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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Ort · Oberägyptendünn belegt

Esna-Nord

Pr-ẖnmw-n-sḫtheute: Ed-Deir

Ein ptolemäisch-römischer Tempel, der zwischen 1718 und 1829 vollständig verschwand — bekannt nur noch aus Reiseberichten.

Zeitraum
Ptolemäerzeit bis Antoninenzeit; abgetragen bis 1829
Region
Oberägypten
Hauptgottheiten
Chnum-Re, Herr des Feldes · Menhit · Nebtu · Neith
Bauten
Säulensaal mit vier Säulen und vier Halbsäulen · sechs undekorierte Räume dahinter · astronomische Decke mit Tierkreis

Ein Ort ohne Gegenstand

Von diesem Tempel ist nichts übrig. Kein Stein, keine Grundmauer, keine Grabung. Alles, was über ihn bekannt ist, stammt aus Reiseberichten des 18. und 19. Jahrhunderts — und aus einer Zeichnung, die im Nachlass des Universalgelehrten Athanasius Kircher (1602–1680) gefunden wurde und damit älter ist als jeder schriftliche Bericht.

Er lag am Westufer des Nils, nördlich des großen Tempels von Esna. Wie weit, ist schon eine offene Frage: Arnold gibt 3,7 Kilometer an, Sauneron rund fünf Kilometer nordwestlich. Der Platz heißt heute Ed-Deir, „das Kloster“ — ein Name, den in Ägypten viele antike Tempel tragen.

Wie er hieß und wem er gehörte

Der ägyptische Name lautet Pr-ẖnmw-n-sḫt, verkürzt Pr-ẖnmw. Er ist in den Inschriften des Tempels von Esna als das nördliche Heiligtum der Region genannt.

Hauptgott war Chnum-Re, Herr des Feldes (ẖnmw-Rꜥ nb sḫt), eine örtliche widderköpfige Gestalt, die mit Schu gleichgesetzt wurde.

Eine Zuordnung, die zurückgenommen wurde: Serge Sauneron hatte den Tempel von Ed-Deir zunächst mit Pr-nṯr identifiziert und diese Bestimmung später selbst verworfen. Beide Heiligtümer zusammen bildeten das Abaton von Esna — den Ort, an dem die verstorbenen Götter bestattet und verehrt wurden.

Was dort stand

Der Bau war nach Osten ausgerichtet, zum Nil hin. Er bestand aus einem Säulensaal mit vier Säulen und vier Halbsäulen, dahinter sechs Räumen. Der Säulensaal war vollständig mit Hieroglyphen und Opferszenen bedeckt; die hinteren Räume waren undekoriert bis auf die geflügelte Sonnenscheibe über den Türen.

Die Opferszenen zeigen dieselben Gottheiten wie der große Tempel von Esna: Chnum-Re, Nebtu, Neith, Heka, Seschat und Thot. Aus Kartuschen bekannt sind Ptolemaios III., V. und VI. sowie Hadrian, Antoninus Pius und Lucius Verus — der Betrieb lief also über rund vier Jahrhunderte.

Die Decke

Was allen Besuchern auffiel, war die farbige Decke des Säulensaals. Sie trug einen Tierkreis, verschiedene Barken — eine davon von drei Schakalen gezogen — und in der Mitte eine Prozession von dreißig Gottheiten, fünfzehn auf jeder Seite, die einen Nilbarsch (ꜥḥꜣ) verehren.

Ob der Fisch in einem Becken schwamm oder von einer Sonnenscheibe umgeben war, geben die Berichte verschieden an. Sicard beschreibt ein Becken, sein Begleiter Pincia eine Sonnenscheibe; die zweite Lesart gilt als wahrscheinlicher. Der Fisch ist kein beliebiges Motiv: Der Latesfisch war in Esna heilig.

Fast alle Besucher erwähnen die erstaunlich gut erhaltenen Farben.

Die Außenwand

Dort war Ptolemaios III. dargestellt, wie er vor Chnum und Menhit Feinde erschlägt. Auf die gefesselten Körper waren die Namen der Feinde geschrieben — darunter Armenien, Persien, Thrakien und Makedonien.

Das ist bemerkenswert und zugleich zu relativieren. Die Szene entspricht Punkt für Punkt einer Darstellung im großen Tempel von Esna. Sie ist also nicht ein Bericht über Feldzüge, sondern eine übernommene Bildformel — die Feindnamen benennen die bekannte Welt, nicht eine Eroberung.

Wie er verschwand

Die Abfolge lässt sich fast jahrgenau nachzeichnen, und sie ist der eigentliche Inhalt dieses Eintrags.

Jahr Zustand
1718, 1720 Claude Sicard sieht ihn nahezu vollständig
1799 Napoleons Expedition: zwei Säulen der Vorderreihe und die Frontwand sind eingestürzt — das Fundament trug nicht
um 1800 Ein gewisser Hassan Bey reißt auf Schatzsuche das Sanktuar und die hinteren Räume ab
10. Mai 1826 Edward William Lane trifft zwanzig Arbeiter an, die den Tempel abtragen; die Steine gehen in eine Kanalbrücke
6. März 1829 Champollion findet noch eine Säule und ein Stück Wand
danach auch das verschwindet

Drei verschiedene Ursachen in hundert Jahren: ein Baufehler, eine Schatzsuche und eine Baustelle. Keine davon war Absicht gegen den Tempel; er war schlicht Material.

Warum der Eintrag trotzdem steht

Ein Ort, von dem nichts erhalten ist, wirkt wie eine Fußnote. Er ist aber der klarste Fall für eine Quellenlage, die sonst schwer zu erklären ist.

Alles, was hier steht, hängt an Reisenden: an einem Jesuiten von 1718, an den Zeichnern der Description de l'Égypte, an einem englischen Arabisten, der zufällig am richtigen Tag vorbeikam, und an Champollion, der zu spät kam. Die Ägyptologie besitzt für diesen Tempel keine Objekte, nur Beobachter — und die Beobachter widersprechen sich schon bei der Entfernung zum Nachbartempel.

Wer wissen will, warum ägyptologische Aussagen so oft mit „nach Bericht von“ beginnen, findet hier den Grund im Reinzustand.