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Mumifizierung: Wie sie funktionierte
Austrocknen, salben, wickeln: was die Balsamierer mit dem Körper taten, woher man das heute weiß — und warum moderne Einbalsamierung etwas ganz anderes will.
- Grundprinzip
- dem Körper das Wasser entziehen — mit Natron, danach Öle, Harze und Leinen
- Älteste Balsamspuren
- Leinenbinden aus Mostagedda, etwa 4600–4300 v. Chr.
- Rezepte im Labor
- 31 beschriftete Gefäße aus einer Werkstatt in Sakkara, 26. Dynastie
- Nachgebaut
- 1994 in Baltimore; 35 Tage in rund 273 kg Natron
- Heutige Einbalsamierung
- hält auf Zeit, nicht auf Dauer — ein anderes Ziel
- Zeitraum
- Vorläufer im 5. Jahrtausend v. Chr.; geregeltes Verfahren ab dem Alten Reich; bis in die Römerzeit
- Themenfelder
- Mumifizierung · Chemie · Totenkult
Dieser Artikel handelt vom Handwerk: was mit dem Körper geschah, warum es funktionierte und wie man das heute nachprüft. Den Ritus — Prozessionen, Balsamierungsritual, Mundöffnung, die Frage, wozu das alles gut sein sollte — beschreibt der Artikel über die Bestattungsrituale. Beides gehört zusammen; die Ägypter selbst haben es nicht getrennt.
Wie es funktionierte
Das Prinzip: Wasser entziehen
Ein Leichnam zerfällt, weil Bakterien und körpereigene Enzyme ihn zersetzen. Beide brauchen Wasser. Wer es dem Gewebe schnell genug entzieht, hält den Zerfall an — dasselbe Prinzip wie beim Pökeln oder Trocknen von Fleisch.
Das Mittel dafür war Natron, ein Salzgemisch, das in Ägypten natürlich vorkommt, vor allem im Wadi Natrun westlich des Deltas. Es besteht hauptsächlich aus Natriumcarbonat und Natriumhydrogencarbonat, mit Kochsalz und Natriumsulfat als Beimengung. Es wirkt auf zwei Wegen: Es zieht das Wasser aus dem Gewebe, und es schafft ein alkalisches Milieu, in dem Fäulnisbakterien schlecht gedeihen. Nebenbei löst es Fett. Wie gut das funktioniert, zeigt das Experiment weiter unten.
Die Schritte
Das klassische Verfahren, wie es für das Neue Reich am besten belegt ist, lief in dieser Reihenfolge — die siebzig Tage, die es insgesamt dauerte, und ihre religiöse Bedeutung stehen bei den Bestattungsritualen:
- Das Gehirn. Die Balsamierer durchstießen das Siebbein, die dünne Knochenplatte zwischen Nasenhöhle und Schädel, und entfernten das Gehirn durch die Nase; in der 18. Dynastie war das üblich. Die Schädelhöhle wurde danach mit flüssigem Harz ausgegossen.
- Die Eingeweide. Durch einen Schnitt in der linken Flanke wurden Magen, Darm, Leber und Lunge entnommen. Sie sind der Teil des Körpers, der am schnellsten fault. Die Organe wurden getrennt behandelt und aufbewahrt. Bis in die frühe 18. Dynastie verlief der Schnitt senkrecht, danach zeigen die meisten Königsmumien einen schrägen. Das Herz blieb in der Regel im Körper — in der Computertomographie königlicher Mumien des Neuen Reiches ist es an seinem Platz in der Brust zu sehen, bei Amenophis I. mit einem Amulett darüber.
- Die Trocknung. Die Körperhöhle wurde mit Natronpäckchen gefüllt, der Körper außen mit Natron bedeckt. Das ist der Schritt, auf den es ankommt: Nach wenigen Wochen ist der Körper ausgetrocknet und haltbar.
- Salben und Harzen. Der ausgetrocknete Körper ist steif und brüchig. Öle machten ihn wieder geschmeidig, Harze, Wachs und Teere versiegelten die Oberfläche und wirkten gegen Mikroorganismen und Geruch.
- Das Wickeln. Zuletzt wurde der Körper in Leinenbinden gewickelt, die ihrerseits mit Harz getränkt sein konnten.
Was in den Töpfen war
Was genau bei Schritt 4 verwendet wurde, ist erst seit kurzem genau bekannt. 2023 wurden die Rückstände in 31 Gefäßen aus einer Balsamierungswerkstatt in Sakkara analysiert, datiert in die 26. Dynastie (7.–6. Jahrhundert v. Chr.). Der Glücksfall: Die Gefäße waren beschriftet. Die Aufschriften nennen den Inhalt und zum Teil den Zweck — „Behandlung des Kopfes“, „Behandlung der Haut“, „um seinen Geruch angenehm zu machen“.
Gefunden wurden unter anderem Öle oder Teere von Zeder, Wacholder oder Zypresse, Pistazienharz, Rizinusöl, tierische Fette, erhitztes Bienenwachs sowie Elemi- und Dammarharz. Für Kopf, Körperwäsche, Leber und Magen und für die Binden gab es jeweils eigene Mischungen. Es war also kein Einheitsbalsam, sondern eine Reihe von Rezepten für bestimmte Aufgaben.
Die beiden letzten Harze kamen von weit her. Elemi und Dammar stammen wahrscheinlich aus Südostasien, andere Zutaten aus der Levante. Die Balsamierung hing damit an einem Fernhandel, der weit über Ägypten hinausreichte.
Drei Preisklassen
Der ausführlichste Bericht über das Verfahren stammt nicht aus Ägypten, sondern von Herodot, der um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. schreibt. Er kennt drei Preisklassen:
- Die teuerste entspricht dem Verfahren oben: Gehirn durch die Nase, Schnitt in der Flanke, Füllung mit Myrrhe und anderen Duftstoffen, dann Natron, dann Binden mit Gummi.
- Die mittlere kommt ohne Schnitt aus. Man spritzt „Zedernöl“ in den Körper, legt ihn in Natron und lässt das Öl danach wieder ab — mit ihm, so Herodot, die aufgelösten Eingeweide.
- Die billigste besteht aus einer Spülung des Darms und dem Natronbad.
Nach Herodot zeigten die Balsamierer ihren Kunden bemalte Holzmodelle der verschiedenen Ausführungen, eine Art Preiskatalog. Herodot ist ein Grieche, der rund zwei Jahrtausende nach den Anfängen schreibt und vieles vom Hörensagen kennt. Aber die Grundzüge seines Berichts bestätigt der Befund an den Mumien.
Woher wir das wissen
Eine ägyptische Arbeitsanweisung für das Handwerk gibt es nicht. Überliefert ist nur der rituelle Teil — die Sprüche zum Salben und Wickeln. Alles andere kommt aus vier Richtungen:
- Den antiken Autoren, vor allem Herodot und Diodor. Sie sind spät, aber sie haben das Verfahren noch in Betrieb gesehen oder davon gehört.
- Den Mumien selbst. Röntgen und Computertomographie zeigen, ohne die Binden zu öffnen, ob das Gehirn entfernt wurde, wo der Schnitt sitzt, was in der Körperhöhle steckt. Das Loch im Siebbein ist so auf vielen Aufnahmen zu sehen.
- Der Chemie. Mit Gaschromatographie und Massenspektrometrie lassen sich auch winzige Rückstände an Binden und in Gefäßen bestimmten Stoffen zuordnen. Die Analyse aus Sakkara ist ein Beispiel dafür.
- Dem Experiment. Man hat es ausprobiert.
Das Experiment von 1994
Im Mai 1994 mumifizierten Bob Brier und Ronald Wade in Baltimore den Körper eines Körperspenders nach ägyptischem Vorbild. Sie entfernten Gehirn, Bauchorgane und Lunge, packten den Körper in Natronbeutel und bedeckten ihn mit losem Natron — insgesamt rund 273 Kilogramm. Nach 35 Tagen war er so weit, dass er gewickelt werden konnte.
Die Mumie bekam den Namen MUMAB (Mummy, University of Maryland at Baltimore) und ist seitdem mehrfach mit Computertomographie, Magnetresonanztomographie und Gewebeproben untersucht worden. Sie zeigt, dass das Verfahren in der beschriebenen Form tatsächlich funktioniert — ohne verlorenes Geheimwissen, allein mit Natron, Geduld und Sorgfalt.
Älter als die Pharaonen
Lange galt die Mumifizierung als Erfindung des Alten Reiches. 2014 wurden Leinenbinden aus Gräbern von Mostagedda bei Badari in Oberägypten untersucht, datiert auf etwa 4600–4300 v. Chr. Darin fanden sich Kiefernharz, ein aromatischer Pflanzenextrakt, ein pflanzliches Gummi, eine Erdölkomponente und Öl oder Fett — bereits die Grundbestandteile späterer Balsame, gut tausend Jahre vor dem ersten Pharao.
2018 kam ein vollständiger Körper hinzu: eine vorgeschichtliche Mumie aus dem Ägyptischen Museum in Turin, um 3700–3500 v. Chr., möglicherweise aus Gebelein. Auch sie war mit einem vergleichbaren Balsam behandelt. Wie immer es anfing — vielleicht mit Leichen, die im heißen Sand von selbst austrockneten —, sehr früh ist daraus ein gezieltes Verfahren geworden.
Im Vergleich zu heute
Der wichtigste Unterschied ist das Ziel. Die Ägypter wollten den Körper für immer erhalten, denn er war der Ort, an den die Seelen des Toten zurückkehren sollten. Moderne Bestatter wollen etwas anderes.
Heutige Einbalsamierung arbeitet mit Formaldehyd oder Glutaraldehyd, die über die Blutgefäße in den Körper gepumpt werden. Diese Stoffe vernetzen die Eiweiße im Gewebe miteinander, wodurch es fest und für Bakterien schwer angreifbar wird. Der Zweck ist dreifach: Hygiene, Aufschub der Verwesung bis zur Bestattung, ein friedliches Aussehen bei der Aufbahrung. Die Verwesung wird damit verzögert, nicht verhindert.
Die ägyptische Methode setzt dagegen an der Voraussetzung an: Ohne Wasser keine Zersetzung. Das macht sie auf Dauer wirksamer als die moderne Einbalsamierung, obwohl sie nur mit Salz, Pflanzenstoffen und Leinen arbeitet — eine Mumie in trockener Umgebung überdauert Jahrtausende.
Am nächsten kommt ihr heute die Plastination, die der Anatom Gunther von Hagens in den 1970er Jahren entwickelte. Auch sie entzieht dem Körper zuerst das Wasser, ersetzt es dann aber durch Kunststoff. Das Ergebnis ist ebenfalls dauerhaft und trocken — nur bleibt dabei die Form der Gewebe erhalten, während die Mumie schrumpft.
Was man den Balsamierern zugutehalten muss, ist weniger ein Vorsprung vor der modernen Wissenschaft als eine Leistung aus Erfahrung: Ohne Mikroskop und ohne Wissen über Bakterien fanden sie Stoffe, die tatsächlich gegen Fäulnis wirken, stellten Rezepte für bestimmte Aufgaben zusammen und hielten ein Verfahren über drei Jahrtausende in Betrieb. Sie wussten, was wirkt — nicht, warum. Das Warum hat erst die moderne Chemie nachgeliefert.
Was man oft liest — und was stimmt
„Das Gehirn wurde mit einem Haken durch die Nase herausgezogen.“ Halb richtig. Herodot schreibt, man habe es mit einem gekrümmten Eisen herausgeholt und den Rest mit eingegossenen Mitteln ausgespült. Der Befund zeigt das Loch im Siebbein, und in einem Schädel fand man sogar ein abgebrochenes Werkzeug aus Pflanzenmaterial. Das Gehirn wurde vermutlich weniger am Stück herausgezogen als zerkleinert und ausgeleitet.
„Mumien sind schwarz, weil sie mit Bitumen behandelt wurden.“ Lange galt das als Irrtum — das Wort „Mumie“ selbst kommt vom persischen mūm für Erdpech. Ganz falsch ist es aber nicht. Eine Untersuchung von 91 Proben aus 39 Mumien zwischen etwa 3200 v. Chr. und 395 n. Chr. fand vor dem Neuen Reich kein Bitumen. Danach aber in der Hälfte der Mumien vom Neuen Reich bis zur Spätzeit und in 87 % der ptolemäisch-römischen — allerdings nie als Hauptbestandteil: Selbst dann bestand der Balsam höchstens zu 45 % aus Bitumen. Schwarz werden Mumien auch ohne Erdpech: Erhitzt und gealtert, dunkeln Mischungen aus Fett, Harz und Bienenwachs genauso nach. Nach dem Neuen Reich, so dieselbe Studie, war der dunkle Balsam gewollt — ein Zeichen veränderter Jenseitsvorstellungen.
„Myrrhe.“ In Übersetzungen ägyptischer Texte steht für ꜥntjw meist „Myrrhe“. In den beschrifteten Gefäßen aus Sakkara enthielt, was ꜥntjw hieß, aber eine Mischung auf der Basis von Nadelholzölen oder -teeren. Ob das Wort überall und zu allen Zeiten dasselbe meinte, ist offen — der Befund gilt zunächst für diese eine Werkstatt. Hier hat die Chemie eine Übersetzung korrigiert.
„Mumifiziert wurden nur Pharaonen.“ Nein. Mumifiziert wurde, wer es bezahlen konnte, und Herodots drei Preisklassen zeigen, dass es dafür einen Markt gab.
„Das Wissen um die Mumifizierung ist verloren.“ Nicht in dem Sinn, dass man es nicht nachvollziehen könnte: MUMAB beweist, dass das Verfahren mit den bekannten Mitteln funktioniert. Verloren sind die genauen Rezepte der einzelnen Werkstätten — und die werden gerade, Gefäß für Gefäß, zurückgewonnen.
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