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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Sonne, Himmel & GestirneSchöpfung & Urzeitgut belegt

Aton

Die Sonnenscheibe selbst, unter Echnaton für rund zwei Jahrzehnte zum einzigen offiziellen Gott erhoben.

JtnUmschrift
Ausschnitt aus einem versenkten Relief in hellem, sandfarbenem Stein. Oben sitzt eine glatte, runde Scheibe, die aus der Fläche heraussteht; unter ihr hängt ein schmales senkrechtes Zeichen herab. Von der Scheibe gehen zahlreiche lange, gerade Strahlen fächerförmig nach unten und zu den Seiten aus, jeder als schmale eingetiefte Rinne ausgeführt. Mehrere Strahlen enden in kleinen Händen; an einigen Enden sind Anch-Zeichen zu erkennen. Rechts und unten stehen Kolumnen mit Hieroglyphen, darunter mehrere von einem Oval umschlossene Namensgruppen. Die Oberfläche ist feinkörnig und stellenweise abgerieben.
Zuständig für
Sonnenlicht, Leben spendendes Licht, Alleinherrschaft
Bezeugt
Wort seit dem Mittleren Reich; Staatskult ca. 1353–1336 v. Chr.
Kultorte
Achet-Aton (Tell el-Amarna), Karnak (Gempaaton), Memphis, Sesebi (Nubien)
Familie
Vermittler: ausschließlich der König und die Königsfamilie
Vorstufe: Re-Harachte

Erscheinung

Kein anthropomorphes Bild: eine Scheibe mit Uräus, von der Strahlen ausgehen, die in Hände münden; diese halten Anch-Zeichen an Nase und Hände der Königsfamilie. Bewusster Bildverzicht.

Vom Wort zum Gott

jtn heißt schlicht „Scheibe“ und ist lange nur ein Ausdruck für den sichtbaren Sonnenkörper — schon in der Sinuhe-Erzählung des Mittleren Reichs. Amenophis III. beginnt, ihn als eigenständige Größe zu behandeln. Sein Sohn Amenophis IV., der sich in Echnaton („der dem Aton nützt“) umbenennt, macht daraus ein exklusives System.

Wie radikal war es?

Die Amarnareligion schaffte die Tempel der anderen Götter ab, ließ vor allem Amuns Namen tilgen und reduzierte den Kult auf offene Sonnenhöfe ohne Kultbild. Echnaton beanspruchte, Sohn und einziger Prophet des Aton zu sein. Der Gott selbst war sichtbar und für die gesamte Schöpfung zuständig, erschuf sich täglich neu — und war zugleich fern und unzugänglich: Wer sich ihm nähern wollte, brauchte den König als Mittler.

Ob man das „Monotheismus“ nennen sollte, ist seit 1851 strittig — damals argumentierte Karl Richard Lepsius in einem viel beachteten Vortrag erstmals in diese Richtung; 1905 nannte Adolf Erman Echnaton einen religiösen „Fanatiker“.

Das stärkste Gegenargument ist heute kein theologisches, sondern ein archäologisches. In den Häusern von Amarna selbst hielten die Bewohner an den überlieferten Hausgöttern fest, an Taweret und Bes. Und es lässt sich nicht zeigen, dass der Atonkult außerhalb der Königsfamilie und des engeren Hofs überhaupt viele Menschen erfasste. Die Amarnareligion war womöglich ein zentralisierter Vorgang, von dem in Ägypten kaum jemand unmittelbar berührt wurde — was die Frage nach dem Monotheismus verschiebt: nicht, was geglaubt werden sollte, sondern von wem.

Der große Atonhymnus

Der im Grab des Eje überlieferte Hymnus ist eines der bedeutendsten religiösen Gedichte der Antike: Er beschreibt die Nacht als Zeit der Gefahr, den Sonnenaufgang als tägliche Neuschöpfung, das Wachstum des Kükens im Ei, den Regen als „Nil am Himmel“ für die Fremdländer. Die auffälligen Berührungen mit Psalm 104 werden seit dem 19. Jahrhundert diskutiert; eine direkte literarische Abhängigkeit ist nicht nachweisbar, ein gemeinsamer altorientalischer Motivvorrat wahrscheinlich.

Das Ende

Wenige Jahre nach Echnatons Tod kehrte man unter Tutanchamun zum alten Kult zurück. Die Amarnabauten wurden abgerissen und als Füllmaterial in Pylone verbaut — was paradoxerweise dazu führte, dass zehntausende Talatat-Blöcke gut erhalten blieben.

Die Bauweise hat den Abriss selbst ermöglicht. Echnaton ließ mit auffällig kleinen Steinen bauen: rund 53 cm lang, 21 cm hoch, 24 cm tief. Der arabische Name talatat kommt von talata, „drei“ — etwa drei Handspannen lang. Ein Block dieser Größe ließ sich von wenigen Männern tragen, und genau das erlaubte es, in wenigen Jahren eine Stadt hochzuziehen. Dieselbe Eigenschaft machte die Bauten hinterher leicht zerlegbar. Ramses II. verwendete Talatat aus dem verlassenen Achet-Aton als Fundament für seinen Tempel in Hermopolis auf der anderen Flussseite; 1500 davon fand Günther Roeder dort 1939 wieder. Echnaton selbst erscheint in späteren Königslisten nicht mehr; er galt als „der Feind von Achetaton“.

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