · Grabbeigaben · Arbeit und Fron
Orte
Gräber im ganzen Land · als Weihgabe in Abydos, Sakkara, Giza und im Serapeum

Der Gedanke dahinter: Fron

Im Jenseits musste Nahrung angebaut werden wie auf der Erde — und wie auf der Erde wurde dafür Zwangsarbeit ausgehoben. Was der Pharao seinen Untertanen auferlegte, legten die Götter den Toten auf.

Der Vergleich ist keine Deutung, sondern der eigentliche Befund. Hohe Beamte versuchten im Diesseits, sich der Fron durch einen Königserlass (wḏ nsw) zu entziehen. Der Tote tat dasselbe mit anderen Mitteln: Er verließ sich auf einen Freistellungstext — einen Spruch, der die Last von ihm auf einen Stellvertreter abwälzte.

Wichtig ist, was dabei nicht gemeint ist. Pflügen, Säen und Ernten kommen in ägyptischen Grabbildern durchaus vor, und zwar positiv: im „Gefilde der Opfergaben“ (Totenbuch-Spruch 110). Dort tut der Tote es freiwillig, und dort erscheinen deshalb auch keine Uschebtis. Die Figuren gehören nicht zur Landarbeit an sich, sondern zur erzwungenen Landarbeit.

„Ich werde es tun, hier bin ich“

Der Spruch steht seit dem Mittleren Reich auf den Figuren selbst. Seine älteste Fassung ist Sargtext-Spruch 472, gefunden auf zwei Särgen aus Deir el-Bersche; geläufig ist er als Totenbuch-Spruch 6:

Spruch, einen Schawabti Arbeit tun zu lassen im Totenreich. Zu sprechen von N: „O ihr Schawabtis, wenn man den Osiris N abzählt, irgendeine Arbeit zu tun, die dort im Totenreich zu tun ist … sei es, die Felder zu bestellen, die Uferländer zu bewässern, den Sand des Westens und des Ostens mit dem Schiff zu befördern — ‚ich werde es tun, hier bin ich‘, sollt ihr sagen.“

Die Wiedergabe hier ist gekürzt und folgt der englischen Übersetzung bei Milde, nicht dem ägyptischen Text unmittelbar.

Drei Arbeiten werden genannt, und die dritte ist rätselhaft. Was mit dem Sand des Westens und des Ostens gemeint ist, weiß niemand sicher. Vorgeschlagen wurde Wüstensand, der auf die Felder geweht wurde und weggeschafft werden musste — oder Baumaterial. Beides bleibt Vermutung.

Der geläufige Name beruht auf einem Irrtum

Das Wort hat vier Stufen durchlaufen, und die letzte ist die, die sich durchgesetzt hat.

Form seit Deutung
šꜣbtj 11. Dynastie Herkunft umstritten
šꜣwꜣbtj 17. Dynastie „aus Perseaholz“?
šbtj spätes Neues Reich „Ersatz“, von šbj „ersetzen“
wšbtj 21. Dynastie „Antworter“, von wšb „antworten“

Der älteste Beleg ist überraschend: In einem Grab der 11. Dynastie bezeichnet šꜣbtj ein Mitglied des Haushalts, das Geflügel bringt. Über die Herkunft des Wortes ist viel gestritten worden — Anschluss an Wörter für Nahrung, an šꜣbt „Fronarbeit“ (diese Deutung gilt als widerlegt), oder an šbd, ein semitisches Lehnwort für „Stock“.

Die Perseaholz-Deutung scheitert am Befund. šꜣwꜣbtj ließe sich zu šꜣwꜣb, „Perseabaum“, stellen — eine Figur aus Perseaholz. Nur gibt es solche Figuren praktisch nicht; schon Petrie hat das 1935 festgestellt. Und die Anweisung zu Sargtext-Spruch 472 schreibt ausdrücklich Tamariske oder Christdorn vor.

Die letzte Stufe ist eine Volksetymologie. Aus šwbtj wurde durch Lautumstellung wšbtj, und das las man als „Antworter“ — passend zum Spruch, in dem die Figur ja antwortet. Sprachgeschichtlich ist das nachträglich hineingelesen. Der Name, unter dem diese Objekte heute weltweit bekannt sind, ist damit die späteste und am wenigsten ursprüngliche Form.

Vertreten oder ersetzen?

In der Sache steckt eine Zweideutigkeit, die sich über die Jahrhunderte auflöst — in eine Richtung.

Anfangs vertritt die Figur den Toten: Sie stellt ihn dar, in der würdevollen Gestalt, die er nach der Mumifizierung erlangt hat (sꜥḥ). Der Tote profitiert damit selbst von der Nahrungsproduktion. Zugleich gab es von Anfang an den anderen Gedanken: Die Figur ersetzt ihn, damit er die Arbeit nicht tun muss.

Am Ende des Neuen Reiches ist die Frage entschieden — zugunsten des Ersatzes. Der einzelne Stellvertreter verschwindet in Trupps von Sklaven, beaufsichtigt von Aufseherfiguren. Auch die Sprache zieht nach: Ein Uschebti ist jetzt kein vertrauter Diener mehr, sondern ein gleichgültiger Sklave (ḥm), der auf Zuruf zu antworten hat.

Aus einem wurde ein Heer

Die Vorläufer stammen aus der Ersten Zwischenzeit: winzige Figuren aus Wachs oder Ton, den Körper wie auf Erden dargestellt, in Leinen gewickelt und in kleine rechteckige Särge gelegt. Die ersten mumienförmigen Statuetten erscheinen in der 12. und 13. Dynastie. Danach tritt die Sitte zurück und kehrt in der 17. Dynastie in Theben wieder.

Gegen Ende des Neuen Reiches steigt die Zahl je Bestattung stark an — und die Größe der Figuren nimmt im selben Maß ab. Die Menge erzwingt Massenfertigung in Formen. In der Spätzeit sind rund 400 Stück je Bestattung nichts Ungewöhnliches.

Eine Quittung aus der 22. Dynastie rechnet es vor: geliefert wurden 401 Uschebtis — „Sklaven und Sklavinnen“ —, nämlich 365 Arbeiter, einer für jeden Tag des Jahres, und 36 Aufseher. Die Ausstattung eines Jenseits-Guts, kaufmännisch abgerechnet.

Dass 36 Aufseher auf 365 Arbeiter kommen, legt eine Einteilung in Zehnergruppen nahe. Die Quittung sagt das nicht — sie nennt nur die Zahlen.

Ob die Zahlung nur den Hersteller bezahlte oder auch den „Lohn“ der Uschebtis abgalt, ist umstritten: Vorgeschlagen wurde es, widersprochen wurde ebenso beharrlich. Entschieden ist es nicht.

Sogar die Aufseher brauchten Aufsicht

Aus den Dynastien 20 bis 25 stammen die Aufseherfiguren, in der Fachliteratur reis genannt, in Alltagstracht und mit einer Peitsche in der Hand, die ihre Befugnis unterstreicht.

Dass es sie überhaupt gibt, sagt etwas über die Entwicklung: Fleiß war bei den Uschebtis keine Selbstverständlichkeit mehr. Wo die persönliche Bindung fehlt, schwindet die Verantwortung. Am deutlichsten wird das in einem Orakeldekret, in dem Amun persönlich zusichert, er werde dafür sorgen, dass die Uschebtis der Neschons ihre Pflichten auch wirklich erfüllen — schließlich seien sie zu ihrer Freistellung gekauft worden.

Ein Gott, der die Arbeitsmoral von Grabbeigaben garantieren muss: Deutlicher lässt sich die Verwandlung vom Abbild zum Personal nicht zeigen.

Nicht nur im Grab

Uschebtis gehören zur Grabausstattung, aber nicht ausschließlich. Zwei andere Verwendungen sind belegt:

  • Stab-Uschebtis, die Angehörige bei Totenfeiern in oder bei den Grabkapellen stifteten. Darin lebt der alte Gedanke der Ka-Statue weiter: Die Figur hält den Toten bei den Lebenden gegenwärtig.
  • Weihgaben an heiligen Orten. Uschebtis wurden in Heiligtümern niedergelegt, damit der Tote in der Nähe der großen Totengötter bleibt — bei Osiris in Abydos, bei Sokar in Sakkara und Giza, beim Apis im Serapeum — und an deren Opferritualen teilhaben kann.

Damit ist der Uschebti nicht nur ein Arbeitsgerät. Dieselbe Figur, die im Grab die Fron übernimmt, kann anderswo den Toten selbst vertreten. Die Zweideutigkeit von oben ist also nie ganz verschwunden; sie hat sich nur auf verschiedene Orte verteilt.

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