Ort · Oberägyptengut belegt
Dendera
JwntTentyrisheute: Dandara
Der besterhaltene Tempelbezirk Ägyptens — inklusive Krypten, Dachheiligtum, zwei Geburtshäusern und einer koptischen Kirche in derselben Umfassung.

Der Zugang zum Bezirk: Die Lehmziegelmauern links und rechts sind die Umfassung, in der außer dem Hathortempel zwei Geburtshäuser, ein Sanatorium, ein heiliger See und eine Kirche standen.
- Zeitraum
- Belege ab dem Alten Reich; Hauptbau 1. Jh. v. Chr. bis 2. Jh. n. Chr.
- Region
- Oberägypten
- Gau
- 6. oberägyptischer Gau
- Hauptgottheiten
- Hathor · Horus von Edfu · Ihi · Isis
- Bauten
- Hathortempel, ptolemäisch-römisch · vierzehn Krypten auf mehreren Ebenen · Dachkapellen für das Neujahrsritual · Mammisi Nektanebos’ I. und römisches Mammisi · Sanatorium und heiliger See · Isistempel und koptische Kirche
Ein vollständiger Bezirk
Von Dendera ist erhalten, was sonst fast überall fehlt: nicht nur ein Tempel, sondern die ganze Anlage drumherum. Der ummauerte Bezirk umfasst rund 40.000 Quadratmeter.
Darin stehen:
- der Hathortempel selbst, ptolemäisch begonnen und bis in die römische Kaiserzeit dekoriert
- zwei Geburtshäuser — das ältere unter Nektanebos I. (380–362 v. Chr.), das jüngere römisch
- ein Sanatorium, in dem Heilsuchende untergebracht wurden
- ein heiliger See für die Reinigungen
- ein kleiner Isistempel
- und eine koptische Kirche aus dem 5. Jahrhundert
Diese Abfolge ist der eigentliche Wert des Ortes. Wer wissen will, was zu einem ägyptischen Tempel außer dem Tempel gehörte — Geburtshaus, Wasser, Unterkunft für Kranke, Wirtschaftsbauten —, findet es hier beieinander. Und die Kirche zeigt, dass der Platz nicht endete, sondern die Nutzung wechselte.
Was Hathor selbst betrifft — das Trunkenheitsfest, die Reliefs mit Kleopatra VII. und Caesarion, das Dachritual zum Neujahr —, steht beim Eintrag zu Hathor.
Die beiden Geburtshäuser — Anfang und Höhepunkt einer Bauform
Dass hier zwei Mammisis nebeneinanderstehen, ist kein Zufall der Erhaltung: Dendera markiert beide Enden der Entwicklung.
Das ältere ist das älteste sicher bestimmte Geburtshaus Ägyptens überhaupt. Es entstand unter Nektanebos I. und war zunächst nur ein bescheidener Ziegelbau — ein kleiner Schrein mit Hof und Zuweg, bei dem allein der Mittelschrein und die Fassaden der Seitenräume in Stein verkleidet und dekoriert wurden. Etwas ältere Beispiele werden vermutet, etwa das Geburtshaus des Harpara am Amun-Re-Month-Tempel in Karnak; sicher bestimmt ist keines davon.
Zwischen den Geburtshäusern liegt die koptische Kirche — sie steht buchstäblich zwischen den beiden Bauten.
Spätestens unter Ptolemaios V. entsteht eine neue Form, der Peripteros: ein Kernbau, um den ein Umgang läuft, dessen Dach von Säulen mit Pflanzenkapitellen getragen wird. Diese Säulen sind kein Schmuck, sondern eine Aussage — sie bilden die Papyrussümpfe nach, in denen sich der junge Horus in Chemmis verbarg. Über den Kapitellen sitzt mitunter eine Schutzfigur des Bes, andernfalls Sistrum und Hathorkopf.
Das römische Mammisi von Dendera ist der Endpunkt: Es hat die komplexeste Architektur aller erhaltenen Geburtshäuser. Die Weihinschrift nennt Trajan, begonnen wurde der Bau womöglich unter Nero. Er steht auf einem Fundamentsockel, hat drei Kernräume — ein Sanktuar, flankiert von je einer Langkapelle — und besitzt, wie der Haupttempel, eigene Krypten. Im Sanktuar stand höchstwahrscheinlich ein Naos mit einer Statue der Hathor, die Ihi säugt.
Vierzehn Krypten
Im Kern des Tempels liegen vierzehn Krypten auf mehreren Ebenen, zugänglich über Bodenklappen und Schächte, teils so niedrig, dass man nur gebückt hineinkommt.
Sie waren Tresore. Hier wurde das kostbarste Kultgerät aufbewahrt — die Kultbilder, die nur zu bestimmten Festen herausgeholt wurden, darunter die Statue, die zum Neujahrsfest aufs Dach getragen wurde.
Bemerkenswert ist, dass die Krypten dekoriert sind. Räume, die fast nie jemand betrat und in denen es dunkel war, tragen sorgfältig ausgeführte Reliefs mit den Gegenständen, die darin lagen. Die Dekoration richtet sich nicht an Betrachter, sondern an die Sache selbst — dasselbe Prinzip wie bei Grabtexten hinter zugemauerten Türen.
Die „Lampe von Dendera“
In einer dieser Krypten sitzt das Relief, das den Ort in populären Darstellungen berühmt gemacht hat: eine Schlange, die aus einer Lotosblüte in einer ovalen Umrandung hervorkommt.
Ein norwegischer Elektroingenieur deutete das als Glühbirne; zwei österreichische Autoren machten daraus ein Buch, und seither geistert die Vorstellung einer ägyptischen Elektrotechnik durch die Populärliteratur.
Die Deutung hält nichts stand. Das Motiv — der Sonnengott, der aus der Lotosblüte hervorgeht — ist in Ägypten hundertfach belegt und in Dendera selbst durch die Beischriften erklärt. Es gibt keine Leitungen, keine Stromquellen, keine Werkstätten, kein einziges Gerät.
Das Hauptargument der Gegenseite ist, dass an den Decken kein Ruß sei. Es trägt doppelt nicht: Fackeln und Öllampen hinterlassen weit weniger Ruß, als man annimmt — und wo heute keiner ist, wurde er in der Neuzeit abgenommen.
Der Fall gehört hierher, weil er zeigt, wie eine Fehldeutung entsteht: Ein Bild wird ohne seine Beischrift betrachtet, mit einem modernen Gegenstand verglichen und dann als Rätsel ausgegeben, das die Fachwelt angeblich nicht lösen will.
Was das Putzen zutage gebracht hat
Der Tempel war jahrhundertelang bewohnt, und Feuer, Rauch und Fledermauskot hatten Decken und Wände geschwärzt.
Seit 2005 wird gereinigt, mit Unterbrechungen bis heute — und darunter kamen die originalen Farben hervor: tiefes Blau, Gold, ein Nachthimmel mit Sternen, Tierkreis und Himmelsgöttin, in einer Frische, die kaum jemand erwartet hatte.
Das ist die vielleicht wichtigste Korrektur, die Dendera an unserem Ägyptenbild anbringt. Ägyptische Tempel waren nicht steinfarben. Sie waren vollständig und kräftig bemalt, und was wir sonst sehen, ist der Zustand nach zwei Jahrtausenden Ruß, Sonne und Salz.
Die Lücke in der Decke
Im Dachheiligtum fehlt ein Stück. Die berühmte Deckenplatte mit dem Tierkreis von Dendera wurde 1821 mit Sägen, Meißeln und Sprengpulver herausgeschnitten und nach Frankreich gebracht; sie hängt seit 1922 im Louvre. Vor Ort liegt eine Kopie.
Der Vorgang war genehmigt — vom osmanischen Gouverneur, nicht von einer ägyptischen Denkmalbehörde, die es noch nicht gab. Die Einzelheiten stehen beim Eintrag zu Hathor; hier zählt, was man am Ort sieht: den Abdruck einer Entnahme.