Hintergrundgut belegt
Namen, Umschrift und Aussprache
Warum „Osiris“ nicht ägyptisch ist und niemand weiß, wie die Götternamen wirklich klangen.

Die vier ovalen Ringe sind Kartuschen — die Umrandung, in der ägyptische Königsnamen geschrieben werden. Architrav im Tempelbezirk von Karnak.
- Grundproblem
- Die Hieroglyphenschrift notiert keine Vokale
- Themenfelder
- Sprache · Schrift · Methodik
Konsonantenschrift
Ägyptisch wurde wie andere afroasiatische Sprachen ohne Vokale geschrieben. Wsjr ist das Konsonantengerüst des Osirisnamens — wie es klang, wissen wir nicht sicher. Die geläufigen Formen stammen aus dem Griechischen: Osiris, Isis, Anubis, Thoth, Horus. Ägyptologen behelfen sich mit einer künstlichen Lesehilfe, indem sie zwischen die Konsonanten ein „e“ setzen: nfr wird „nefer“ gelesen, obwohl das mit der historischen Aussprache nichts zu tun hat.
Was das Koptische verrät
Die letzte Stufe der ägyptischen Sprache, das Koptische, wurde mit griechischen Buchstaben samt Vokalen geschrieben. Daraus lassen sich Aussprachen rückschließen: Ptah erscheint als Ptah, Isis als Ēse, Amun als Amun, Horus als Hōr. Das gilt aber für die Sprachstufe des 3. Jahrhunderts n. Chr., nicht für das Alte Reich, das über zweieinhalb Jahrtausende früher liegt.
Die Sonderzeichen
Die wissenschaftliche Umschrift verwendet Zeichen, die viele Schriftarten nicht enthalten: ꜣ (Aleph), ꜥ (Ajin), ḥ ḫ ẖ (drei verschiedene h-Laute), š, ṯ, ḏ, ḳ/q.
Diese Sammlung verwendet durchgehend die eigentlichen ägyptologischen Zeichen. Für Aleph und Ajin gibt es seit Unicode 5.1 eigene Buchstaben — ꜣ und ꜥ —, die genau für die Ägyptologie aufgenommen wurden. Verbreitet sind stattdessen zwei Halbring-Zeichen aus der Semitistik; sie sehen ähnlich aus, sind aber ein Behelf aus der Zeit, als Schriften die richtigen Buchstaben noch nicht mitbrachten. Da alle Schriften dieser Seite lokal eingebunden sind, entfällt der Grund dafür.
Zwei Zeichen haben keinen Großbuchstaben, den Schriften zuverlässig mitbringen: ꜣ und ẖ. Namen, die damit beginnen, stehen deshalb klein — ꜣst (Isis), ẖnmw (Chnum) —, alle übrigen mit großem Anfangsbuchstaben. Dass die Umschrift überhaupt großgeschrieben wird, ist selbst eine Konvention: Bonnet und das Lexikon der Ägyptologie halten es so, das neuere Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen schreibt durchgehend klein.
Menschennamen: mehr als einer
Ägypter trugen im Alten Reich häufig zwei Namen: einen „großen Namen“ (rn ꜥꜣ), der oft den Namen eines Gottes oder des Königs enthielt, und einen „kleinen“ oder „schönen Namen“ (rn nḏs, rn nfr) für den täglichen Gebrauch — mitunter eine Kurzform des großen. Gelegentlich sind sogar drei Namen belegt. Die Formel „A, genannt B“ macht das Verhältnis in Urkunden ausdrücklich.
Dass der offizielle Name einen Götternamen trägt, ist kein Zufall: Er stellt den Träger unter den Schutz dieser Gottheit. Deshalb sind Personennamen eine der besten Quellen dafür, welche Götter zu welcher Zeit tatsächlich populär waren — anders als Tempelinschriften, die den Staatskult abbilden.
Auch Herkunftsbezeichnungen wurden zu Namen: ꜥꜣm „der Asiat“, Nḥsj beziehungsweise Pꜣ-nḥsj „der Nubier“, Pꜣ-ẖr „der Syrer“ — teils über Jahrhunderte hinweg belegt.
Woraus Namen gemacht sind
Nicht jeder Name nennt einen Gott. Eine große Gruppe kommt ohne Gottheit und König aus und spricht von der Person selbst: „Die ich mir gewünscht habe“, „Er wird alt werden“, „Möge er leben!“, „Mein Name ist gesund“ — Letzteres ein typischer Name des Mittleren Reiches. In den Namen des Alten und Mittleren Reiches spielt außerdem der Ka eine große Rolle: „Der meinen Ka wiederholt“, „Den mein Ka liebt“.
Daneben stehen Gruppen, die man nicht erwarten würde:
- Körperliche Merkmale — „Der mit der Nase“, „Stark“, „Schön“.
- Berufsbezeichnungen — „Der Vorsteher der Scheune“, „Der General“, „Der Wasserträger“, „Der Prophet“. Manche sind so amtsförmig, dass unklar bleibt, ob es sich noch um einen Namen handelt oder schon um eine Bezeichnung.
- Tiernamen — im Alten und Mittleren Reich „Maus“, „Kaulquappe“, vielleicht „Hyäne“. Spätestens in der Spätzeit bekommen Tiernamen eine religiöse Färbung: „Der Falke“, „Der Löwe“, „Die Katze“, „Das Krokodil“, „Die heilige Schlange“.
- Pflanzennamen — im Alten und Mittleren Reich häufiger als später. Einer davon ist bis heute im Umlauf: Der ägyptische Name „Lotosblüte“ ist der Ursprung von Susanne und seinen Verwandten in europäischen Sprachen.
Der Name bei der Geburt
Viele Namen gehören in die Situation der Geburt und sprechen aus, was die Eltern empfanden: Erleichterung, einen Wunsch, eine Hoffnung. Der Name „Ptah sagte, er wird leben“ verweist auf einen Orakelspruch, mit dem der Gott besorgte Eltern beruhigte — bei der hohen Kindersterblichkeit eine sehr reale Sorge.
Hier liegt allerdings eine Falle, und sie ist die wichtigste Lehre dieses Abschnitts: Der ursprüngliche Sinn eines Namensmusters und der Grund, warum jemand diesen Namen im Einzelfall trägt, sind zweierlei. Nicht jeder, der „Ptah sagte, er wird leben“ heißt, verdankt seinen Namen einem Orakel. Nicht jeder Amenemheb ist am Amunsfest geboren, auch wenn der Name das ursprünglich meint.
Oft entscheidet nämlich etwas ganz anderes: die Papponymie, die Benennung nach dem Großvater. Sie ist in der Spätzeit besonders beliebt, aber schon im Alten Reich gut bezeugt. Das Muster „A, Sohn des B, Sohn des A“ ist allgegenwärtig — und macht es mitunter schwer, die Mitglieder einer Familie auseinanderzuhalten.
Ebenso wirkt der kultische Hintergrund einer Familie: Dass es im thebanischen Raum von Namen mit Amun, Mut, Chons und Month wimmelt, ist keine Überraschung.
Ehrende Umstellung
Ein Schreibphänomen mit Folgen für die Lesung: Götter- und Königsnamen wurden häufig an den Anfang der Schreibung gesetzt, auch wenn sie beim Sprechen an anderer Stelle standen. Man nennt das ehrende Umstellung.
Die Folge ist eine Mehrdeutigkeit, die sich nicht immer auflösen lässt: Eine Schreibung „Ptah + hotep“ kann Ptḥ-ḥtp meinen oder Ḥtp-Ptḥ. Dass es beide Bildungen wirklich gab, wissen wir nur aus griechischen Wiedergaben — Amenothes für Jmn-ḥtp, aber Hetpamunis für Ḥtp-Jmn.
Gleichnamige unterscheiden
Trugen Vater und Sohn denselben Namen, half ein Zusatz: wr, später pꜣ-ꜥꜣ („der Ältere“), nḏs, später nḫn oder pꜣ-ḫm („der Jüngere“), bei mehreren auch ḥrj-jb („der Mittlere“).
Diese Zusätze wuchsen mit dem Namen zusammen. Griechische Wiedergaben wie Harpchemis für Ḥr-pꜣ-ḫm zeigen, dass die Ägypter sie mitunter selbst als Namensbestandteil behandelten.
„Ein Mann lebt, wenn sein Name genannt wird“
Am Anfang steht dabei nicht der Mensch, sondern die Welt. Die memphitische der vier großen Schöpfungslehren lässt Ptah durch Herz und Zunge erschaffen: Was ausgesprochen wird, ist damit da. Der Name ist in dieser Fassung kein Etikett auf einem vorhandenen Ding, sondern das, was es überhaupt zum Ding macht. Alles Folgende — Namenmagie, Namentilgung, die Sorge um den eigenen Namen im Grab — beruht auf dieser Voraussetzung.
Der Name sichert Fortdauer, und zwar in beiden Welten. Drei Sargtextsprüche und Totenbuchspruch 25 sorgen dafür, dass ein Mensch seinen Namen nicht vergisst. In der diesseitigen Welt sorgt dafür die Erinnerung: Im Grab des Petosiris in Tuna el-Gebel fordern Inschriften jeden Besucher auf, den guten Namen des Grabherrn zu nennen und ein Opfer zu sprechen.
Daraus folgt umgekehrt die schärfste Strafe. Die Tilgung ist dabei nur eine von mehreren Methoden, und die anderen sind aufschlussreicher:
- Der Name wird geändert. Der Turiner Gerichtspapyrus zur Haremsverschwörung unter Ramses III. nennt zwei Verurteilte Msḏ-sw-Rꜥ („Re hasst ihn“) und Bjn-m-Wꜣst („Schlecht in Theben“). Beide Formen sind offensichtlich Umkehrungen — die ursprünglichen dürften Mr-sw-Rꜥ und Nfr-m-Wꜣst gelautet haben.
- Der Name bleibt, bekommt aber ein Determinativ. In Papyri der späten Ramessidenzeit steht hinter dem Namen des Vizekönigs von Nubien das Zeichen für „Feind“.
- Der Name wird aus dem Gedächtnis verbannt. Ein Dekret der 17. Dynastie verfügt gegen einen Kultfrevler: Amtsenthebung, Streichung der Versorgung, und „sein Name soll in diesem Tempel nicht erinnert werden“.
Der Name wird geächtet, nicht der Träger
Der umgekehrte Fall ist der interessantere. Wie Tutanchaton zu Tutanchamun wurde, musste auch ein Privatmann seinen Namen ändern, wenn dieser politisch untragbar geworden war.
Mindestens drei Männer hießen Pꜣ-rn-nfr, „der schöne Name“ — vermutlich gemeint als „der des Königs mit dem schönen Namen“, also eine Anspielung auf die Amarnazeit. Der bedeutendste von ihnen, ein Hoherpriester des Amun, verlor diesen Namen unter Ramses II. Getroffen wurde nicht die Person, sondern die Anspielung.
Namen als Abwehr
Im ersten Jahrtausend v. Chr. tritt eine Gruppe von Namen auf, die den Sieg über eine ungenannte Gruppe von Feinden formulieren: „Das Auge des Horus ist gegen sie“, „Die beiden Augen werden sie packen“, „Gottheit X sei stark gegen sie“, „Möge Gottheit X sie packen“.
Wer damit gemeint ist, sagen die Namen nicht. Eine verbreitete Deutung sieht darin den Wunsch nach einem Ende der Fremdherrschaft, unter der Ägypten in dieser Zeit stand. Ebenso möglich ist, dass ganz gewöhnliche Gegner gemeint waren — Nachbarn, Prozessgegner, Feinde im Dorf.
Götternamen und Götterbeinamen
Alles bisher Gesagte betrifft Menschennamen. Bei Göttern kommt etwas hinzu, das es dort nicht gibt: Neben dem eigentlichen Namen (rn) steht ein oft langer Vorrat an Beinamen, und die tragen den größeren Teil der Aussage.
Der Unterschied ist grundsätzlich. Ein Name gehört normalerweise genau einer Gottheit. Ein Beiname dagegen kann wandern — er lässt sich auf andere Gottheiten übertragen. Was ein Gott ist, sagt sein Name; was er tut und wo er es tut, sagen die Beinamen.
Sechs Auskünfte
Beinamen lassen sich nach dem gruppieren, worüber sie Auskunft geben:
- Wesen und Funktion — Re ist „Herr der Strahlen“, Osiris „Herr des Lebens“ und „Herzensmüder“, Isis „Groß an Zauber“, Thot „der Richter“ und „der keine Bestechung annimmt“.
- Aussehen, Haltung, Attribute — Hathor „deren Augen festlich geschminkt sind“, Amun-Min „hoch an zwei Federn“, Nechbet „mit ausgestrecktem Arm“.
- Herkunft und Ortskult — dazu unten mehr.
- Verwandtschaft — „Vater des“, „Mutter des“, „Erbe des“.
- Rang und Alter — „der Einzige“, „dessen Gleichen nicht existiert“, „Kleines Kind“, „der Älteste“.
- Mythos und Schöpfung — „Auge des Re“; Verben des Beginnens kennzeichnen Schöpfergötter als uranfänglich.
Beinamen loben in aller Regel. Götter handeln nach der Maat, überwinden das Chaos, verabscheuen die Lüge. Es gibt eine Ausnahme, und sie ist bezeichnend: Seth kann wh heißen, „der Erfolglose“.
Die Präposition verrät, wem der Ort gehört
Ortsbeinamen sind zweiteilig: ein Verhältniswort plus Ortsname. Und die Wahl des Verhältniswortes ist keine Stilfrage, sondern eine Auskunft:
- nb/nbt, „Herr/Herrin von“ — das ist der Hauptgott des Ortes.
- ḫntj „Vorderster von“ und ḥrj-jb „wohnend in“ — das kennzeichnet in der Regel einen Gastkult: eine Gottheit, die dort mitverehrt wird, ohne die Herrin des Platzes zu sein.
Wer also „Chenti-Amentiu“, „Vorderster der Westlichen“, liest, liest nach dieser Systematik eine Ortsangabe mit Rangvorbehalt.
Persönliche und situative Beinamen
Dieter Kurth hat eine Unterscheidung eingeführt, die sich bewährt hat:
- Persönliche Beinamen benennen die Gottheit unabhängig vom Zusammenhang — sie stiften ihre Identität, stehen direkt hinter dem Namen und sind oft uralt. Anubis trägt als Nekropolengott durchgehend „Herr des heiligen Landes“, Seschat schon in den Pyramidentexten „Herrin der Baumeister“.
- Situative Beinamen gehören zur jeweiligen Szene. In einer Opferszene wird die Gottheit zur Besitzerin, Stifterin oder Verteilerin genau der Gabe, um die es gerade geht.
In den ptolemäisch-römischen Tempeln wachsen daraus lange Ketten. Bei einer Szene, in der Hathor ein Rauschgetränk erhält, endet die persönliche Reihe mit „Herrin aller Götter“ — danach folgen „Herrin des Brotes, die Bier braut, Herrin des Tanzes, Herrin der Trunkenheit, Herrin des Jubels …“, alles situativ.
Wenn aus einem Beinamen ein Gott wird
Der Vorrat war so groß, dass Amun, Re und Osiris seit dem Neuen Reich selbst einen Beinamen dafür tragen: ꜥšꜣ-rnw, „reich an Namen“. Für Isis erscheint das im Griechischen als Polyonymos oder Myrionymos, „die mit zehntausend Namen“.
Und Beinamen konnten sich verselbständigen. In späten Texten werden sie zu eigenen, meist örtlich verehrten Gottheiten — die Ägyptologie nennt das Antonomasie. In den thebanischen Tempeln von El-Qala und Schenhur wurden „Die große Göttin“ und „Die Herrin der Freude“ als eigene Gottheiten verehrt; gemeint sind Erscheinungsformen von Isis und Nephthys.
Das erklärt einen Teil der Zahl, die anderswo auf dieser Seite steht: Das Lexikon der Götternamen verzeichnet über 50.000 Einträge. Nicht weil es so viele Götter gab, sondern weil Beinamen zu Namen werden konnten.
Griechisch gewordene Beinamen
Zwei Fälle sind so geläufig, dass ihr ägyptischer Ursprung kaum noch auffällt:
- Trismegistos, „der Dreimalgroße“, ist die Übersetzung von ꜥꜣ-ꜥꜣ-ꜥꜣ und gehört zu Thot.
- Nepheros geht auf nfr-ḥr zurück, „der mit vollkommenem Gesicht“, ein Beiname des Ptah und des Osiris.
Warum es unterschiedliche Schreibungen gibt
Sachmet/Sekhmet, Chons/Khonsu, Thot/Thoth, Nechbet/Nekhbet: Die deutsche Ägyptologie schreibt „ch“, die englische „kh“, dazu kommen gräzisierte Formen. Es gibt keine falsche Variante, nur unterschiedliche Konventionen. In dieser Sammlung wird die deutsche Konvention verwendet, mit Umschrift und griechischer Form jeweils daneben.
Hintergrund