nṯrw

Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Ort · Unterägyptengut belegt

Tanis

Tanisheute: San el-Hagar

Hauptstadt der 21. Dynastie im Ostdelta — gebaut aus den Steinen von Piramesse und lange fälschlich mit ihm gleichgesetzt.

Ein großer roter Granitblock liegt aufrecht auf einem niedrigen Betonsockel in einer flachen, hellbraunen Wüstenlandschaft; im Hintergrund erheben sich niedrige Schutthügel unter blassblauem Himmel. Die Vorderseite des Blocks ist mit vertieften Reliefs bedeckt: links im Profil ein Kopf mit Kopftuch, rechts eine sitzende Gestalt, dazwischen Pflanzenzeichen und Gefäße. Oben stehen zwei von einem Oval umschlossene Zeichengruppen nebeneinander. Ein breiter Riss läuft senkrecht durch den Block; die linke Kante ist unregelmäßig weggebrochen.

Solche Granitblöcke wurden aus Pi-Ramesse herbeigeschafft und in Tanis wiederverwendet — der Ort ist zu großen Teilen aus fremdem Baumaterial errichtet.

Zeitraum
21. Dynastie bis Römerzeit
Region
Unterägypten
Hauptgottheiten
Amun-Re, Herr des Thrones der Beiden Länder · Mut · Chons · Amun von Ipet · Horus von Mesen
Bauten
Amunbezirk mit über 20 m dicker Ziegelumfassung · Mutbezirk im Süden · Monumentaltor Schoschenks III. im Westen · Königsgräber der 21. und 22. Dynastie im Temenos · Tempel des Amun von Ipet im Süden des Tells

Ein Irrtum, der ein halbes Jahrhundert hielt

Wer über Tanis liest, stößt fast unvermeidlich auf die Gleichsetzung von Auaris, Piramesse und Tanis — drei Namen, ein Ort. Pierre Montet, der Ausgräber von Tanis, hat sie verteidigt, und sie beherrschte die Ägyptologie über Jahrzehnte.

Sie ist aufgegeben. Deutsche und österreichische Grabungen in Qantir (Piramesse) und Tell el-Dabaa (Auaris) haben sie endgültig erledigt. Es sind drei verschiedene Städte, die einander zeitlich und örtlich ablösten: die Hyksos-Hauptstadt Auaris, dann die Neugründung Ramses’ II., dann Tanis.

Die Verlegungen hatten zwei Gründe. Der eine ist politisch, der andere geographisch: Die Nilarme und Kanäle verlagerten sich, und eine Hauptstadt im Delta brauchte einen erreichbaren Flusshafen. Wer den Hafen verlor, verlor die Stadt.

Warum der Irrtum so plausibel wirkte, steht im nächsten Abschnitt — er hat einen handfesten archäologischen Grund.

Eine Stadt aus zweiter Hand

Smendes gründete Tanis — ägyptisch Djanet — im nordöstlichen Delta am damaligen tanitischen Nilarm, vermutlich weil Piramesse im Niedergang war. Der Bauplatz war ein sandiger Tell zwischen Ebenen und Sümpfen, auf dem zuvor ein ärmlicher Friedhof lag.

Piramesse lag nah und diente als Steinbruch. Granitblöcke wanderten nach Tanis und in die Fundamente der neuen Tempel; bewegliche Ramessidenstücke — Säulen, Stelen, Statuen, Sphingen — wurden an Ort und Stelle wiederverwendet und in aller Regel usurpiert, also mit neuen Namen versehen.

Daher der Eindruck einer Ramsesstadt: Wer in Tanis gräbt, findet Ramses überall. Nur stand er nie dort.

Der Vorgang wiederholt sich in mehreren Schichten. Säulen des Alten Reiches, die schon Ramses II. wiederverwendet hatte, kamen nach Tanis, wo Osorkon II. seinen Namen darauf setzte; später wurden sie erneut verbaut, vielleicht in der 30. Dynastie. Und Bausteine Schoschenks V. stecken im heiligen See derselben Dynastie.

Das nördliche Theben

Von Anfang an war Tanis als Gegenstück zu Theben gedacht: Neben Amun wurden Mut und Chons verehrt. Psusennes I. legte den Amunbezirk an, umgeben von einer Ziegelmauer von über zwanzig Metern Dicke, deren Stempel seine Kartusche tragen, und baute darin einen Tempel des Amun-Re, „Herr des Thrones der Beiden Länder“.

Der Mutbezirk im Süden ist durch Gründungsbeigaben mit dem Namen Siamuns sicher in die Dritte Zwischenzeit datiert. Im Süden des Tells stand ein Tempel des Amun von Ipet, dem Luxortempel nachgebildet. Osorkon II. vergrößerte den Haupttempel erheblich; Schoschenk III. fügte im Westen ein Monumentaltor hinzu, das bis zum Ende in Gebrauch blieb.

Vom Aufgehenden ist fast nichts übrig. Alles aus Kalkstein verschwand zwischen dem Ende der Antike und der Neuzeit; es stehen nur noch die Fundamente. Vom zweiten und dritten Pylon zeugen allein die Obeliskenpaare.

Gräber im Tempel

Die auffälligste Neuerung von Tanis ist, dass Königsgräber innerhalb der Temenosmauer liegen. Montet fand sie 1939/40; die Grabbauten sind klein und haben ihre Überbauten verloren.

Bestattet sind Könige der 21. Dynastie — darunter Psusennes I., Amenemope und Siamun — und der 22., darunter Osorkon II., Takelot I. und II. sowie Schoschenk III. Das Grab Psusennes’ I. war ungeplündert und lieferte einen reichen Schatz.

Es sind Sammelgräber mit mehreren Bestattungen, die nach Umbauten offenbar als königliche Cachetten dienten. Wie sehr hier umgeschichtet wurde, zeigen die Wände des Grabes Schoschenks III.: Sie bestehen aus Blöcken abgebrochener Gräber von Würdenträgern der 21. Dynastie.

Der Grund für die Lage im Tempel ist landschaftlich. Im Niltal hieb man Gräber in den Gebel, den Wüstenrand. Den gibt es im Delta nicht, und die Wüste liegt zu weit ab. Der ummauerte Tempelbezirk war der nächstbeste geschützte Ort. Dieselbe Lösung findet sich in Sais und in Mendes.

Auch die Dekoration unterscheidet sich von den Königsgräbern des Neuen Reiches: Statt der geschlossenen Unterweltsbücher stehen dort Kapitel des Totenbuchs und Hymnen an die Amun-Trias (Psusennes) beziehungsweise Auszüge aus dem Amduat und den Büchern vom Tag und von der Nacht (Osorkon II.).