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Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

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Schiffbau: Wie die Ägypter Boote bauten und zur See fuhren

Boote aus zusammengebundenen Planken, ein zerlegtes Königsschiff neben der Cheops-Pyramide und Seeschiffe, die in Einzelteilen durch die Wüste getragen wurden — wie Ägypten auf dem Nil und dem Roten Meer unterwegs war, bis nach Punt.

Älteste Plankenboote
14 Boote in Abydos, 1. Dynastie, jedes über 17 m lang
Cheops-Schiff
rund 43 m, 1224 Einzelteile aus Zedernholz, 1954 gefunden
Bauweise
Schale zuerst: Planken mit Zapfen verbunden und mit Seilen verschnürt, kein Kiel
Seehafen
Mersa Gawasis am Roten Meer, 12. Dynastie, Ausgangspunkt der Punt-Fahrten
Nachbau
Min of the Desert, 2008 — segelte doppelt so schnell wie erwartet
Zeitraum
Planken-Boote um 3000 v. Chr.; Seefahrt ins Rote Meer mindestens seit dem Alten Reich; Punt-Fahrten im Mittleren und Neuen Reich
Themenfelder
Schiffbau · Seefahrt · Handel

Ägypten ist ein Land an einem Fluss. Wer von einem Ende zum anderen wollte, nahm das Boot — Menschen, Getreide, Steinblöcke, Götterbilder, alles reiste auf dem Nil. Schiffe gehören deshalb zu den ältesten und wichtigsten Techniken Ägyptens. Dieser Artikel erklärt, wie sie gebaut wurden, wie man mit ihnen fuhr und wie weit die Ägypter damit kamen.

Wie es funktionierte

Die Schale zuerst

Moderne Holzschiffe baut man vom Gerippe her: Zuerst stehen Kiel und Spanten, dann wird die Beplankung darübergelegt. Die Ägypter bauten umgekehrt. Sie setzten zuerst die Planken zu einer Schale zusammen und fügten erst danach Verstärkungen ein. Die Planken wurden an den Kanten mit Zapfen verbunden, die in Aussparungen beider Bretter griffen, und zusätzlich mit Seilen verschnürt. Einen Kiel im eigentlichen Sinn hatten die Nilschiffe nicht; ihr Boden war flach.

Das Verschnüren hat einen praktischen Vorteil: Ein solches Schiff lässt sich zerlegen und wieder zusammensetzen. Diese Eigenschaft wurde, wie sich zeigen wird, genutzt.

Holz war in Ägypten knapp. Einheimische Bäume wie die Akazie liefern nur kurze, krumme Stücke. Für große Schiffe brauchte man lange, gerade Bretter, und die kamen aus dem Libanon: Zedernholz, über das Mittelmeer eingeführt. Der Palermostein verzeichnet schon für Snofru, den Vater des Cheops, 40 Schiffe voller Nadelholz.

Mit dem Wind hinauf, mit der Strömung hinab

Auf dem Nil ist das Reisen bequem geregelt. Der Fluss fließt nach Norden, und der Wind weht meist aus Norden. Flussabwärts treibt die Strömung, flussaufwärts trägt das Segel. Das ist so grundlegend, dass es in der Schrift steht: Das Wort für „nach Süden fahren“ schreibt man mit einem Boot unter geblähtem Segel, das Wort für „nach Norden fahren“ mit einem Boot ohne Segel.

Ein Schiff für den König

Das bekannteste ägyptische Schiff lag über viereinhalb Jahrtausende in einer Grube. 1954 fand der Archäologe Kamal el-Mallakh an der Südseite der Cheops-Pyramide eine verschlossene Felsgrube. Darin lag ein Schiff, sorgfältig zerlegt: 1224 Einzelteile, überwiegend aus Zedernholz, mit Seilen aus Pflanzenfasern.

Der Restaurator Ahmed Youssef Moustafa brauchte Jahre, um es wieder zusammenzusetzen, und lernte dafür die alte Bauweise selbst. Fertig war es 1968: ein Schiff von rund 43 Metern Länge. 2021 wurde es ins neue Große Ägyptische Museum gebracht.

Wozu es diente, ist umstritten — ob es als Totenschiff für den König gedacht war, ob es bei seiner Bestattung benutzt wurde oder ob es für eine Fahrt im Jenseits bestimmt war. Der Ägyptologe Steve Vinson hält das für keinen echten Gegensatz: Ein Schiff konnte je nach Zusammenhang mehrere dieser Aufgaben zugleich haben. Sicher ist: Es ist ein vollständiges Schiff in Originalgröße, und es hätte auf dem Nil fahren können.

Es war nicht das einzige. In einer zweiten Grube lag ein weiteres, weit schlechter erhaltenes Schiff des Cheops; ein japanisches Team der Waseda-Universität unter Sakuji Yoshimura birgt und restauriert es seit 2011.

Noch älter: die Boote von Abydos

Rund ein halbes Jahrtausend älter sind die Boote, die ab 1991 in Abydos gefunden wurden: mindestens 14 Boote, jedes über 17 Meter lang, in eigenen Gräbern bestattet, aus der 1. Dynastie. Auch sie sind aus Planken gebaut, die mit Seilen verschnürt sind. Sie sind die ältesten bekannten Plankenboote der Welt.

Aufs Meer: die Fahrten nach Punt

Ägyptische Schiffe fuhren nicht nur auf dem Nil. Das Ziel der berühmtesten Seereisen war Punt, ein Land irgendwo an der Südküste des Roten Meeres, aus dem man Weihrauch, Myrrhe, Gold, Ebenholz und exotische Tiere holte. Die Königin Hatschepsut ließ eine solche Fahrt mit fünf Schiffen in ihrem Tempel in Deir el-Bahari abbilden.

Das Problem dabei: Zwischen dem Nil und dem Roten Meer liegt die Wüste. Die Ausgrabungen im Hafen Mersa Gawasis am Roten Meer haben gezeigt, wie man es löste. Dort fand ein Team um Kathryn Bard und Rodolfo Fattovich über 90 Schiffsbalken aus Zedernholz, 17 Steinanker, Seile, Kisten und Inschriften über Fahrten nach Punt aus der 12. Dynastie. Die Schiffe wurden am Nil gebaut, zerlegt, in Einzelteilen durch die Wüste getragen und am Meer wieder zusammengesetzt. Die verschnürte Bauweise machte das möglich.

Ein noch älterer Hafen am Roten Meer ist Wadi el-Jarf aus der Zeit des Cheops — derselbe Ort, an dem das Tagebuch des Merer gefunden wurde.

Woher wir das wissen

Aus erhaltenen Schiffen: dem Cheops-Schiff, den Booten von Abydos, weiteren Booten aus dem Mittleren Reich bei den Pyramiden von Dahschur und Hölzern aus Lischt. Ägypten ist eines der wenigen Länder, in denen so alte Schiffe im Trockenen erhalten geblieben sind.

Aus Häfen und Wracks: Mersa Gawasis und Wadi el-Jarf liefern Anker, Balken, Seile und Werkstattreste — Spuren der Seefahrt selbst, nicht nur ihrer Darstellung.

Aus Bildern und Modellen: Grabreliefs zeigen Schiffsbau und Schiffe unter Segel, Grabbeigaben enthalten Bootsmodelle mit Mannschaften, und die Punt-Reliefs der Hatschepsut zeigen Seeschiffe beim Beladen.

Aus Experimenten: 2008 ließ die Archäologin Cheryl Ward in Rosette ein Seeschiff nach dem Vorbild der Hatschepsut-Schiffe und der Funde aus Mersa Gawasis bauen, rund 20 Meter lang, mit Planken, die durch Zapfen verbunden sind. Es bekam den Namen Min of the Desert und segelte danach 18 Tage über das Rote Meer. Bei gutem Wind war es etwa doppelt so schnell, wie Ward erwartet hatte.

Und wo Punt lag, hat eine ungewöhnliche Quelle eingegrenzt: Pavian-Mumien. Paviane waren heilige Tiere und wurden aus Punt eingeführt. 2020 bestimmte ein Team um Nathaniel Dominy die Isotope von Strontium und Sauerstoff in Haar, Knochen und Zahnschmelz mumifizierter Paviane — sie verraten, wo ein Tier aufgewachsen ist — und verglich sie mit 155 Pavianen von 77 Orten. Zwei Tiere aus dem Neuen Reich stammten aus einer Region, die heute zu Eritrea, Äthiopien, Dschibuti und Teilen Somalias und Jemens gehört — also vom Horn von Afrika. Fünf Paviane aus ptolemäischer Zeit dagegen hatten lange in Ägypten gelebt, vermutlich stammten sie aus einer Zucht. Die Stichprobe ist klein, aber sie stützt, was die meisten Forscher ohnehin vermuteten.

Im Vergleich zu heute

Der größte Unterschied ist die Reihenfolge des Bauens. Spätestens seit dem Mittelalter baut man Holzschiffe gerippeweise: Das Gerüst aus Kiel und Spanten bestimmt die Form, die Planken werden daraufgesetzt. Die ägyptische Bauweise mit der Schale zuerst verlangte, die Form beim Zusammensetzen der Planken im Kopf zu haben. Sie war nicht primitiver, sondern anders — und sie hatte Vorteile, die wir kaum noch kennen: Ein verschnürtes Schiff ließ sich zerlegen, transportieren und wieder aufbauen.

Die Schwäche lag in der Länge. Ein langer Rumpf ohne Kiel neigt dazu, an den Enden durchzuhängen. Schon die Seeschiffe im Pyramidentempel des Sahure (5. Dynastie) tragen deshalb ein dickes Tau vom Bug zum Heck, das sich nachspannen ließ und die Enden oben hielt — ein Zeichen, dass diese Schiffe für die Belastungen auf See gebaut waren. Moderne Schiffe lösen dasselbe Problem mit einem steifen Kiel und Stahl.

Beim Segeln waren die Ägypter besser, als man lange dachte. Das zeigt der Nachbau: Ein Seeschiff aus der Zeit der Hatschepsut war schnell und seetüchtig. Die Vorstellung, die Ägypter seien ein reines Flussvolk gewesen, das sich nur ungern aufs Meer wagte, hält dem nicht stand.

Was man oft liest — und was stimmt

„Die Ägypter waren keine Seefahrer.“ Die Funde aus Mersa Gawasis und Wadi el-Jarf widerlegen das. Allerdings: Die Frage hängt zum Teil an einem Wort. Das ägyptische wꜣḏ-wr, „das große Grüne“, wird seit über hundert Jahren mit „Meer“ übersetzt. Der Ägyptologe Claude Vandersleyen hält das für falsch und liest es als das Grün von Niltal und Delta — dazu mehr beim Eintrag über Wadj-wer. Für die Seefahrt selbst ändert das weniger, als es scheint: Die Anker und Schiffsbalken am Roten Meer sind ein archäologischer Befund, der von der Übersetzung eines Wortes nicht abhängt.

„Das Cheops-Schiff ist eine Sonnenbarke.“ Das ist eine von mehreren Deutungen, nicht die gesicherte. Der Name „Sonnenbarke“ hat sich für das Schiff eingebürgert, aber ob es für eine Sonnenfahrt im Jenseits, für die Bestattung oder für den Gebrauch zu Lebzeiten gedacht war, ist offen.

„Punt lag in Somalia.“ Oder in Eritrea, im Sudan, im Jemen — alle diese Orte sind vorgeschlagen worden. Die Pavian-Studie grenzt das auf das Horn von Afrika ein, legt aber keinen einzelnen Ort fest.

„Die Schiffe wurden genagelt.“ Im Wesentlichen nicht. Die Planken hielten durch Zapfen und Verschnürung; genau das machte sie zerlegbar.

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