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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Schöpfung & UrzeitNil, Ernte & Fruchtbarkeitmittelmäßig belegt

Tatenen

Der Urhügel in Person: das Land, das sich aus dem Wasser hebt — memphitischer Erd- und Tiefengott.

Tꜣ-ṯnnUmschrift
Bruchstück einer Fayencekachel: auf braunviolettem Grund hebt sich eine Figur in weißem Relief ab. Ein Mann sitzt im Profil nach links, das Knie angezogen, und trägt einen langen Kinnbart und einen breiten Halskragen. Auf dem Kopf sitzt eine hohe Krone aus zwei gerippten Federn mit einer Scheibe zwischen ihnen; darunter schwingen zwei geriffelte Widderhörner waagerecht zu den Seiten aus. Rechts steht ein langes Zepter mit gegabeltem Fuß.
Zuständig für
Urhügel, Erde, Bodenschätze, Fruchtbarkeit des Bodens
Bezeugt
Altes Reich bis Römerzeit
Kultorte
Memphis
Familie
Verschmelzung: Ptah-Tatenen
Nähe: Geb, Sokar, Osiris

Erscheinung

Mann mit Widderhörnern und hoher Federkrone mit Sonnenscheibe, oft grüne oder schwarze Haut (Vegetation und Fruchtschlamm).

Bedeutung

Der Name heißt etwa „das sich erhebende Land“. Tatenen ist damit der konkrete Moment der Schöpfung, an dem erstmals Boden über dem Wasser erscheint — jedes Jahr wiederholt beim Rückgang der Nilflut, wenn die Felder als Inseln aus dem Wasser auftauchen. Er verkörpert außerdem, was in der Erde steckt: Steine, Erze, Pflanzen.

Verhältnis zu Ptah

Ab dem Neuen Reich fast durchgehend als Ptah-Tatenen verbunden. Die Kombination ist logisch: Ptah ist der planende Schöpfer, Tatenen die geschaffene Materie. Ramses II. nennt Ptah-Tatenen wiederholt als seinen göttlichen Vater.

Unter diesem Doppelnamen tritt er auch im Schabaka-Stein auf, dem Hauptzeugnis der memphitischen Lehre: Ptah-Tatenen bringt dort Atum hervor und mit ihm Schu, Tefnut und die ganze heliopolitanische Neunheit — allein durch Denken und Aussprechen. Der Zweck des Textes ist damit ein doppelter: Er setzt Ptah als Schöpfer vor Atum und Memphis vor Heliopolis.

Zu den ersten Schöpfungstaten gehört außerdem das Anheben des Himmels. Daran erinnerte in Memphis ein Ritual am ersten Tag des Monats Phamenoth — die Kosmogonie war also nicht nur Text, sondern Kalendertermin.

Vom Ortsgott zum Anspruchstitel

Der eigentlich bemerkenswerte Vorgang beginnt in ptolemäischer Zeit, und er läuft der Ortsbindung genau zuwider: Ptah-Tatenen wird weit über Memphis hinaus verehrt, als „Vater der Götter und Göttinnen“ und Schöpfer des Kosmos — besonders im thebanischen Raum.

Dort wird Amun ausdrücklich mit Ptah-Tatenen gleichgesetzt und zugleich mit Nun, „dem Großen, der am Anfang entstand“. In dieser Rolle ist er der Erzeuger der acht Urgötter, „die die Erbauer erbauten und die Bildner bildeten“, und damit auch Vater des Sonnengottes. Belegt ist das unter anderem auf dem Torbau des 2. Pylons in Karnak und in mehreren Texten des kleinen Amuntempels von Medinet Habu, alle unter Ptolemaios VIII.

Die sogenannte Chons-Kosmogonie macht es am kürzesten: Amun als Schöpfer ist Ptah-Tatenen, „der das Ei schuf, das aus dem Nun hervorging“. Und in Dendera nimmt der Kindgott Harsomtus dieselbe Rolle ein, gleichgesetzt mit Re und mit Tatenen.

Was daraus folgt: Tatenen ist am Ende weniger eine Gestalt als ein Titel, mit dem verschiedene Theologien den Rang des Urschöpfers für ihre eigene Hauptgottheit beanspruchen. Wer ihn nur als memphitischen Lokalgott führt, beschreibt seinen Anfang, nicht seine Wirkung.

Dass diese Lehre auch außerhalb der Tempel weiterlief, zeigt ein demotischer Traktat auf Papyrus Berlin 13603, der Stücke der memphitischen Theologie in später Zeit weiterträgt.

Schöpfung & UrzeitNil, Ernte & Fruchtbarkeit