nṯrw

Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Nil, Ernte & FruchtbarkeitHaus, Geburt & Alltaggut belegt

Renenutet

griechisch Thermuthis · ägyptisch Rnnwtt

Kobragöttin der Ernte und der Vorratshaltung; zugleich Amme, die dem Kind Namen und Schicksal gibt.

RnnwttUmschrift
Zuständig für
Ernte, Speicher, Stillen, Schicksal
Bezeugt
Altes Reich bis Römerzeit
Kultorte
Terenuthis (Kom Abu Billo) im Delta, Medinet Madi im Fayum, Feldkapellen an Tennen
Familie
Sohn: Nepri (Korn)
Gefährte: Sobek (Fayum) oder Geb
Nähe: Schai (Schicksal)

Erscheinung

Aufgerichtete Kobra, oft mit Sonnenscheibe; als Frau mit Schlangenkopf, gelegentlich ein Kind säugend.

Warum eine Schlange

Kobras leben in Kornspeichern, weil dort Mäuse sind. Aus dieser Alltagsbeobachtung wird eine Göttin: Die Schlange im Speicher schützt den Vorrat. Bei der Ernte errichtete man kleine Altäre an der Tenne und bekränzte sie. Sie ist damit eine der wenigen Gottheiten mit unmittelbar bäuerlichem Ursprung.

„Renenutet dieses Tempels hier“

Die Speicherlogik reicht bis in die großen Tempel hinein. Opferformeln auf Stelen und Statuen nennen neben dem Hausherrn regelmäßig „Renenutet dieses Tempels hier“ — eine Stele aus Edfu aus der 13. Dynastie tut es, eine aus Karnak aus der 18. ebenso. Gemeint ist keine besondere Ortsform der Göttin, sondern die Renenutet der Magazine und Kornspeicher dieses Hauses: Jeder Tempel wirtschaftete, und was eingelagert war, stand unter ihrem Schutz.

Sie bekam darüber eigene Nebenkulte. In Karnak nennt sie eine Statue der 18. Dynastie „Renenutet, die Vollkommene, die inmitten des Amuntempels ist“, eine zweite „Renenutet, die Edle des Kornspeichers“ — dort steht sie in der Opferformel neben Amun selbst.

Name und Schicksal

Der Name hängt mit rnn „aufziehen, säugen“ und rn „Name“ zusammen. Renenutet ist bei der Geburt anwesend und bestimmt mit dem Namen zugleich das Los. In Totengerichtsdarstellungen erscheint sie deshalb neben Schai und Meschenet: Man wird nach dem beurteilt, was aus dem Zugeteilten geworden ist.

Das Säugen ist dabei mehr als eine Wortableitung. Zwei Statuen im Kairener Museum zeigen sie mit Uräuskopf, einen sitzenden Horus auf den Knien, dem sie die Brust gibt; ein Relief im thebanischen Grab des Chaemhet aus der 18. Dynastie zeigt dieselbe Szene mit einem Kind. Die Schlangengöttin in der Rolle der Isis — das ist der Punkt, an dem aus der Speicherkobra eine Muttergottheit wird.

Medinet Madi

Der Tempel von Medinet Madi (Mittleres Reich, ptolemäisch ausgebaut) ist eines der wenigen fast vollständig erhaltenen Heiligtümer des Mittleren Reichs und Renenutet zusammen mit Sobek geweiht. In der Kaiserzeit heißt sie Thermuthis; ihr Name steckt möglicherweise in der bei Josephus überlieferten Pharaonentochter-Namensform der Mosegeschichte — ein Hinweis auf ihre Popularität, mehr nicht.

Nil, Ernte & FruchtbarkeitHaus, Geburt & Alltag