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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Ort · Oberägyptenmittelmäßig belegt

El-Moalla bis el-Deir

Ḥfꜣtheute: El-Moalla

Siebzehn Kilometer Ostufer mit wenig Ackerland — und trotzdem ein Machtzentrum. Hier liegt das Grab des Anchtifi, der wichtigsten Stimme der Ersten Zwischenzeit.

Bemalte Wandfläche in einem Felsgrab, größtenteils abgeplatzt. Auf einer unregelmäßig gezackten Insel erhaltenen Putzes steht links eine große Gestalt in dunkelrotem Oberkörper und weiß-rot gestreiftem Schurz, die eine lange, schräg nach rechts unten gerichtete Stange hält. Unter und neben ihr schwimmen mehrere Fische mit deutlich gezeichneten Schuppen; rechts schließt ein grüngraues Dickicht aus hohen Pflanzenstängeln an, darüber und darin kleine Vogelformen. Über der Szene stehen Reste farbiger Hieroglyphenzeilen. Die Farben sind matt — Rotbraun, Blassgrün, Ocker; rundum liegt heller, kahler Putz.

Aus dem Grab des Anchtifi — demselben Raum, an dessen Wänden die ausführlichste regionale Geschichtsquelle der Ersten Zwischenzeit steht.

Zeitraum
Spätprädynastisch bis 6. Jh. n. Chr.
Region
Oberägypten
Gau
3. oberägyptischer Gau
Hauptgottheiten
Hemen von Hefat · Hathor, Herrin von Agny · Buchis (auf der Durchreise)
Bauten
Grab des Anchtifi auf einem freistehenden Kegelhügel · Nekropole von el-Moalla, Altes bis Neues Reich · Pfannengräber-Friedhof der 13.–17. Dynastie · Nekropole von Zurghani · spätrömische Trockenmauersiedlung im Wadi

Kein Ort, sondern eine Strecke

Dieser Eintrag beschreibt keine einzelne Anlage, sondern siebzehn Kilometer Ostufer im 3. oberägyptischen Gau, zwischen el-Moalla im Norden und el-Deir im Süden.

Die Gegend ist landwirtschaftlich schlecht ausgestattet: Die Klippen der Ostwüste treten bis dicht an den Fluss, der Ackerstreifen ist schmal. Trotzdem war sie ein Machtzentrum — was zeigt, dass die Gründe für regionale Macht nicht nur im Boden liegen.

Zwei Dinge machten den Unterschied: Friedhöfe an beiden Enden und ein Wüstenweg. Am Ausgang des Wadi Falaj el-Hunud beginnt eine Straße in die Ostwüste; Keramik entlang der Strecke belegt Nutzung über die gesamte pharaonische Zeit, ein spätprädynastischer Rastplatz sogar davor.

Die Strecke ist bis heute nicht flächendeckend begangen. Die Autorin sagt das selbst — jede Aussage hier ist vorläufig und wird durch weitere Surveys überholt werden.

Wo Hefat lag — und warum man es nicht weiß

Der antike Name Hefat wird üblicherweise mit el-Moalla gleichgesetzt. Der Name bedeutet „Stadt der Schlange“; die Herleitung geht wahrscheinlich auf einen namengebenden Schutzgeist des Ortes zurück.

Der einzige Beleg für diese Gleichsetzung ist ein einzelner Steinblock. Er nennt „Hemen, Herrn von Hefat“, stammt von Nektanebos I. und wurde beim Ausheben eines Kanals rund 600 Meter nördlich des Anchtifi-Grabes gefunden.

Dagegen spricht einiges:

  • Der Block ist mittelgroß (90 × 44 × 28 cm) und leicht zu transportieren.
  • Es gibt in der Gegend keine weiteren Reste aus der Zeit Nektanebos'.
  • Surveys der Nekropole haben keine pharaonischen Siedlungsspuren ergeben.
  • Die Topografie macht eine große Siedlung an dieser Stelle unwahrscheinlich.

Die Ortslisten deuten stattdessen auf einen Platz weiter südlich. Hefat müsste demnach nördlich von Asfun el-Matana liegen, das seinerseits mit dem antiken Hut-Sneferu identifiziert wird.

Für das Nachbarstädtchen Agny gibt es einen ähnlichen Fall mit besserem Ausgang: Ein beschrifteter Grabkegel aus der Nekropole von Zurghani nennt einen „Tempel der Hathor, Herrin von Agny“ — der Fund gibt der Ortsangabe einen festen Punkt.

Das ist die eigentliche Lehre dieses Eintrags. Eine Ortsgleichsetzung, die in Handbüchern als gesichert erscheint, hängt hier an einem transportablen Block. Wer sie weitergibt, sollte wissen, worauf sie steht.

Anchtifi

Im nördlichen Teil der Nekropole steht ein freistehender Kegelhügel mit den Gräbern des Gaufürsten Anchtifi, eines Sobekhotep und weiterer Bestattungen der Ersten Zwischenzeit.

Anchtifis Autobiographie ist die ausführlichste regionale Geschichtsquelle der Ersten Zwischenzeit überhaupt. Sie schildert militärische und humanitäre Unternehmungen vom 1. bis zum 4. oberägyptischen Gau.

Was daraus hervorgeht:

  • Er annektierte den 2. Gau und stellte das als Rettung vor der unfähigen Herrschaft des „Hauses des Chuu“ dar. Danach führte er den Titel „Gaufürst des 2. und 3. Gaues“.
  • Bei den Festungen von Armant suchte sein Heer die Schlacht — das vereinigte Heer von Theben und Koptos ließ sich nicht darauf ein. Der Text hält den ausbleibenden Kampf ausdrücklich fest.
  • Ein weiterer, bruchstückhafter Abschnitt nennt einen Angriff gemeinsam mit Truppen aus Edfu.
  • Seine Getreideverteilung reichte von Wawat (Unternubien) im Süden bis in den Gau von Abydos im Norden.

Dass Getreide auch in die andere Richtung floss, zeigt die Stele des Ity aus dem 4. Gau, die Lieferungen unter anderem nach Hefat nennt — möglicherweise die Gegenleistung für Anchtifis militärische Hilfe.

Warum sein Grab am falschen Ende liegt

Anchtifis Grab steht an der Nordgrenze seines Gaues, nicht bei seinem Regierungssitz. Wenn Hefat einige Kilometer weiter südlich lag, ist das erklärungsbedürftig.

Es gibt eine Parallele im 5. Gau: User und Tjauti, zwei aufeinanderfolgende Gaufürsten derselben Zeit, hatten denselben Gegner wie Anchtifi — die Fürsten des 4. Gaues. Ihre Hauptstadt war Koptos, ihre Scheintüren fanden sich aber weit südlich in Chozam, direkt an der Grenze zum Feindgau und gegenüber dem Aufstieg der Alamat-Tal-Straße.

Ein Grab an der Grenze ist eine Ansage. Wer sich dort bestatten lässt, markiert den Anspruch mit dem eigenen Leichnam — und in beiden Fällen zusätzlich an einem Wüstenweg.

Die unerwartete Folge

Anchtifi kämpfte gegen Theben. Seine Verwaltung dürfte den thebanischen Erfolg trotzdem erleichtert haben.

Die Zusammenfassung der südlichsten Gaue unter einer funktionierenden Verwaltung schuf eine Region, die sich nach der militärischen Niederlage als Ganzes übernehmen ließ. Die 11. Dynastie musste keine Verwaltung aufbauen, sondern nur einsetzen — und die Wirtschaftskraft dieses Gebiets trug die Wiedervereinigung Ägyptens mit.

Mit der 12. Dynastie sinkt el-Moalla wieder zum lokalen Zentrum ab; Hauptstadt des Gaues ist spätestens seit Mentuhotep II. Necheb (Elkab).

Was die Gräber über Geld verraten

Die Nekropole von el-Moalla wurde vom Alten Reich bis ins Neue Reich benutzt. Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist an der Bauform ablesbar, und zwar außerhalb der Gräber:

  • Elitegräber haben zusätzliche Bauten davor — Opferkapellen und Aufwege.
  • Ärmere Gräber haben nichts dergleichen. Stattdessen finden sich billige keramische Opferplatten, verwandt mit den bekannteren „Seelenhäusern“, dazu kleine, teils handgeformte Gefäße.

Wer sich keine Kapelle leisten konnte, stellte den Kult in Ton hin. Beides steht draußen vor dem Grab, beides dient demselben Zweck; nur das Material und die Dauerhaftigkeit unterscheiden sich.

Die Pfannengräber

Auf einem niedrigen Bergsporn liegt ein Friedhof mit Pfannengräbern — mindestens zwei Dutzend Bestattungen von Erwachsenen und Kindern, mit polierten und verzierten Schalen und Lederzeug. Die begleitende ägyptische Keramik datiert ihn zwischen die späte 13. und die späte 17. Dynastie.

Diese Grabform gehört zu einer nubischen Bevölkerungsgruppe, die in ägyptischen Quellen als Medjay erscheint. Die Deutung liegt nahe: Es handelt sich wahrscheinlich um den Friedhof von Hilfstruppen, die an der Südgrenze des thebanischen Machtbereichs und an den Wüstenwegen Dienst taten.

Vergleichbare Friedhöfe gibt es in el-Deir, Esna, Elkab und Hierakonpolis.

Ein Hyksos-Befund, der zurückgenommen wurde

Zwei Blöcke aus dem nahen Gebelein tragen die Kartuschen der Hyksosherrscher Chajan und Apepi. Lange galten sie als Beleg für einen von den Hyksos gehaltenen Vorposten hier im Süden.

Diese Deutung ist aufgegeben. Die Steine sind klein, und sonstiges Material der 15. Dynastie fehlt in der Gegend vollständig; sie wurden also verschleppt — als thebanische Kriegsbeute oder bei einer späteren Abbruch- und Wiederverwendungsaktion. Damit verschwindet jeder Hinweis auf eine Hyksos-Militärzone im 3. Gau.

Der Kontrast zu Tell Edfu ist lehrreich. Dort liegen Siegel desselben Chajan in einer gesicherten Grabungsschicht und korrigieren die Chronologie. Hier liegen beschriftete Blöcke ohne Zusammenhang herum und beweisen gar nichts. Derselbe Königsname, zwei völlig verschiedene Beweiswerte — der Unterschied ist nicht der Fund, sondern der Fundzusammenhang.

Hemen

Der örtliche Gott ist Hemen, falkenköpfig und eine Erscheinungsform des Horus, mit Kultzentren in Hefat und Hut-Sneferu.

Anchtifis Grab zeigt an der Westwand eine Nilpferdjagd und weitere Riten, die zur „Fahrt des Hemen“ gehörten. Eine Statue Sobekhoteps IV. nennt den König „geliebt von Hemen in Hut-Sneferu von Hefat“ — die enge Bindung der beiden Städte ist theologisch ausgesprochen.

Noch in der 25. Dynastie wurde für Hemen, Herrn von Hefat, eine Stele im sechsten Regierungsjahr Taharqas aufgestellt, die eine besonders reiche Überschwemmung feiert.

Ein Stier reist durch den Gau

Die anschaulichste Beschreibung der Kultlandschaft steht auf Bucheum-Stele 9 aus der Zeit Ptolemaios' VI. und ist die Reiseroute eines Buchis-Stiers.

Er wurde nördlich von el-Moalla geboren. Als neu erkannte Erscheinungsform des Month zog er nach Süden nach Hefat, setzte über ans andere Ufer nach Hut-Sneferu und weiter zum großen Heiligtum von Esna. Von dort ging es in den 4. Gau nach Armant und nach Theben; nach einem Besuch des Königs bezog er schließlich in Armant seinen dauerhaften Sitz.

Die Route ist keine Reise, sondern eine Aufzählung. Sie nennt der Reihe nach die Kulte, denen der Stier seine Aufwartung machen musste — und ist damit die klarste Auskunft darüber, welche Heiligtümer dieser Landstrich hatte und in welcher Rangfolge sie standen.

Ganz zum Schluss: Rom

In einem Wadi über el-Moalla liegen mehrere Gruppen von Trockenmauerbauten — von einräumigen Tierpferchen und Speichern bis zu mehrräumigen Anlagen, häufig um große Felsblöcke herumgebaut, die dann Teil der Mauer sind.

Die Keramik — Amphoren, feines Tafelgeschirr, Kochtöpfe — datiert die Hauptnutzung ins 5. und 6. Jahrhundert n. Chr. Vergleichbares kennt man aus Bergbausiedlungen der Ostwüste.

Am Ende steht wieder der Weg, der am Anfang stand: Was diese Gegend über Jahrtausende brauchbar machte, war nicht ihr Ackerland, sondern ihre Lage an der Straße in die Wüste.