nṯrw

Netjeru

Nachschlagewerk zu den Göttern und Mythen des alten Ägypten — 134 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Dämonen & MischwesenTotenreich & OsiriskreisWissen, Schrift & Magiemittelmäßig belegt

Nehebkau

Schlangengott, der „die Kas zusammenfügt“ — ursprünglich gefährlich, später Versorger der Toten und Schutzmacht gegen Gift.

Nḥb-kꜣwUmschrift
Kleine Fayencefigur, stark abgerieben, in Grün- und Brauntönen. Eine Gestalt kniet auf einer Standplatte; ihr Kopf ist der einer Schlange mit langgestreckter Schnauze. Die menschlichen Arme sind angewinkelt erhoben, die Hände treffen sich vor dem Maul und halten etwas empor. Auf der Platte steht in roter Farbe eine Inventarnummer.
Zuständig für
Lebenskraft (Ka), Schutz vor Schlangen, Versorgung der Toten
Bezeugt
Pyramidentexte bis Römerzeit
Kultorte
Herakleopolis, Hermopolis, eigenes Nehebkau-Fest (Termin in der Forschung umstritten)
Familie
Vater: Geb (teils)
Mutter: Renenutet (teils)
Gefährtin: Nehemetawai

Erscheinung

Schlange mit menschlichen Armen und Beinen, oft mit zwei Köpfen an beiden Enden; auch schlangenköpfiger Mann mit Opfergaben.

Vom Feind zum Beschützer

In den Pyramidentexten ist Nehebkau eine Gefahr, die gebannt werden muss. Der wichtigste Beleg steht in einem Schlangenspruch: „Dies ist der Fingernagel des Atum, der auf dem Wirbel im Rückgrat des Nehebkau liegt, der den Aufruhr in Wenu beendete“ (Spruch 229). Der Schöpfergott muss ihn persönlich niederdrücken — und er tut es an einer bestimmten Stelle, dem Rückgrat. Wenu ist Hermopolis, einer seiner Kultorte.

Bereits in den Sargtexten kippt das Bild: Er wird zum Diener des Sonnengottes und zu dem, der dem Toten Nahrung und Lebenskraft zuführt. Solche Umwertungen sind typisch; gefährliche Wesen werden nicht abgeschafft, sondern in Dienst genommen.

Die sieben Uräen — und wo sie stehen

Sein bekanntestes Motiv steht nicht in den Pyramidentexten, sondern in den Sargtexten. Nehebkau verschlingt sieben Uräen, die feuerspeienden Kobras, die den Sonnengott verteidigen (Spruch 85). Spruch 374 sagt, was aus ihnen wurde: Sie sind zu seinen sieben Halswirbeln geworden. Danach kann ihm weder Zauber noch Feuer noch Wasser etwas anhaben.

Die Reihenfolge ist aufschlussreich. Die Wirbel als Sitz seiner Macht kennen schon die älteren Pyramidentexte — genau darauf drückt Atums Fingernagel. Die Erklärung, woher diese Wirbel stammen, liefern erst die jüngeren Sargtexte. Nachgetragen ist also nicht das Motiv, sondern seine Begründung.

Der Name

nḥb kꜣw — die Übersetzung ist nicht einheitlich. Üblich ist „der die Kas anschirrt“ oder „zusammenbindet“: Damit wäre er derjenige, der die Lebenskraft des Toten mit dessen Person wieder verbindet, und das ist die Voraussetzung dafür, dass Fortexistenz überhaupt möglich wird. Allen gibt den Namen in seiner Ausgabe der Pyramidentexte dagegen als „Kas-Assigner“ wieder, also „der die Kas zuteilt“ — eine Verteilerfigur statt einer Verbindungsfigur. Beide Lesungen lassen sich aus nḥb herleiten.

Sein Fest gehörte zu den festen Jahresterminen; der genaue Termin ist unsicher, die Vorschläge reichen von einem Datum kurz nach dem Fest des Erdaufhackens bis zur Königskrönung der Ramessidenzeit.

Ein Wächter, kein Umherziehender

Lucarelli teilt die Wesen, die wir „Dämonen“ nennen, in zwei Klassen: Umherziehende, die zwischen den Welten unterwegs sind und Krankheit, Albträume und Unglück bringen, und Wächter, die an einen Ort gebunden sind und ihn vor Eindringlingen schützen. Nehebkau nennt sie ausdrücklich als Beispiel der zweiten Klasse — der zusammengesetzten Wächterschlangen mit menschlichen Beinen, mehreren Köpfen und Flügeln, die wohlwollend und bösartig zugleich sein können.

Das ist genau der Doppelcharakter, den seine Textgeschichte zeigt, und es löst den scheinbaren Widerspruch auf: Ein Wächter ist gutartig gegenüber dem, der ihn zu nehmen weiß, und tödlich gegenüber jedem anderen.

Dämonen & MischwesenTotenreich & OsiriskreisWissen, Schrift & Magie