nṯrw

Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Totenreich & OsiriskreisHintergrundgut belegt

Bestattungsrituale

qrst nfrt

Der Weg vom Sterbehaus ins Grab in sieben Stufen — und die Riten, die den Toten dabei zum Gott machen sollten.

Bruchstück eines flachen Kalksteinreliefs im Querformat, aus mehreren unregelmäßig gebrochenen Blöcken zusammengesetzt und vor grauem Grund aufgenommen. Den unteren Teil füllt ein langgestrecktes Boot mit hoch aufgebogenem Bug; darin steht ein Aufbau aus senkrechten Streben, hinter dem zwei Männer mit langen Stäben stehen. Links daneben steht eine Gestalt in gemustertem Gewand vor einem Tisch, auf dem Gefäße und eine Traubenschale liegen; darüber eine große geschwungene Form. Am rechten Rand hocken und stehen weitere Männer mit Rudern. Über der Szene läuft eine Reihe größerer Hieroglyphen. Der Stein ist hell und stellenweise ausgebrochen; an einzelnen Stellen haben sich rötliche Farbreste erhalten.

Der Block stammt aus dem Grab des Nespekaschuti und zeigt die Überfahrt nach Westen — nicht den Schlitten mit der Mumie und nicht die Mundöffnung, die das Feld „ikonographie“ ebenfalls nennt.

Sieben Stufen
Prozession zur Nekropole, Prozession zur Balsamierungsstätte, Einbalsamierung, Nachriten, Prozession zum Grab, Mundöffnung, Totenkult
Leitbefund
Grab des Rechmire (TT 100), Theben, frühe 18. Dynastie
Dauer
siebzig Tage für Einbalsamierung und Mumifizierung
Rollen
zwei Klagefrauen als Isis und Nephthys, Sem-Priester als Horus, Vorlesepriester als Thot

Darstellung

Der Schlitten mit der Mumie, von Rindern gezogen, zwei Klagefrauen zu Häupten und Füßen; Priester räuchern und spenden Milch davor. Am Grab die aufgerichtete Mumie, der dechselförmige Geräte an den Mund geführt werden. Das Grab selbst erscheint als personifizierte Westwüste mit ausgebreiteten Armen.

Zeitraum
Altes bis Neues Reich; die ausführlichsten Bildprogramme in der 18. Dynastie
Themenfelder
Bestattung · Totenkult · Ritual
Orte
Nekropolen; Leitbefund Theben-West

Sieben Stufen

Die Riten folgen dem, was ohnehin zu tun war: Der Leichnam musste zur Balsamierungsstätte, dann ins Grab, dann beigesetzt werden. Über diesen praktischen Ablauf legt sich ein zweiter, der ein anderes Ziel verfolgt — aus einem Sterblichen einen Übermenschlichen zu machen: einen Gott, und zwar Osiris; einen ꜣḫ, einen verklärten Geist; und einen „Gerechtfertigten“ (mꜣꜥ-ḫrw).

Unterscheiden lassen sich sieben Komplexe:

  1. Prozession zur Nekropole
  2. Prozession zur Balsamierungsstätte
  3. Einbalsamierung und Mumifizierung
  4. Nachriten
  5. Prozession zum Grab
  6. Mundöffnung
  7. Totenkult

Die Einteilung stammt aus den Bildprogrammen, nicht aus einem ägyptischen Handbuch. Versuche, aus den Pyramidentexten ein vollständiges Begräbnisritual zu rekonstruieren, gelten als spekulativ und weichen stark voneinander ab. Der Leitbefund ist deshalb ein Grab: das des Wesirs Rechmire in Theben, frühe 18. Dynastie.

Die Überfahrt nach Westen

Der wichtigste Abschnitt des Zuges führte über das Wasser — vom Ostufer, dem Land der Lebenden, ans Westufer, das Land der Toten. Dargestellt sind meist Papyrusflöße, eine bewusst altertümliche Form. Das Gewicht liegt auf der Ankunft: Dort wird den Göttern der Unterwelt gemeldet, der Verstorbene sei ḫpr m nṯr angekommen, „zum Gott geworden“.

In den besonders ausführlichen Szenen des Rechmire-Grabes hat das Schiff die Form der Neschmet-Barke des Osiris, mit der der Gott bei seinen Mysterien in Abydos fährt — dieselbe Form, in der auch Re die Unterwelt durchquert. Schiffe dieser Bauart wurden gelegentlich in Grabanlagen mitbestattet.

Bemerkenswert ist der Zeitpunkt. Die Rezitationen nennen den Toten schon hier, vor der Einbalsamierung, Osiris. Ob die Gleichsetzung wirklich so früh greift, ist strittig: Mark Smith setzt sie später an, Hays hält dem genau diese Stellen entgegen. Wer liest, der Tote werde „durch die Mumifizierung zu Osiris“, liest eine von zwei Positionen.

Smiths Einwand reicht dabei weiter als bis zum Zeitpunkt. Er bestreitet die Gleichsetzung überhaupt. Der Tote erwerbe am Ende der Balsamierungsriten eine osirianische Form — der Vollzug wird in den Texten als „jemandem einen Osiris geben“ beschrieben —, und das bedeute Aufnahme in die Gefolgschaft des Gottes, nicht Verschmelzung mit ihm. Der Streit hat damit zwei Ebenen: wann etwas geschieht und was überhaupt geschieht. Die Begründung steht beim Eintrag zu Osiris.

Wer mitspielt

Die Priesterrollen sind geschlechtsspezifisch besetzt. Die wichtigsten sind zwei Frauen, die ḏrtj, die Klagefrauen: Sie füllen die Rollen der Isis und Nephthys aus, die ihren toten Bruder Osiris beweinen. Die männlichen Gegenstücke sind der Sem-Priester als Horus und der Vorlesepriester als Thot.

Den Sarg tragen neun „Freunde“ (smrw). Sie werden als die — vier — Horuskinder angesprochen; die Neunzahl spielt zugleich auf die volle Vielheit der Götterwelt an. Dass Zahl und Deutung nicht zusammenpassen, ist kein Fehler der Überlieferung, sondern zeigt, wie solche Gleichsetzungen funktionieren: Sie sind Zuweisungen von Rollen, keine Rechnung.

Auf fast jeder Stufe wird ein Stier geopfert, und eine der Klagefrauen wirkt dabei mit. Der Gott im Stier ist Seth, der Mörder des Osiris.

Siebzig Tage

Die Einbalsamierung dauert nach übereinstimmender Angabe siebzig Tage — dieselbe Spanne, die Sirius jährlich unter dem Horizont verschwindet, bevor er zum Jahresbeginn und zur Nilflut wieder aufgeht. Der Tote durchläuft damit dieselbe Frist wie der Stern, und wie dieser geht er danach wieder auf. Zuerst wird der Leichnam etwa drei Tage lang in einem Zelt gereinigt, dem jbw oder zḥ-nṯr. Die Mumifizierung selbst findet in einem eigenen Bau statt, der wꜥbt („reine Stätte“) oder pr-nfr („gutes Haus“) heißt. Anubis gilt darin als ḥrj-sštꜣ, „Herr des Geheimnisses“.

Was dort geschah, wird pharaonisch nicht abgebildet. Salbung und Umwicklung fallen unter das Dekorum; die zugehörigen Rezitationen sind erst in Papyri der Römerzeit erhalten. Deren Ritualanweisungen sind spät formuliert, die Sprüche selbst aber weitgehend klassisch. Das ist die typische Quellenlage dieses Themas: Der Ablauf ist gut belegt, gerade der Kern aber nur über Umwege.

Und die Prüfung begann bereits hier. Zu den Balsamierungsriten gehörte eine Beurteilung des Charakters, die dem Verfahren in der Unterwelt vorgriff. Fiel sie günstig aus, half sie der Aufnahme unter Götter und verklärte Geister. Fiel sie ungünstig aus, begann die Strafe, während der Betroffene noch auf dem Balsamierungstisch lag. Das Totengericht ist danach nicht nur ein Ereignis nach der Bestattung, sondern schon eines in der Werkstatt — die Riten der Stufe 3 entscheiden mit, was auf Stufe 7 folgt.

Das Verfahren

Wie der Körper technisch behandelt wurde, sagt kein ägyptischer Text. Es gibt keine Anleitung, die Entnahme der Organe, Natronbehandlung und Trocknung beschreibt. Was man darüber weiß, stammt aus drei Quellen: aus den Mumien selbst, aus Herodot (2. Buch, Kapitel 85–90) und aus Diodor. Beide sind Griechen, beide schreiben spät, und beide berichten aus zweiter Hand.

Das ist genau zu nehmen. Es gibt sehr wohl einen ägyptischen Text zur Balsamierung — er steht weiter unten. Nur beschreibt er den Ritus, nicht das Handwerk: Salben und Wickeln mit den zugehörigen Sprüchen, nicht das Verfahren davor.

Das Grundprinzip ist einfach: Der Körper wird mit Natron ausgetrocknet. Fäulnis braucht Feuchtigkeit; wer sie entzieht, hält den Leichnam. Dazu kommt in der klassischen Fassung die Entnahme der inneren Organe, die getrennt aufbewahrt wurden — der erste gesicherte Beleg dafür stammt aus der 4. Dynastie.

Wie das im Einzelnen ging, warum es funktionierte und was die Chemie heute darüber weiß, beschreibt der eigene Artikel zur Mumifizierung. Hier geht es um den Rahmen, in dem das Handwerk stand.

Die siebzig Tage teilen sich dabei auf: vierzig Tage Austrocknung, dreißig Tage Nachbereitung. In diese zweite Hälfte gehören das Salben mit heiligen Ölen — was den Körper zugleich wieder geschmeidig macht, damit die Gliedmaßen nicht abbrechen —, die Rezitationen, das Beräuchern und zuletzt das Umwickeln mit Leinenbinden.

Ein Verfahren war es nie. Mehrere Methoden liefen nebeneinander, je nach Balsamierungshaus, Preis und Wunsch. Mumifiziert wurde, wer es sich leisten konnte; wie aufwendig, hing vom Vermögen ab.

Woher es kommt, und wie lange es blieb

Der Ursprung ist unklar. Naheliegend ist, dass die Ägypter auf im Sand natürlich getrocknete Leichen stießen und daraus den Gedanken entwickelten. Die meisten vordynastischen Bestattungen zeigen keine Mumifizierung; einzelne Körper aus Naqada II in Hierakonpolis lassen aber frühe Versuche künstlicher Erhaltung erkennen. Als geregeltes Verfahren steht die Mumifizierung im Alten Reich.

Und sie endet nicht mit der pharaonischen Zeit: In vereinfachter Form läuft sie in koptischer Zeit weiter und wird bis heute in koptischen Klöstern an besonders bedeutenden Mönchen und Bischöfen vollzogen.

Das Balsamierungsritual — zwei Papyri, und sie passen zu den Leichen

Weiter oben steht, dass die Rezitationen aus der Werkstatt erst in Papyri der Römerzeit erhalten sind. Diese Papyri haben Namen und eine Bauform, die etwas erklärt.

Es sind zwei hieratische Handschriften thebanischer Herkunft, wohl aus dem frühen 1. Jahrhundert n. Chr.: Papyrus Boulaq III und Papyrus Louvre 5.158.

Sie widersprechen dem Abschnitt oben nicht. Dort geht es um das Verfahren — Organentnahme, Natron, Trocknung —, und dafür gibt es keine Anleitung. Das Balsamierungsritual setzt später ein: bei Salbung und Wicklung. Der handwerkliche Teil bleibt ungeschrieben, der rituelle ist überliefert.

Wer den Ritus vollzog, ist darin genannt — und die Titel sind aufschlussreich:

  • der ḥrj-sštꜣ, „Herr des Geheimnisses“
  • der ẖrj-ḥb, der Vorlesepriester
  • der ḫtmw-nṯr, der „Gottessiegler“
  • dazu die wt-Priester, die eigentlichen Balsamierer

Der erste Titel ist derselbe, den Anubis trägt. Was oben als Beiname des Gottes steht, ist zugleich eine Amtsbezeichnung: Der Priester in der Werkstatt führt den Namen dessen, den er darstellt.

Der Aufbau des Textes ist die eigentliche Auskunft

Das Balsamierungsritual wechselt Zeile für Zeile zwischen zwei Ebenen: einer praktischen Anweisung — den Kopf salben, die Füße umwickeln — und einer Anrufung, die erklärt, was diese Handlung bewirkt.

Handwerk und Theologie stehen nicht nebeneinander, sondern ineinander. Es gibt keine Stelle, an der das eine aufhört und das andere anfängt.

Und der Befund am Körper stimmt damit überein

Das Ritual behandelt Kopf, Hände und Füße besonders. Genau das zeigen die Mumien derselben Zeit: aufwendig einbalsamiert, die Haut gesalbt und vergoldet, mit besonderer Wicklung oder Polsterung an Kopf, Händen, Füßen und Geschlechtsteilen.

Das ist ein seltener Glücksfall. Sonst hat man entweder Texte ohne Objekte oder Objekte ohne Texte — hier beschreiben zwei Papyri ein Verfahren, und die Leichen bestätigen es.

Was nach der Balsamierung kam

Zwei Textgattungen sind in ptolemäisch-römischen Papyri häufig, und beide gehören in die Zeit zwischen Werkstatt und Grab:

  • Klagen. Darin beweinen und preisen Angehörige — oder Isis und Nephthys — den Toten.
  • Verklärungen (sꜣḫw). Sie sprechen den Übergang in den verklärten Zustand aus und bewirken ihn dadurch. Das Sprechen ist hier nicht Begleitung, sondern Vollzug.

Beide Gattungen verweisen auf eine Totenwache über dem Leichnam — dieselbe Sache wie die Stundenwachen weiter oben, nur aus der anderen Richtung belegt: Zwei demotische Totenpapyri, Papyrus British Museum 10507 und Papyrus Harkness, enthalten Passagen, die mit den Stundenwachen-Sprüchen ptolemäischer und römischer Tempel zusammenhängen.

Damit ist der Ritus im Tempel und der Ritus am Toten derselbe Text. Was für Osiris getan wurde, wurde für den Verstorbenen getan.

Eine Neuerung dieser Zeit

Die späten Totentexte behandeln ausführlich etwas, was ältere nicht tun: wie der Ach des Verstorbenen an den Festen in ganz Ägypten teilnimmt. Sie zählen dafür die großen Kultorte auf, Theben und Bubastis unter ihnen.

Der Tote bleibt damit nicht an seinem Grab, sondern wird Teilnehmer des Festkalenders.

Bücher und Schubladen

Die Gattungsnamen, mit denen die Ägyptologie hier arbeitet, sind großenteils modern. Lange Papyri mit mehreren Kolumnen enthalten meist mehrere „Textsorten“ ohne Titel; die Zuordnung geschieht durch Vergleich mit betitelten Stücken.

Einige Titel sind allerdings altägyptisch überliefert, und einer davon ist schön: „Atembuch, das Isis für ihren Bruder Osiris machte“.

Neu in ptolemäisch-römischer Zeit sind drei Werke — das Atembuch, das Buch vom Durchwandeln der Ewigkeit und das Buch vom Ba. Sie verdrängen allmählich das Totenbuch.

Ein Streit gehört dazu. Jan Assmann unterscheidet zwischen Totenliteratur, die dem Toten mitgegeben und nicht aufgeführt wurde, und Totenliturgie, also Texten, die den Lebenden als Vorlage für die Aufführung dienten. John Baines hält diese Trennung für nicht durchführbar. Wie schon bei den Textsorten könnte sie mehr über die Ordnungsbedürfnisse der Forschung sagen als über ägyptische Praxis.

Was aus den Mumien wurde

Das Wort „Mumie“ ist selbst ein Irrtum. Es kommt vom persischen und arabischen mūm, „Erdpech, Bitumen, Wachs“. Die schwarze Farbe konservierter Körper wurde für Bitumen gehalten — meist stammt sie aus Ölen, Harzen, Schmutz und Alter. Ganz grundlos war die Annahme aber nicht: Ab dem Neuen Reich enthalten viele Balsame tatsächlich Bitumen, in ptolemäisch-römischer Zeit die große Mehrheit, wenn auch nie als Hauptbestandteil.

Der Irrtum hatte Folgen, und sie sind grotesk. Weil Bitumen als Heilmittel galt, wurden ab dem 12. Jahrhundert n. Chr. zerriebene Mumien als Arznei verwendet: gegen Geschwüre, Brüche, Gehirnerschütterung, Lähmung, Epilepsie, Schwindel, Bluthusten, Halsschmerzen, Übelkeit, Vergiftungen, Leber- und Milzleiden, Gelenkschmerzen — und zur Verlängerung des Lebens. Das Mittel wurde nach Europa eingeführt und von Heilkundigen ausgiebig verwendet.

Die Nachfrage war so groß, dass ägyptische Händler Mumien fälschten und ausführten.

Damit hört es nicht auf. Katzenmumien dienten Schiffen als Ballast und wurden in Europa als Dünger verkauft. In Ägypten selbst verbrannte man Mumien mangels anderen Brennstoffs. Mumienbinden wurden im amerikanischen Bürgerkrieg als Rohstoff für Packpapier verwendet.

Dass all das möglich war, sagt zweierlei. Zum einen, wie viele Mumien es gab — die Zahl der noch erhaltenen belegt, wie verbreitet und wie langlebig die Sitte war. Zum anderen, wie lange es gedauert hat, bis Mumien als etwas anderes galten denn als Material: Ernsthaft untersucht werden sie erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, systematisch seit den 1960er Jahren.

Stundenwachen und Scheinreisen

Spätestens seit dem Mittleren Reich gehört zu den Nachriten eine nächtliche Stundenwache. Sie nimmt Teile der Balsamierungsriten wieder auf, hält Seth vom Toten fern, und möglicherweise wurde dabei auch ein Totengericht szenisch nachgestellt, mit Darstellern für Isis, Nephthys, Horus, Anubis und Thot. Die Vignetten zu den Totenbuchsprüchen 1B und 151 gehören in diesen Zusammenhang.

Dazu kommen Reisen innerhalb der Nekropole, die weiter entfernte Fahrten nachspielen: eine ins Deltastädtchen Sais, eine ins heilige Abydos. Der Sinn der Abydosfahrt war, dass der Tote dort „den Gott bei seinen Zeremonien übersetzt“ — er ist nicht Zuschauer, sondern Mitwirkender. Gelegentlich sind Mann und Frau gemeinsam auf dieser Fahrt dargestellt, beide bereits als „gerechtfertigt“ bezeichnet.

Die Mundöffnung

Am Grab wird die Mumie aufgerichtet, das Gesicht nach Süden. Der Name des Rituals steht schon in Quellen vom Beginn der 4. Dynastie an, ausführliche Text- und Bildfassungen gibt es aber erst ab der 18. — ein Abstand von über tausend Jahren zwischen Nennung und Beleg.

Der Ablauf behandelt die Mumie wie eine Statue, die gerade angefertigt wird: Entwurf und Herstellung werden nachgespielt, zweimal wird geopfert und der Mund symbolisch geöffnet, indem man dechselförmige Geräte an das Gesicht führt. Den Zweck nennt der Text selbst — der Tote soll „zur Großen Neunheit im Haus des Fürsten in Heliopolis sprechen“ können, um dadurch die Wereret-Krone zu erhalten. Es geht also um die Fähigkeit, sich vor dem Totengericht mündlich zu verteidigen.

Danach folgt ein vorbereitendes Opferritual, dessen Riten „Verklärungen“ heißen, wörtlich „das, was einen zum Ach macht“ (sꜣḫw). Erst dann kommt die Mumie in die Grabkammer, und dieser Akt wird beschrieben als „den Gott in seinen Tempel eintreten lassen“.

Vorsicht bei Herleitungen. Zur Herkunft des Rituals gibt es eine viel zitierte Deutung, die es von der Geburt her erklärt; sie gilt in der Forschung als spekulativ. Das Ritual sagt selbst, wozu es da ist — das ist die bessere Auskunft.

Was danach kommt

Der eigentliche Totenkult (prt-ḫrw) beginnt nach der Beisetzung und ist auf Dauer angelegt. Am oberirdischen Kultplatz erscheinen seit dem Alten Reich immer dieselben Szenen: der Tote am Opfertisch, daneben eine tabellarische Opferliste. Sie steht für Riten, die idealerweise täglich vollzogen wurden.

Der wichtigste Priester ist der Sem-Priester, der theoretisch der Sohn des Verstorbenen ist — und damit Horus zu Osiris. Weil Horus im Spiel ist, ist er im Ursprung der König selbst. In der Praxis übernahmen Beauftragte die Rolle, denen dafür Einkünfte vermacht werden konnten. Die älteste und klassischste Opferliste steht vollständig in den Pyramidentexten.

Dazu kommen Feste im Kalender — das Sokarfest überall in Ägypten, das Talfest in Theben —, bei denen die versiegelten Grabkammern zeitweise zugänglich gewesen sein könnten. Und es gibt Anlassriten: Briefe an die Toten wurden am Grab niedergelegt und vorgetragen.

Die „Demokratisierung des Jenseits“

Der Ausdruck steht in fast jeder Darstellung: Ein beseligtes Jenseits sei zuerst dem König vorbehalten gewesen und erst in der Ersten Zwischenzeit auch anderen zugänglich geworden. Die Annahme ist in der neueren Forschung stark bestritten, und zwei begutachtete Arbeiten kommen dabei auf verschiedenen Wegen zum selben Ergebnis.

Hays hält der These entgegen, dass sie allein auf einem Fehlen beruht — dem Fehlen von Pyramidentexten in den Gräbern der Elite des Alten Reiches. Tatsächlich strebte die Elite schon damals den Aufstieg zum großen Gott an, und König wie Elite benutzten über die ganze pharaonische Zeit dieselben stereotypen Szenen für den Totenkult.

Smith setzt anders an: Nichtkönigliche Personen hatten bereits im Alten Reich Zugang zu Verklärungssprüchen. Ein Beleg ist das Leichentuch des Provinzgouverneurs Medunefer aus Balat in der Oase Dachla, dessen Textreste in die 6. Dynastie datiert werden. Was sich mit den Sargtexten ändert, sei deshalb keine Änderung des Glaubens, sondern der Praxis: Man schrieb solche Texte nun ins Grab, was man vorher nicht tat. Smith merkt dabei ausdrücklich an, dass er zu demselben Schluss komme wie andere vor ihm, aber aus anderen Gründen.

Ein Einwand bleibt in jedem Fall stehen, unabhängig von diesem Streit: Für alles außerhalb der königlichen und der Oberschicht ist die Quellenlage dünn. Wer über „die Ägypter“ und ihre Bestattung spricht, spricht über eine kleine Minderheit, die sich ein beschriftetes Grab leisten konnte.

Totenreich & OsiriskreisHintergrund