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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Ort · Oberägyptengut belegt

Philae

Pꜣ-jw-rqPhilaiheute: Agilkia (nach der Versetzung)

Der wichtigste Isistempel Ägyptens und Nubiens — auf einer Insel, die es nicht mehr gibt: Die Bauten stehen heute mehrere hundert Meter weiter auf Agilkia.

Weiter Blick von oben auf eine kleine, vollständig von tiefblauem Wasser umgebene Insel. Auf ihrer Mitte steht eine dichte Gruppe niedriger, ockerfarbener Steinbauten mit glatten Wänden und flachen Dächern; davor liegt eine gepflasterte Freifläche mit einer breiten Treppe zum Ufer. Der Inselrand ist von grünem Buschwerk und Bäumen gesäumt, am unteren Bildrand liegen mehrere weiße Ausflugsboote an einem Steg. Ringsum ragen kahle, hellbraune Felsklippen aus dem Wasser; im Hintergrund zieht sich eine Stadt am Ufer entlang, darüber ein dunstiger, heller Himmel.

Das ist nicht Philae, sondern Agilkia. Die ursprüngliche Insel liegt seit dem Dammbau unter Wasser; die Bauten wurden 1972–1980 hierher versetzt.

Zeitraum
30. Dynastie bis 6. Jh. n. Chr.; Versetzung 1972–1980
Region
Oberägypten
Hauptgottheiten
Isis · Osiris (auf dem Abaton von Bigga) · Hathor als Sonnenauge · Harendotes · Arensnuphis
Bauten
Großer Isistempel · Tor und Kiosk des Nektanebos I. · Hadrianstor mit dem Abaton-Dekret · Hathortempel · Kiosk des Trajan („Pharaosbett“) · Harendotestempel

Eine Insel, die es nicht mehr gibt

Philae lag im Ersten Katarakt, rund sieben Kilometer südlich des heutigen Assuan. Die Insel maß etwa 385 mal 176 Meter.

Sie ist verschwunden. Seit dem Bau der Staudämme liegt sie im See zwischen dem alten Assuan-Damm und dem Hochdamm — dauerhaft überflutet.

Was heute besucht wird, steht woanders: In einer UNESCO-Rettungsaktion von 1972 bis 1980 wurden fast alle historischen Bauten mehrere hundert Meter nach Nordwesten auf die Insel Agilkia versetzt, deren Boden dreizehn Meter höher liegt. Um die bereits überflutete Insel abbauen zu können, wurde ein sandgefüllter Fangdamm um rund 35.000 Quadratmeter gezogen.

Der Abbau war zugleich eine Grabung. Das Zerlegen der Bauwerke brachte neue Erkenntnisse über die Geschichte der Insel, die im aufrechten Zustand nicht zu gewinnen gewesen wären.

Isis hier, Osiris drüben

Philae war zusammen mit dem Abaton auf der Nachbarinsel Bigga das wichtigste Kultzentrum von Isis und Osiris in Oberägypten und Nubien. Die Arbeitsteilung war räumlich: Der Tempel der Isis stand auf Philae, das Grab des Osiris auf Bigga.

Verbunden wurden beide durch eine Prozession. Das Hadrianstor an der Westseite lag ursprünglich gegenüber der Anlegekapelle von Bigga und war der Ausgangspunkt für die Barkenfahrt der Isis zum Osirisgrab. Es trägt außerdem das Abaton-Dekret mit den Regeln für den Osiriskult auf Bigga — und eine Urkunde über die Schenkung eines Weinbergs an den Isistempel.

Der Hathortempel auf der Ostseite hat einen eigenen Bezug: Der Kult galt dort Hathor als Sonnenauge, das aus Nubien zurückgebracht wurde. Philae liegt an der Grenze, über die die Ferne Göttin zurückkehrt.

Die jüngste Hieroglypheninschrift der Welt

Am Hadrianstor steht neben einer Darstellung des nubischen Gottes Mandulis die jüngste datierbare Hieroglypheninschrift aus Ägypten: 24. August 394 n. Chr.

Damit endet auf dieser Insel eine Schriftgeschichte von über dreitausend Jahren — nicht mit einem Verbot, sondern mit einem letzten Eintrag.

Warum das Ende anders verlief, als es erzählt wird

Die geläufige Erzählung geht so: Kaiser Justinian ließ den Isistempel 535–537 n. Chr. durch den General Narses schließen. Prokop berichtet, die Tempel seien zerstört, die Priester verhaftet und die Kultbilder nach Byzanz geschafft worden — ein dramatisches Ende, das den Eindruck erweckt, der Kult habe bis dahin in voller Blüte gestanden.

Die Forschung hält Prokops Bericht heute für übertrieben und liest ihn als kaiserliche Propaganda. Drei Befunde sprechen dagegen:

  1. Die letzten Belege für tätige traditionelle Kultbeamte stammen aus 456/457 n. Chr. — achtzig Jahre vor Narses.
  2. Der geregelte Tempelkult dürfte schon in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts geendet haben und bei Narses' Ankunft nicht mehr bestanden haben.
  3. Die Tempel von Philae sind nie zerstört worden. Sie stehen bis heute.

Die Schließung unter Justinian kann deshalb nur symbolisch gewesen sein: die offizielle Beendigung von etwas, das faktisch bereits aufgehört hatte.

Das ist die eigentliche Lehre dieses Ortes. Ein Kult endet selten mit einem Datum. Er hört auf, und irgendwann bemerkt es die Obrigkeit und schreibt es auf.

Was danach kam

Der Pronaos des verlassenen Isistempels wurde von Bischof Theodorus zu einer Kirche des heiligen Stephanos umgewidmet — ein Vorgang, den mehrere Inschriften eigens festhalten, was zeigt, dass er als bemerkenswert galt.

Auch kleinere Heiligtümer wurden Kirchen: die Tempel des Arensnuphis und der Hathor, vermutlich auch der des Imhotep. Vom Harendotestempel blieben nur Pflaster und unterste Steinlage; viele seiner Blöcke stecken in der Westkirche.

Umnutzung, nicht Vernichtung — dasselbe Muster wie bei den Steinen von Esna-Nord, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Dort wurde ein Tempel zur Brücke, hier zur Kirche.