Ort · Unterägyptenmittelmäßig belegt
Buto (Tell el-Farain)
Pr-WꜣḏtButoheute: Tell el-Farain
Der Kultort der Wadjet im Nordwestdelta — berühmt für seine Frühzeit, ausgegraben aber vor allem für das, was danach kam: Töpferstadt, Bäderstadt, Speicherstadt.

- Zeitraum
- Prädynastisch bis frühislamische Zeit
- Region
- Unterägypten
- Gau
- Metropole des Gaus Phthenetos (Kaiserzeit)
- Hauptgottheiten
- Wadjet
- Bauten
- Drei Hügel (Kôm A, B, C), zusammen rund 1 km² · Heiligtum der Wadjet auf Kôm B mit mächtiger Lehmziegel-Umfassung · Ptolemäisches Wohnviertel im Nordosten von Kôm A (Sektor P5) · Griechisches Bad, später römische Thermen (Sektor P10) · Töpferwerkstätten der Kaiserzeit · Speicherbau von rund 150 m² auf Kôm A (Sektor P18, 2. Jh. n. Chr.) · Ptolemäisches Kastell auf Kôm el-Dahab
Wovon dieser Eintrag handelt — und wovon nicht
Buto ist bekannt für seine Frühzeit. Was das Deutsche Archäologische Institut seit 1983 dort freigelegt hat, betrifft die prä- und protodynastische Zeit; dazu kommt die Bedeutung des Ortes in der Dritten Zwischenzeit und in der Saitenzeit, als er im Umkreis von Sais lag.
Dieser Eintrag handelt vom Gegenteil. Die späte Geschichte des Ortes — von der Ptolemäerzeit bis in die islamische Zeit — galt 2011 noch als „noch zu schreiben“; genau sie ist seit 2001 das Ziel der französischen Mission, die gemeinsam mit dem DAI Kairo arbeitet. Was hier steht, stammt aus zwei Grabungsberichten dieser Mission. Die berühmte Frühzeit Butos kommt darin nicht vor — wer sie sucht, findet sie hier nicht.
Drei Hügel
Der Ort liegt im Nordwestdelta. Seine Topografie bestimmen drei Kôms, die Fairman mit A, B und C benannt hat; zusammen bedecken sie heute rund einen Quadratkilometer.
Die Aufteilung ist klar: Kôm A und Kôm C tragen Wohnviertel und Produktionsstätten, Kôm B das Heiligtum der Wadjet — schon von weitem an seiner mächtigen Umfassungsmauer aus Lehmziegeln zu erkennen. Auf Kôm el-Dahab stand ein ptolemäisches Kastell.
Das Heiligtum — und Herodots Leto
Das Hauptheiligtum, das die Egypt Exploration Society in den sechziger Jahren untersucht hat, ist wohl dasselbe, das Herodot als Heiligtum der Leto beschreibt. Die griechische Überlieferung deutet Wadjet als Leto; der Ortsname bewahrt dagegen den ihren, denn Buto geht auf Pr-Wꜣḏt, „Haus der Wadjet“, zurück.
Der Kult trug sich noch in ptolemäischer Zeit selbst. Die Satrapenstele erneuert 311 v. Chr. — Ptolemaios war damals noch Satrap, nicht König — die Privilegien, die „den Göttern und dem Klerus von Buto“ die Verfügung über das umliegende Land sichern. Auch sonst zeigen die frühen Ptolemäer Interesse am Heiligtum.
Ein Wohnviertel, dem man die Griechen nicht ansieht
Im Nordosten von Kôm A liegt ein ptolemäisches Wohnviertel (Sektor P5), gegründet um die Wende vom 4. zum 3. Jahrhundert v. Chr. und bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. zu verfolgen. Es ist durch Straßen unterschiedlicher Breite gegliedert.
Bemerkenswert ist, was dort fehlt. Gebaut wurde in Kastenbauweise, vermutlich mit mindestens zwei Geschossen — ein einheimisches Modell, fest in der Stadtbaukunst der Spätzeit verwurzelt und ohne jede Spur von Hellenisierung. Die politische Zeitenwende ist an den Häusern nicht abzulesen.
Anders bei den Bädern: Im Nordosten stand ein griechisches Bad, das später zu römischen Thermen ausgebaut wurde (Sektor P10); die erste Tholos dürfte aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. stammen. Spätestens von da an bestehen Wohnviertel und Bad nebeneinander. Vier solcher Badeanlagen sind in Buto inzwischen bekannt.
Welchen Rang hatte die Stadt?
Unter den ptolemäischen Gaumetropolen steht Buto nicht — und das ist eine offene Frage, keine Nebensächlichkeit. Dagegen stehen die Funde: Keramik und Fayence von Qualität, importierte Amphoren als Zeugen des Fernhandels, dazu Werkstätten, die am Ende der Ptolemäerzeit feine schwarze Ware in großen Mengen für den Verkauf außerhalb Butos herstellten. Der Boutische Kanal, dessen Verlauf südlich der Stadt vermutet wird, dürfte dazu beigetragen haben.
Die Ausgräber wägen ab, ob der Ort einer Gaumetropole gleichzusetzen sei oder eher den „sekundären Agglomerationen“ des Westens entspreche — was eine starke wirtschaftliche und kultische Stellung nicht ausschließt. In der Kaiserzeit ist die Frage entschieden: Buto ist dann Metropole des Gaus Phthenetos und eine Station der kaiserlichen Post, verzeichnet auf der Tabula Peutingeriana.
Töpferstadt — Parfümflaschen bis in die Ostwüste
In hellenistischer und römischer Zeit wird Buto zu einem der großen Keramikzentren Ägyptens. Die Brennöfen arbeiten mit Tubuli und einem ausgeklügelten Belüftungssystem; das Können entspricht dem des römischen Westens.
Aufschlussreich ist das Formenspektrum. Ein hoher Anteil der Ware sind Flakons für Salben und Parfüm. Da Buto nicht weit von Mendes liegt, vermuten die Ausgräber, der Ort habe die Behälter für die dortige Parfümherstellung geliefert. Wie weit die Flaschen gelangten, zeigt ein Fundort weit außerhalb des Deltas: die Ostwüste, nachgewiesen in Mons Claudianus.
Zur nördlichen Kôm-A-Fläche gehört ein Befund, der die Ausgräber selbst stört: Es gibt die Produktion, aber keinen zugehörigen Wohnbefund. Ob die Wohnschichten der Erosion zum Opfer fielen oder die Siedlung sich in den Süden von Kôm A zurückzog, ist offen.
Der Speicherbau auf Kôm A
2016 kam auf der Kuppe von Kôm A ein Bau zutage, der bis 2018 großflächig freigelegt wurde (Sektor P18) — ein Speicher- und Verarbeitungsgebäude der Kaiserzeit, wie es im Delta für die griechisch-römische Zeit kaum belegt ist. Die Ausgräber sprechen von einem thesauros beziehungsweise ergasterion.
Der Bau des 2. Jahrhunderts n. Chr. bedeckt rund 150 m². Die Außenmauern sind etwa 90 cm stark, die Trennwände 60 cm. Neun Räume gruppieren sich in U-Form um einen Hof: vier im Ostflügel, je zwei im Nord- und Westflügel. Fünf der östlichen messen rund 13 m² (3,55 × 3,7 m), zwei westliche sind mit 20 m² (4 × 5 m) deutlich größer — ob das verschiedene Funktionen bedeutet, ist offen.
Die Bauweise verrät den Zweck. Die Böden bestehen aus Lehmziegeln im Fischgrätmuster, sorgfältig verlegt. Man betritt die Räume über kleine dreistufige Treppen, sie liegen also halb eingetieft und bleiben dadurch kühl. Von den Türen hat sich in der Mauer noch ein waagerechter Holzstift als Angel erhalten, dazu ein zweiter, senkrechter, der die Tür offen hielt — gelüftet wurde absichtlich, damit das Getreide nicht gärt.
Behälter fanden sich in den Räumen keine; das Korn lag wohl unmittelbar auf dem Boden oder in vergangenem Material. Im Hof aber steckte ein Silo im Fußboden: eine importierte Amphore mit abgeschlagenem Hals, deren Öffnung ein Kranz gebrannter, vermörtelter Ziegel einfasst. Sie war mit Weizen gefüllt, vermischt mit Asche.
Gelagert wurde nicht nur. In Raum 10 lag ein Stößel aus Basalt, und das Öl von Rizinussamen hatte den Boden stellenweise durchtränkt.
Was den Weizen erhalten hat — und warum das erklärungsbedürftig ist
Der Bau wurde nach einem Brand aufgegeben; Böden und Wände tragen die Spuren. Genau deshalb ist das Korn da: Verkohlt hält es sich.
Die archäobotanische Auswertung ergab fast ausschließlich Emmer (Triticum dicoccum) — eine Probe enthielt allein 3.300 ganze, gereinigte Körner, eine andere rund 1.000 Ährchengabeln. Dazu kommen zwei Proben Rizinussamen (277 und 44 Stück). Rizinus ist in ägyptischen Grabungen nur gelegentlich belegt, am frühesten im neolithischen Maadi; er diente der Ölgewinnung, wohl mit den Mahlsteinen, die rings um die Fundstelle aufgelesen wurden.
Der Brand selbst ist der ungelöste Punkt, und die Bearbeiterin sagt das ausdrücklich. Ein Speicher mit sauberem Korn brennt selten ab — dafür ist der Inhalt zu wertvoll. Absichtlich angezündet wird ein Lager, wenn es von Schädlingen befallen ist; im Krieg brennen es Feinde nieder. Für Schädlingsbefall ist das Butoer Getreide zu gut erhalten, das schließen die Bearbeiter vorerst aus. Ob sich das Korn selbst entzündet hat, lässt sich derzeit nicht sagen — dazu fehlt die Forschung.
Ein Transportzettel
Am Rand des Speicherbaus lag ein dreieckiger Scherben mit griechischer Kursive in roter Tinte, Ende 2. bis Anfang 3. Jahrhundert. Er notiert eine Lieferung:
Dritter Transport. Paësis, Esel: 2, Amphoren: 8.
Also vier Amphoren je Tier. Das Aufschlussreiche ist das Schreibgerät. Rote Tinte und ein Pinsel statt des sonst üblichen Schreibrohrs sind das Handwerkszeug dessen, der Aufschriften auf Amphoren anbringt. Wer diesen Zettel schrieb, benutzte dafür, was er ohnehin in der Hand hatte — das Stück ist an einem Ort der Weinproduktion entstanden, wo Amphoren gefüllt und von dort verschickt wurden.
Wie der Ort endet — und ein Widerspruch
Vom späten 2. bis ins 4. Jahrhundert lässt sich Besiedlung im Norden des Geländes nachweisen; ein Töpferofen wurde zum Kalkofen umgebaut. Für die spätrömische und frühbyzantinische Zeit sprechen die Oberflächenbefunde für ein Weiterleben, die Grabungsbelege sind aber dünn. Sicher ist etwas anderes: Im 5. und 6. Jahrhundert ist Buto Bischofssitz.
Am Schluss steht ein offener Widerspruch. Arabische Autoren kennen den Ort noch im Mittelalter — die Archäologie zeigt für diese Zeit keine Siedlung mehr. Was sich fassen lässt, sind Kalkbrenner in der Senke zwischen Kôm A und Kôm C, nach der Keramik frühislamisch. Als Wohnort war Buto da aufgegeben; man kam nur noch, um den Kalkstein zu holen, der noch zu erreichen war, und ihn zu brennen.