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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

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Nefertem

Der Lotos, aus dem am ersten Morgen die Sonne aufstieg — Gott des Duftes und der Verjüngung.

Nfr-tmUmschrift
Stehende Bronzefigur vor grauem Verlauf, frontal aufgenommen und unterhalb der Knie abgebrochen; ein dünner Metallstab stützt sie von unten. Der Mann trägt eine gesträhnte Perücke, die in zwei breiten Strängen über die Schultern fällt, und einen kurzen, fein gemusterten Schurz. Ein Arm ist angewinkelt vor die Brust geführt, der andere hängt herab. Auf dem Kopf sitzt ein hoher Aufsatz: über einem Stirnband mit einer goldfarben eingelegten Zeichengruppe öffnet sich eine gezackte Blüte, aus deren Mitte zwei schmale, hohe Federn aufragen. Zu beiden Seiten der Blüte hängt je ein langes, schmales Band mit verdicktem Ende herab. Die Oberfläche ist hellgrün patiniert, an den erhabenen Stellen bräunlich abgerieben.
Zuständig für
Lotos, Duft und Salbe, Sonnenaufgang, Heilung
Bezeugt
Pyramidentexte bis Römerzeit
Kultorte
Memphis, Buto
Familie
Vater: Ptah
Mutter: Sachmet
Trias: Ptah – Sachmet – Nefertem

Erscheinung

Mann mit einer Lotosblüte auf dem Kopf, oft mit zwei Federn und Menit-Gegengewichten; auch als Kind auf der Lotosblüte; gelegentlich löwenköpfig.

Duft als Theologie

Die Pyramidentexte nennen ihn „Lotosblume an der Nase des Re“. Der Duft der blauen Lotosblüte, die sich morgens öffnet und abends schließt, wird zum Bild für die tägliche Erneuerung. Nefertem ist deshalb auch Gott der Salben und Parfüms — im Alten Ägypten kein Luxusartikel, sondern medizinisch und rituell zentral. Der berühmte Holzkopf des Kindes Tutanchamun, der aus einer Lotosblüte aufsteigt, zeigt den König in dieser Rolle.

Kyphi

Der berühmteste ägyptische Duftstoff heißt bei den Griechen Kyphi — die Wiedergabe des ägyptischen kꜣpt, was schlicht „etwas zu Räucherndes“ bedeutet. Genau das steckt auch im lateinischen per fumum, „durch Rauch“, und damit im Wort Parfüm: Duft war zuerst etwas, das man verbrannte, nicht etwas, das man auftrug.

Die Rezepte sind erhalten, und zwar mehrfach: drei Fassungen auf Tempelwänden — zwei in Edfu, eine auf Philae — sowie eine im Papyrus Ebers. Erwähnt wird Kyphi schon in den Pyramidentexten.

Die Zusammensetzung umfasst rund sechzehn Bestandteile: Harze, Kräuter und Gewürze auf einer Grundlage aus Rosinen. Die Fassung im Papyrus Ebers, also die ältere, kommt mit weniger aus — das Rezept ist im Lauf der Zeit aufwendiger geworden, nicht einfacher.

Kein anderes ägyptisches Erzeugnis hat eine so lange Nachgeschichte. Klassische Autoren zitieren es ausgiebig — Dioskurides, Plutarch (der sich auf Manetho beruft) und Galen, der es gegen Schlangenbisse verschrieb; Plutarch beschreibt dagegen die geistige Wirkung des Einatmens. Noch um 1300 n. Chr. gibt Nikolaos von Alexandria ein Rezept weiter.

Das schärft, was oben steht. Wenn Nefertem der Gott der Salben und Düfte ist, dann ist er zuständig für etwas, das gleichzeitig Kultmittel, Arznei und Handelsware war — und dessen bekanntestes Erzeugnis über zweieinhalb Jahrtausende weitergereicht wurde.

Der „Sohn“, der kein Kindgott ist

Nefertem ist der dritte in der memphitischen Trias — Ptah, Sachmet, Nefertem —, und solche Dreiheiten sind nach dem Muster Vater, Mutter, Sohn gebaut. Die Zuordnung wird deshalb oft weitergedacht: Sohn also Kindgott, wie Harpokrates in Edfu oder Ihi in Dendera.

Diese Gleichung geht nicht auf, und zwar aus zwei nachprüfbaren Gründen.

Erstens fehlt der Name. Kindgötter tragen regelmäßig das Element pꜣ-ẖrd, „das Kind“, im Namen oder als Beiname — bei Harsiese, Horus-nefer und Neper ist es belegt. Für Nefertem ist es nicht bezeugt.

Zweitens fehlen die Attribute. Kindgötter sind an einem festen Zeichenvorrat kenntlich: Nacktheit, Jugendlocke, Finger am Mund. Nefertem trägt nichts davon. Sein Kennzeichen ist die Lotosblüte mit den beiden Federn und den Menit-Gegengewichten — die Insignie eines erwachsenen Gottes.

Die Ägyptologie führt ihn deshalb nicht unter den Kindgöttern. Dass er mit dem Lotos verbunden ist, genügt dafür nicht; der Lotos gehört zum Sonnenaufgang, nicht zur Kindheit.

Für den Tutanchamun-Kopf heißt das: Er zeigt den König als die aus dem Lotos aufsteigende Sonne. Das ist die Bildwelt, in der Nefertem steht — es ist aber nicht dasselbe wie eine Darstellung Nefertems als Kind.

Ein Gott, den man beim Namen anrief

Wie nah er den Menschen war, zeigen die Personennamen. Belegt ist Šd-sw-Nfr-tm — „Nefertem hat ihn gerettet“ oder, als Wunsch gelesen, „Möge Nefertem ihn retten“.

Solche Namen sind eine der wenigen Quellen für gelebte Frömmigkeit außerhalb der Tempel: Wer sein Kind so nennt, erwartet von diesem Gott konkreten Beistand. Bemerkenswert ist dabei die Rolle — nicht Duft, nicht Sonnenaufgang, sondern Rettung.

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