Haus, Geburt & AlltagDämonen & Mischwesengut belegt
Bes
griechisch Besas · ägyptisch Bs
Zwergengestaltiger Schutzdämon des Hauses — er vertreibt Schlangen und böse Geister mit Lärm, Tanz und Grimassen.

- Zuständig für
- Schutz von Mutter und Kind, Schlaf, Musik, Abwehr von Gefahr
- Bezeugt
- Bildtyp ab dem Mittleren Reich (als Aha), Name Bes ab der 18. Dynastie, bis in die Spätantike
- Kultorte
- Hausaltäre im ganzen Land, Deir el-Medina und Amarna, „Bes-Kammern“ in Sakkara (ptolemäisch oder kurz davor), Geburtshäuser (Mammisi), besonders Dendera, Bawiti in der Oase Bahariya (römisch)
- Familie
- Gefährtin: Beset
Umfeld: Taweret, Heket, Meschenet
Erscheinung
Untersetzter Zwerg mit Löwenmähne, runden Ohren, breitem Gesicht, herausgestreckter Zunge, Federkrone auf einem Modius; häufig Leopardenfell über der Brust, Katzenschwanz. Frontal dargestellt — darin gleicht er nur Hathor, sonst bevorzugt die ägyptische Kunst das Profil. Trägt Messer oder Kurzschwert, Musikinstrumente oder Schlangen.
Kein Gott im Tempel
Bes hatte lange keinen Staatskult und keinen großen Tempel — er ist der Gott der Wohnzimmer, Schlafräume und Geburtsstuben. Genau deshalb ist er einer der besten Zeugen für gelebte Frömmigkeit: Man findet ihn auf Betten, Kopfstützen, Spiegelgriffen, Salbgefäßen, Amuletten und Wandmalereien in Wohnhäusern.
Am dichtesten belegt sind die Hausaltäre von Deir el-Medina und Amarna, meist gestufte Podeste. In Deir el-Medina haben sich daran gemalte und modellierte Darstellungen erhalten; vom Altar des Hauses SE.IX stammen Bruchstücke eines modellierten Bes-Bildes. Aus der Arbeitersiedlung von Amarna ist eine Wandmalerei bekannt, die eine Gruppe tanzender Bes-Gestalten vor einer Taweret zeigt.
„Volksfrömmigkeit“ ist dabei keine Aussage über die Schicht. Der Begriff legt nahe, hier werde die Religion der einfachen Leute beschrieben — die Befunde sagen etwas anderes. Bes-Bilder und Taweret-Figuren erscheinen im Neuen Reich auch im Palastdekor, was auf die Teilnahme des Königshauses deutet, und in Amarna verteilt sich das einschlägige Material über Häuser aller Größen. Peripher ist an diesen Gottheiten der Ort, nicht das Publikum.
Einen eigenen Tempel bekam Bes womöglich erst in der römischen Kaiserzeit, in Bawiti in der Oase Bahariya — weit von den politischen und religiösen Zentren, und auch dort ist die Zuschreibung nicht sicher. Ptolemäisch oder kurz davor entstanden die „Bes-Kammern“ in Sakkara und seine Auftritte in den Geburtshäusern der großen Tempel, besonders in Dendera. Der Weg führt von der Hausnische in den Tempel, nicht umgekehrt.
Die Frontalität
Dass er den Betrachter direkt anblickt, ist Absicht: Sein Gesicht ist die Waffe. Böse Mächte sollen sich an dem grotesken Anblick stoßen. Dieselbe Logik kennt man aus dem Mittelmeerraum vom Gorgoneion — und das Leopardenfell mit Kopf und Vorderpranken auf seiner Brust erinnert seinerseits an ein Gorgoneion.
Einzigartig ist die Frontalität allerdings nicht, wie oft zu lesen ist: Auch Hathor wird regelmäßig von vorn gezeigt, wie das Hieroglyphenzeichen für „Gesicht“. Die beiden sind die Ausnahmen von der Profilregel, und sie stehen nicht zufällig zusammen — in Dendera gilt Bes als Begleiter der Hathor, und ihre Köpfe schmücken dieselben Säulenkapitelle, Rasseln und Spiegel.
Gott oder Dämon?
Dieser Eintrag steht unter der Kategorie Dämon. Das ist bewusst keine feste Aussage, denn die Forschung ist bei Bes uneins.
Lucarelli führt ihn unter den Göttern, deren groteske Mischgestalt apotropäisch wirkt — neben Ipet, Taweret und Tutu. Van Oppen de Ruiter widerspricht: Vor der griechisch-römischen Zeit gebe es kaum einen Hinweis darauf, dass Bes als nṯr („Gott“) galt oder als solcher verehrt wurde. Wo statt seines Namens ein Gattungswort steht, heißt es nmw — „Zwerg“. Er nennt Bes einen Wächterdämon des Lebens, der aus der Welt der Dämonen kommt und erst in der Kaiserzeit vereinzelt göttliche Verehrung erhält.
In einem sind beide Seiten einig: Die Grenze zwischen „Gott“ und „Dämon“ ist keine ägyptische Unterscheidung, sondern unsere (siehe dazu den Eintrag zu Ammit). Der Streit betrifft weniger Bes als unsere Begriffe.
Ein Sonderfall, der oft falsch gelesen wird: Die geflügelte, vielarmige Mischgestalt mit Bes-Kopf, in der Literatur „Bes Pantheos“ genannt, ist nach heutiger Deutung keine Steigerung des Bes zum Allgott, sondern eine Erscheinungsform des Amun. Auf der Rückseite der Metternichstele steht ein solches Bild — mit vier Armen, vier Flügeln und den Vorderteilen von sieben Tieren über dem Kopf.
„Bes“ ist ein Sammelname
Fachlich spricht man von „Bes-Bildern“ oder setzt den Namen in Anführungszeichen. Der Grund ist nüchtern: Ähnlich aussehende Zwerggestalten tragen, wo überhaupt eine Beischrift erhalten ist, verschiedene Namen — und die meisten Objekte verraten ihre ursprüngliche Identität nicht. „Bes“ ist daher eher ein Sammelbegriff für die mythischen Zwerge Ägyptens als der Name eines bestimmten Wesens.
Der älteste belegte Name dieser Gruppe ist nicht Bes, sondern Aha (ꜥḥꜣ, „der Kämpfer“). Er steht auf den bumerangförmigen Zaubermessern aus Nilpferd-Elfenbein, die frühesten aus der Zeit der Sesostriden der 12. Dynastie, um 1900 v. Chr. Aha teilt mit Bes die Frontalität, die Mähne, die runden Ohren, die krummen Beine und den Schwanz; er gilt als Wächter der Nacht, Schützer von Frauen und Kindern und Herr von Tanz und Musik. Beim Sedfest übernahmen maskierte Priester seine Rolle.
Der Name Bes erscheint erst in der 18. Dynastie, und mit ihm das bekannte Bild mit maskenhafter Grimasse und hoher Federkrone. Weite Verbreitung findet er erst ab der Spätzeit, um 700 v. Chr. In Dendera treten später Bes und Hit (Ḥꜣtj) nebeneinander auf, beide als Tänzer, beide im Plural geschrieben und im Bild nicht zu unterscheiden. Auch die weibliche Gestalt Beset ist nur ohne Beischrift überliefert — den Namen haben ihr die Ägyptologen gegeben.
Was der Name bedeutet, ist offen. Vorgeschlagen wurden „Flamme“ und, über eine Lautumstellung aus jbꜣw („Tanz“), „der Tänzer“ — was gut zu Aha, „dem Kämpfer“, und zu Hit passen würde. Bemerkenswert ist das Deutzeichen: Es ist das Zeichen für „Fell“, das normalerweise Säugetiere bestimmt. Das könnte heißen, dass Bes als Tier aufgefasst wurde.
Der Fremde im Haus
Die Frage nach einer ausländischen Herkunft ist falsch gestellt. Ältere Forschung suchte einen Ursprung außerhalb Ägyptens — Brugsch, Erman und Maspero in Arabien oder Vorderasien, Sethe, Wolff und Delpech-Laborie im äquatorialen Afrika. Ballod, Altenmüller und Romano hielten ihn umgekehrt für eine ägyptische Schöpfung, womöglich vorgeschichtlich; ihre Belege sind Bilder ohne Beischrift, etwa ein Kalksteinrelief aus Giza und eine löwengestaltige Figur aus dem Totentempel des Sahure in Abusir. Entschieden ist die Frage nicht.
Entscheidend ist ohnehin etwas anderes: Dass Bes von weit her kommt, behaupten die ägyptischen Quellen selbst. Einer seiner Titel lautet „der aus dem Gotteslande (Tꜣ-nṯr) kommt“, und am römischen Geburtshaus von Dendera heißt er unter Hadrian „Herr von Punt“ — ein spät bezeugter Beleg, was dazuzusagen ist. Seine Fremdheit ist also kein moderner Verdacht, sondern Bestandteil der ägyptischen Vorstellung von ihm. Sie passt zu seinem Umfeld: Löwen, Paviane und Zwerge kamen aus dem Süden, und von dort kehrt im Mythos vom Sonnenauge auch die entrückte Göttin zurück, begleitet von Tanz und Musik.
Damit steht Bes an einer merkwürdigen Stelle — der vertrauteste Hausgenosse, der zugleich Fremder bleibt. Das ist die brauchbare Auskunft der Herkunftsdebatte, nicht ein Herkunftsland.
Spätantikes Nachleben
In römischer Zeit gab es in Abydos ein Bes-Orakel, das so beliebt war, dass Kaiser Constantius II. 359 n. Chr. dagegen einschritt. Bes-Darstellungen finden sich noch auf spätantiken Zaubergemmen und in koptischem Kontext.
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