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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Dämonen & MischwesenTotenreich & Osiriskreismittelmäßig belegt

Die 42 Totenrichter

Beisitzer im Gerichtssaal, jeder mit eigenem Namen, eigenem Herkunftsort und einer Sünde, für die er zuständig ist.

Zuständig für
Gerichtsverfahren, Sündenkatalog
Bezeugt
Neues Reich bis Römerzeit
Kultorte
nur als Textreihe im Totenbuch
Familie
Zahl: 42 — vermutlich nach der Zahl der Gaue Ägyptens

Erscheinung

Reihe sitzender Gestalten, oft mit Maatfeder und Messer, teils tierköpfig; in Papyri in zwei Registern.

Die Namen

Sie tragen Namen wie „Der mit weiten Schritten, der aus Heliopolis kommt“, „Feuerumfasser, der aus Cheraha kommt“, „Nasenschnaufer, der aus Hermopolis kommt“, „Knochenbrecher, der aus Herakleopolis kommt“. Jeder Name ist mit einer Anrede verknüpft: „Ich habe kein Unrecht getan“, „Ich habe nicht geraubt“ und so weiter. Die geographische Streuung macht das Gericht zu einer Vertretung des ganzen Landes: Man verantwortet sich vor jedem Gau.

Funktion des Aufzählens

Das Rezitieren der Namen ist selbst schon Schutz — Namenskenntnis bedeutet in ägyptischer Magie Verfügungsgewalt. Der Text ist deshalb nicht nur Bekenntnis, sondern auch Passierschein.

Die wichtigste Quelle für ägyptische Ethik

Was der Tote den 42 Richtern abstreitet, ist kein beliebiger Sündenkatalog. Die Verneinungen zielen auf zwei Bereiche: den gesellschaftlichen Frieden — Diebstahl, Ehebruch, Mord, das Fälschen der Waage — und die kultischen Vorschriften, etwa die rituelle Enthaltsamkeit.

Zusammen mit den Weisheitslehren und den autobiographischen Grabinschriften ist diese Liste damit die Hauptquelle für das, was in Ägypten als richtiges Leben galt. Ein Leben nach diesen Maßstäben war ein Leben nach der Maat.

Bemerkenswert stabil — und trotzdem verlesen

Über mehr als 1500 Jahre hinweg bleibt der Bestand der Verneinungen erstaunlich unverändert; von Handschrift zu Handschrift wechselt vor allem die Reihenfolge. Eine demotische Fassung ist erhalten, die ihr Kolophon auf 63 n. Chr. datiert.

Die Unterschiede, die es gibt, sind aufschlussreich. Zwischen den Redaktionen des Neuen Reichs, der Dritten Zwischenzeit und der Spätzeit lässt sich erkennen, dass Schreiber Wörter und Wendungen beim Kopieren um- oder missdeutet haben. Der Text wurde also nicht nur weitergegeben, sondern beim Weitergeben nicht mehr überall verstanden.

Kommt der Text aus dem Tempel?

Ein Teil der Forschung hält Totenbuchspruch 125 für eine Bearbeitung der Reinheitseide, die Priester bei ihrer Einführung schworen. Zwei solche Eide ähneln der Verneinungsreihe in Aufbau und Inhalt auffällig.

Der Beleg ist aber schwächer, als er zunächst aussieht. Die Eide stehen auf griechischen Papyri römischer Zeit. Dass sie Übersetzungen aus dem Ägyptischen sind, stützt die These — die ägyptische Fassung steht im „Buch vom Tempel“, einem Handbuch über den idealen Tempel. Von diesem Buch gibt es jedoch keine Handschrift vor der Römerzeit. Eine Datierung ins Mittlere Reich ist über die mittelägyptische Grammatik vorgeschlagen worden, aber nicht allgemein anerkannt.

Deshalb lässt sich die Richtung nicht bestimmen. Ebenso gut könnten die Priestereide eine Bearbeitung des Totenbuchspruchs sein. Gesichert ist nur, dass Tempelritual und Totenliteratur hier zusammenhängen — nicht, wer von wem abhängt.

Wurde das Gericht aufgeführt?

Nach Diodor (I 91–93) sei das Totengericht bei der Bestattung am Grab als Schauspiel nachgestellt worden. Manche Forscher haben dafür ägyptische Belege gesucht.

Der Einwand dagegen wiegt schwer: Diodor dürfte entmythologisiert haben, was er über das mythische Totengericht gehört hatte — aus dem Jenseitsverfahren wurde bei ihm eine diesseitige Zeremonie. Wer die Aufführung als Tatsache liest, liest wieder einmal einen Griechen, nicht Ägypten.

Nicht nur im Totenbuch

Das Totengericht steht auch anderswo. Im Pfortenbuch, erstmals im Grab des Haremhab (KV 57), ist die Gerichtshalle des Osiris mit dem nächtlichen Sonnenlauf verknüpft: Der Sonnengott wird dabei selbst gerechtfertigt und gibt dem Toten damit das Vorbild. Dazu kommen Anspielungen in den Weisheitstexten — in der Lehre für Merikare und im demotischen Papyrus Insinger.

Nach dem Neuen Reich wandert die Gerichtsszene über das Totenbuch hinaus: auf Särge, Uschebti-Kästen, Mumienbinden und Leichentücher, in einem Fall sogar als Relief in den kleinen ptolemäischen Tempel von Deir el-Medina.

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