Totenreich & OsiriskreisNil, Ernte & FruchtbarkeitKönigtum, Krieg & Schutzgut belegt
Osiris
griechisch Osiris · ägyptisch Wsjr
Der ermordete und wiederbelebte Herrscher des Totenreichs — Ägyptens folgenreichste Göttergestalt und Vorbild für die Auferstehung jedes Verstorbenen.

- Zuständig für
- Totenreich, Wiedergeburt, Vegetation, legitimes Königtum
- Bezeugt
- Pyramidentexte der 5. Dynastie bis ins 6. Jh. n. Chr.
- Kultorte
- Abydos (Umm el-Qaab, Grab des Djer als „Osirisgrab“), Busiris/Djedu im Delta, Philae, Bigga, praktisch jede Nekropole
- Familie
- Vater: Geb
Mutter: Nut
Geschwister: Isis, Seth, Nephthys, Horus der Ältere
Gemahlin: Isis
Sohn: Horus; nach anderer Tradition auch Anubis von Nephthys
Erscheinung
Mumiengestaltig mit grüner oder schwarzer Haut, Atef-Krone mit seitlichen Federn und Widderhörnern, Krummstab (ḥqꜣ) und Wedel (nḫḫ) über der Brust gekreuzt; oft auf dem Thron im Schrein.
Name und Ursprung
Der Name wird mit dem Thron-Zeichen und dem Auge geschrieben. Die daraus abgeleitete Deutung „Sitz des Auges“ ist alt, aber umstritten — ebenso die Lautung: Neben der üblichen Umschrift Wsjr stehen mehrere konkurrierende Vorschläge, und J. Gwyn Griffiths hat der Frage ein ganzes Buch gewidmet, ohne sie zu schließen. Wer eine Übersetzung des Namens liest, sollte wissen, dass sie eine Hypothese ist.
Gesichert belegt ist Osiris erst ab der 5. Dynastie — spät für eine so zentrale Gestalt. Er tritt nicht aus dem Nichts auf, sondern übernimmt zwei ältere Lokalgötter: von Andjeti aus Djedu (Busiris) die Herrscherinsignien Krummstab und Wedel sowie die Federkrone, von Chenti-Amentiu in Abydos den Titel „Vorderster der Westlichen“, der danach ein Osiris-Beiname bleibt. Beide Ortsgötter verschwinden dabei nicht spurlos, sie werden aufgesogen. Das ist der Normalfall ägyptischer Theologie und kein Sonderfall.
Der Mythos
Osiris regiert Ägypten als Kulturbringer, wird von seinem Bruder Seth ermordet und in einen Sarg gesperrt bzw. zerstückelt. Isis und Nephthys suchen die Teile, setzen den Körper zusammen und beleben ihn so weit, dass Isis in Vogelgestalt von ihm empfängt. Osiris kehrt nicht ins Leben zurück, sondern wird König der Unterwelt; sein Sohn Horus erkämpft das Königtum der Lebenden. Der Zusammenhang ist in Ägypten nirgends als geschlossene Erzählung aufgeschrieben — die Ägypter setzten ihn als bekannt voraus und spielten in Ritualtexten nur auf Episoden an. Die einzige durchgehende Fassung stammt von Plutarch (um 100 n. Chr.), rund zweieinhalb Jahrtausende nach den ersten Belegen und bereits griechisch gedeutet. Von ihm stammt auch die berühmte Zahl der 14 Körperteile (De Iside et Osiride 18); ägyptische Quellen nennen sie nicht, dort schwankt die Zahl oder fehlt ganz. Wer „14 Teile“ liest, liest Plutarch, nicht Ägypten.
Eine ägyptische Fassung des Rechtsstreits um die Nachfolge steht dagegen im Papyrus Chester Beatty I: „Der Streit zwischen Horus und Seth“, aufgeschrieben in der 20. Dynastie, erzählt den Prozess vor dem Göttergericht in derb-komischem Ton — ein Beleg dafür, dass Ernst und Spott am selben Stoff nebeneinander bestehen konnten.
Vom Königsgott zur Jenseitshoffnung
Ursprünglich war die Osirisexistenz ein königliches Vorrecht. In den Pyramidentexten wird der tote König mit Osiris gleichgesetzt — Spruch 219 führt das als Auferstehungsritual durch und redet den König als „Osiris Unas“ an. Was dort geschieht, ist keine Metapher: Der König ist Osiris und lebt deshalb weiter.
Im Ersten Zwischenreich und im Mittleren Reich erscheinen dieselben Sprüche dann in den Särgen von Privatleuten, und auch sie heißen „Osiris NN“.
„Demokratisierung des Jenseits“ — ein Begriff, der nicht trägt
Für diese Entwicklung ist der Ausdruck Demokratisierung des Jenseits eingebürgert: Nach dem Zusammenbruch der Zentralmacht hätten Private ein zuvor königliches Vorrecht an sich gezogen.
Diese Deutung gilt heute als widerlegt. Mark Smith hat die Belege zusammengetragen: Schon im Alten Reich wurden für Private „Verklärungen“ rezitiert — Grabszenen zeigen den Vorlesepriester bei genau dieser Handlung, Grabinschriften nennen Verstorbene, die „ihre Sprüche kennen“, und auch der Status als ꜣḫ und eine osirianische Form sind für Nichtkönige bereits im Alten Reich belegt.
Was sich mit den Sargtexten ändert, ist deshalb keine Änderung des Glaubens, sondern der Praxis: Was vorher rezitiert oder auf vergänglichem Papyrus stand, wurde nun in den Sarg geschrieben. Ein dauerhafteres Material für dieselbe Sache.
Aufschlussreich ist auch die Herkunft des Begriffs. Harco Willems hat nachgezeichnet, dass sich die Vorstellung einer jenseitigen Demokratisierung in der Ägyptologie besonders nach dem Ersten Weltkrieg ausbreitete — sie sagt mindestens ebenso viel über die Zeit ihrer Erfinder wie über Ägypten.
Auch Frauen wurden „Osiris NN“. Der Geschlechtsunterschied zum Gott stand dem nicht entgegen — Frauen wie Männer konnten eine osirianische Form erwerben. Die spätere Praxis, verstorbene Frauen stattdessen mit Hathor zu verbinden, ist eine Entwicklung, keine Grundregel.
Für diesen Eintrag hat das eine Folge: Osiris wurde nicht in einer Revolution zum Gott aller. Er war es früher, als die gängige Erzählung behauptet, und die Quellenlage täuscht, weil sie vom Beschreibstoff abhängt.
Wirtschaftlich bleibt die Folge kaum zu überschätzen: Das Bestattungswesen war eines der größten Gewerbe neben der Landwirtschaft.
Grün und schwarz
Die beiden Hautfarben sind Programm: Grün steht für die sprießende Vegetation, Schwarz für den fruchtbaren Nilschlamm — beides Bilder für Leben, das aus scheinbar Totem kommt. Dazu passen die „Kornosirisse“: Leinenformen in Osirisgestalt, gefüllt mit Erde und Gerste, die im Grab auskeimten. Manche Exemplare aus dem Grab Tutanchamuns sind so erhalten, dass die Keimlinge noch zu erkennen sind.
Abydos
Abydos galt als Bestattungsort des Osiriskopfes. Das Grab des frühdynastischen Königs Djer wurde ab dem Mittleren Reich als Osirisgrab verehrt und mit Millionen von Votivgefäßen zugeschüttet — die Fundstelle heißt deshalb Umm el-Qaab, „Mutter der Töpfe“. Wer nicht selbst nach Abydos konnte, ließ dort eine Kenotaph-Stele aufstellen, um am jährlichen Mysterienzug teilzuhaben.
Der wichtigste Bericht darüber ist die Stele des Ichernofret (Berlin 1204). Ichernofret war Schatzmeister unter Sesostris III. und wurde vom König nach Abydos geschickt, um das Fest auszurichten. Seine Ich-Erzählung nennt die einzelnen Handlungen — Ausstattung der Götterbarke, die Prozessionen auf den heiligen Wegen, den Kampf gegen die Feinde des Osiris, die Grablegung und die Rückkehr — und ist damit die ausführlichste erhaltene Beschreibung eines ägyptischen Mysterienspiels.
Was sie nicht sagt, ist ebenso aufschlussreich: Der Text bleibt an den entscheidenden Stellen verhüllt. Was genau im Inneren geschah, gibt Ichernofret nicht preis. Rekonstruktionen des Ablaufs als geschlossenes „Passionsspiel“ füllen diese Lücke mit Vermutungen.
Das Choiak-Fest und der Djed-Pfeiler
Im Monat Choiak wurde das Sterben und die Erneuerung des Osiris landesweit begangen: Kornosirisse wurden hergestellt, die Grablegung nachgestellt, und am Schlusstag richtete der König den Djed-Pfeiler auf — ein Symbol für „Dauer“, gedeutet als Rückgrat des Osiris. Aufrichtung heißt hier: Der Tote steht wieder.
Wie das Ritual im Einzelnen ablief, steht in den Osiriskapellen auf dem Dach des Tempels von Dendera. Sie schreiben Zutaten, Maße und Termine der Kornosirisse so genau vor, dass sich der Vorgang nachvollziehen lässt — allerdings in ptolemäisch-römischer Fassung, also am Ende einer sehr langen Entwicklung.
Der Richter
Mit dem Neuen Reich tritt eine Rolle in den Vordergrund, die in den älteren Texten noch nicht beherrschend ist: Osiris als Vorsitzender des Totengerichts. Totenbuch-Spruch 125 zeigt die Gerichtshalle, in der das Herz des Verstorbenen gegen die Feder der Maat aufgewogen wird, während er vor 42 Richtern das „negative Sündenbekenntnis“ spricht. Osiris sitzt am Ende der Halle und entscheidet.
Damit bekommt die Jenseitshoffnung eine moralische Bedingung. Der Tote wird nicht mehr nur durch Riten zu Osiris, er muss auch bestehen.
Nachleben
Der Kult überdauerte alle politischen Brüche. In hellenistisch-römischer Zeit verbindet sich Osiris mit dem Apisstier zu Serapis, während Isis den Mittelmeerraum erobert.
Als Schlusspunkt gilt gewöhnlich die Schließung des Tempels von Philae auf Anordnung Justinians, ausgeführt vom Feldherrn Narses um 535/537 n. Chr. Die Angabe stammt von Prokop und ist die einzige feste Jahreszahl, die zur Verfügung steht — deshalb steht sie in fast jeder Darstellung.
Belastbar ist sie nur bedingt. Ein Teil der Forschung, ausgeprägt bei Jitse Dijkstra, hält den organisierten Tempelbetrieb schon im 5. Jahrhundert für erloschen und Prokops Bericht für eine Fernbeschreibung aus Konstantinopel; die Tempel wurden jedenfalls nicht niedergerissen. Andererseits gibt es noch für die Zeit um 567 eine Eingabe an den Provinzstatthalter, die auf fortdauernde Aktivität schließen lässt.
Ein sauberes Enddatum der altägyptischen Religion gibt es also nicht — nur ein allmähliches Verlöschen, das eine gut zitierbare Jahreszahl schärfer erscheinen lässt, als der Befund hergibt.
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