Haus, Geburt & AlltagSonne, Himmel & GestirneTotenreich & OsiriskreisNil, Ernte & Fruchtbarkeitgut belegt
Hathor
griechisch mit Aphrodite gleichgesetzt · ägyptisch Ḥwt-Ḥrw
Göttin der Liebe, der Musik und des Rausches; Himmelskuh, Herrin des Westens und gefährliches Auge des Re in einer Gestalt.

- Zuständig für
- Liebe und Sexualität, Musik und Tanz, Fremdländer und Bergbau, Totenempfang, Mutterschaft
- Bezeugt
- Frühdynastisch bis Römerzeit
- Kultorte
- Dendera (Iunet), Deir el-Bahari, Serabit el-Chadim (Sinai), Byblos, Timna, Kusae, Memphis
- Familie
- Gemahl: Horus von Edfu
Sohn: Ihi, Harsomtus
Vater: Re
Sonderform: die sieben Hathoren
Erscheinung
Kuh; Frau mit Kuhohren; Frau mit Hörnern und Sonnenscheibe; Hathorkapitell mit Frauengesicht und Kuhohren; ihre Instrumente sind Sistrum und Menit-Halskette.
Ein sehr weiter Zuständigkeitsbereich
Hathor ist unter den ägyptischen Göttinnen die vielseitigste. Ihr Name heißt „Haus des Horus“ — sie ist der Himmel, in dem der Falke wohnt, und zugleich die Mutter, in deren Leib der König heranwächst. Von dort spannt sich alles Weitere: Liebe, Musik, Trunkenheit, Fremdländer, Türkisminen, Totenempfang.
Diese Breite ist kein Zufall, sondern eine Fundgeschichte. Sehr alte Gottheiten sammeln lokale Kulte ein, und bei Hathor lässt sich das an einem Fall genau zeigen.
Was aus Bat wurde
Bat war Hauptgöttin des 7. oberägyptischen Gaues — eine Kuhgöttin, dargestellt als Menschengesicht mit Kuhohren und -hörnern, eng mit dem Sistrum verbunden; ihr Kultort hieß „Haus des Sistrums“. Auf der Narmerpalette erscheint sie prominent, also am Beginn der ägyptischen Staatlichkeit.
Hathors Kultzentrum lag im benachbarten 6. Gau. Bis zum Mittleren Reich ist Bat in Hathor aufgegangen — mitsamt dem Sistrum, das seither zu Hathors kennzeichnendem Instrument gehört. Ob beide ursprünglich dieselbe Göttin waren, lässt sich nicht entscheiden; die räumliche Nachbarschaft macht es möglich.
Wer also fragt, warum Hathor für so vieles zuständig ist, bekommt hier einen Teil der Antwort: Manches davon war einmal jemand anders.
Die Gefährliche
Als „Auge des Re“ ist sie identisch mit Sachmet und Tefnut — die freundliche Liebesgöttin und die mordende Löwin sind zwei Zustände desselben Wesens. Deshalb gehören Musik, Tanz und Alkohol zu ihrem Kult: Sie sind die Mittel, mit denen man die zornige Göttin wieder zur milden macht. Die Sistrumrassel ist buchstäblich Besänftigungstechnik.
Das war kein Bild, sondern Kalender. Die Rückkehr der besänftigten Göttin wurde in den Trunkenheitsfesten (Techi) begangen, in Dendera für den 20. Tag des ersten Monats der Überschwemmungszeit belegt. Was im Mythos die Rettung der Menschheit vor der mordenden Löwin ist, war im Jahreslauf ein Fest mit reichlich Bier.
Dendera
Der Hathortempel von Dendera (ptolemäisch-römisch) ist einer der besterhaltenen Ägyptens: mit unterirdischen Krypten, einem Dachheiligtum für das Neujahrsritual und Wandreliefs, die Kleopatra VII. mit Caesarion zeigen. Beim Neujahrsfest wurde die Statue aufs Dach getragen, um sich mit den Strahlen der Sonne zu vereinigen.
Der Tierkreis und wie er nach Paris kam
Das berühmte Tierkreis-Relief saß an der Decke der östlichen Osiriskapelle auf dem Tempeldach. Es ist nach den dargestellten Gestirnsständen um 50 v. Chr. entstanden — also spät, und es verbindet ägyptische Dekane mit den aus Mesopotamien über Griechenland gekommenen Tierkreiszeichen.
1821 wurde die Deckenplatte mit Sägen, Meißeln und Sprengpulver aus dem Tempel herausgeschnitten und nach Frankreich gebracht; seit 1922 hängt sie im Louvre. Vor Ort liegt eine Kopie. Der Vorgang war seinerzeit genehmigt — vom osmanischen Gouverneur, nicht von irgendeiner ägyptischen Denkmalbehörde, die es noch nicht gab. Wer heute in Dendera nach oben schaut, sieht die Lücke.
Herrin des Türkis und von Byblos
In den Minen von Serabit el-Chadim auf dem Sinai stiftete man ihr über Jahrhunderte Votivgaben; einer ihrer Titel dort ist „Herrin des Türkis“. Der Betrieb reicht bis ins 3. Jahrtausend zurück und war im Mittleren Reich am intensivsten.
Aus diesem Umfeld stammen die protosinaitischen Inschriften, die frühesten bekannten Zeugnisse alphabetischer Schrift (etwa 1850–1500 v. Chr.). Rund dreißig sind bekannt; die meisten davon sind Felsgraffiti in und um die Minen, nur vier kleine tragbare Objekte fanden sich im Tempelbezirk selbst. Der Zusammenhang mit Hathor ist also örtlich, nicht kultisch: Geschrieben haben sie mutmaßlich semitischsprachige Arbeiter, die die ägyptische Schrift vor Augen hatten und daraus etwas Eigenes machten.
Als „Herrin von Byblos“ ist sie mit der libanesischen Hafenstadt verbunden, aus der Ägypten Zedernholz bezog.
Empfängerin der Toten
In Theben-West tritt Hathor als Kuh aus dem Berg hervor und nimmt den Verstorbenen auf. Die bemalte Hathorkuh-Kapelle aus Deir el-Bahari (heute Kairo) gehört zu den eindrucksvollsten Kultbildern des Neuen Reichs. Als Sykomorengöttin reicht sie Wasser und Nahrung.
Die sieben Hathoren
Bei der Geburt erscheinen sieben Hathoren und sprechen das künftige Schicksal aus — in der Erzählung vom „Verwunschenen Prinzen“ sagen sie dem Neugeborenen seinen Tod durch Krokodil, Schlange oder Hund voraus. Sie funktionieren wie Schicksalsfeen und sind ein gutes Beispiel dafür, wie sich Göttinnen in Gruppen vervielfachen können.
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