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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Ort · Oberägyptengut belegt

Luxortempel

Jpt-rsjtheute: Luxor

Das Ziel der Opetprozession — ein Tempel, der weniger dem Wohnen eines Gottes diente als der jährlichen Erneuerung des Königtums.

Blick über einen offenen Tempelhof im warmen Abendlicht. In der Bildmitte ragen zwei hohe, oben abgebrochene Säulen mit Kelchkapitellen auf; rechts steht eine dichte Reihe weiterer Säulen, deren Kapitelle noch Architrave tragen. Dazwischen und im Hintergrund liegen niedrige Mauerreste und Blockreihen. Über die Ruinen hinweg sind ein Minarett und Palmen zu sehen, darüber ein wolkenloser Himmel. Auf dem gepflasterten Boden stehen und sitzen einzelne Besucher, die den Maßstab der Anlage erkennbar machen. Der Stein ist warm goldgelb beleuchtet, die Schatten fallen lang.
Zeitraum
Bauten seit Hatschepsut; Fest bis in die Römerzeit
Region
Oberägypten
Gau
4. oberägyptischer Gau (Theben)
Hauptgottheiten
Amun von Luxor · Mut · Chons
Bauten
Kolonnadenhalle (Amenophis III., dekoriert unter Tutanchamun) · Barkensanktuar als Säulensaal · Rückwärtige Räume mit dem Programm des königlichen Ka · Ramessidischer Hof mit Barkenschrein Ramses’ II. · Sphingenallee Nektanebos’ I. nach Karnak

Der Name führt in die Irre

Ägyptisch heißt der Tempel Jpt-rsjt, „das südliche Ipet“. Die naheliegende Erklärung — südlich von Karnak — ist vermutlich falsch. Das „südliche“ bezieht sich wohl auf ein älteres, heliopolitanisches Ipet, dessen oberägyptisches Gegenstück der Luxortempel wäre. Dafür spricht, dass im Tempel heliopolitanische Ortsnamen auftauchen, die einzelne Teile oder Aspekte des Baus selbst bezeichnen.

Der Name des Opetfestes (Ḥb Jpt) hängt daran, und das Fest gab wiederum dem Monat Paophi seinen Namen — dem zweiten Monat der Achet-Jahreszeit.

Wozu der Tempel da war

Der Luxortempel ist kein gewöhnlicher Gotteshaushalt. Sein Zweck erschließt sich aus dem Fest, für das er das Ziel war.

Das Opetfest feierte die heilige Hochzeit von Amun und Mut. Ergebnis dieser Verbindung war die Erneuerung des Amun in der Person des regierenden Königs — und damit die Weitergabe des königlichen Ka, der Kraft, die das Königtum trägt. Unter Amenophis III. verschwimmt in den rückwärtigen Räumen des Tempels planmäßig die Grenze zwischen der Person des Königs und dem Ka-Wesen des Königtums.

Das ist die verbreitete Deutung, aber keine unbestrittene — Helmut Waitkus hat ihr ausführlich widersprochen. Sicher ist der Befund, nicht seine Auslegung.

Wie ernst der Zusammenhang mit dem Königtum war, zeigt ein Einzelfall: Haremhab ließ sich zur Zeit des Opetfestes krönen. Ein Fest der jährlichen Erneuerung konnte die Krönung bestätigen — oder sie gleich vollziehen.

Die Prozession und was sich an ihr ändert

Die Barke des Amun kam aus Karnak, und wie sie kam, hat sich mehrfach geändert:

  • Unter Hatschepsut — dem frühesten Beleg für das Fest überhaupt — ging der Hinweg über Land, mit Halt an sechs Barkenstationen; zurück fuhr man auf dem Wasser, die Flussbarke von der Königsbarke geschleppt. Nur Amuns Barke ist bezeugt.
  • Unter Tutanchamun fahren beide Wege auf dem Nil, begleitet von Zügen, die an Land mithalten. Jetzt sind vier Barken unterwegs: Amun, Mut, Chons und der König.
  • Die Dauer wuchs. Unter Thutmosis III. begann das Fest am 15. II. Achet und dauerte elf Tage; zu Beginn der Regierung Ramses’ III. sind es 24 Tage, gegen deren Ende vielleicht 27.

In Tutanchamuns Szenen fahren außerdem zwei leere Königswagen mit. Sie stammen aus der täglichen Wagenfahrt des Königspaares in Amarna und sind von dort ins Opetfest übernommen worden — ein Stück Amarna, das die Restauration nicht abgeschafft, sondern eingebaut hat.

Das auffälligste Detail

Die Barke des Königs verlässt Karnak und kehrt dorthin zurück — im Luxortempel selbst erscheint sie in Tutanchamuns Szenen nicht. Die naheliegende Erklärung: Auf dem Weg hinein ist der König mit Amun verschmolzen. Eine eigene Königsbarke wäre damit gegenstandslos geworden.

Amun von Luxor ist nicht Amun von Karnak

Die in Luxor verehrte Gestalt trägt eigene Züge: widderköpfig und ithyphallisch, eine Fruchtbarkeitsgestalt mit Bezügen zu Nubien und zur Nilflut. Das passt zum südlichen Punkt des thebanischen Festkreises und zur Widdergestalt des vergöttlichten Königs in Nubien.

Ein Lied auf der Roten Kapelle der Hatschepsut nennt den ithyphallischen Amun mit Doppelfeder und erhobenem Arm. Ein anderes, verwandtes beschreibt den Tempel von Karnak als Frau, die berauscht und in hathorischer Frisur mit Bettzeug auf die Ankunft des Gottes wartet. Ob dieses Lied zum Opetfest gehört, ist nicht gesichert.

Die Quellenlage ist ungleich verteilt

Kein Text erklärt ausdrücklich, was das Fest bedeutet. Die Belege sind überwiegend Bilder, und die meisten stehen in Karnak, nicht in Luxor — von der Roten Kapelle über den dritten Pylon bis zu Ramses II. und Herihor.

Die Ausnahme ist die entscheidende: die Kolonnadenhalle des Luxortempels mit Tutanchamuns Szenen. Sie liefern nicht nur den vollständigsten Ablauf, sondern als einzige die Texte der Lieder, die Priester und Priesterinnen bei den Fahrten sangen. Die Lieder sind offenbar alt — die Rezitation für die Barke im dritten Lied steht schon im Grab des Mereruka in Sakkara, 6. Dynastie.

Ein Hinweis auf die Vorsicht beim Datieren: Ein Teil dieser Szenen wurde unter Sethos I. ausgeführt, geht aber auf einen Entwurf aus Tutanchamuns Zeit zurück. Wer nach dem Namen des Bauherrn datiert, datiert hier den Meißel, nicht die Erfindung.

Alter und Ausbau

Die ältesten erhaltenen Bauten der 18. Dynastie in Luxor stammen von Hatschepsut. Ein höheres Alter ist zu erwarten, aber nicht belegt: Eine Plattform im Bereich des neunten Pylons von Karnak könnte in die Zeit Sesostris’ I. gehören und würde einen Prozessionsweg nach Süden schon im Mittleren Reich bezeugen.

Die Gestalt, die wir kennen, ist die Amenophis’ III. Er hat Prozession und Zielbau zusammen geformt — Kolonnadenhalle und ein aufwendiges Barkensanktuar in Form eines Säulensaals.

Später ließ Nektanebos I. den Weg zwischen Karnak und Luxor herrichten. Der Text auf einer seiner Sphingen nennt den Zweck: damit der Gott „seine gute Fahrt in Luxor“ vollziehe. Bemerkenswert daran ist das Wort Fahrt — es meint dasselbe, ob die tragbare Barke auf dem Deck eines Flussschiffs steht oder auf den Schultern von Priestern.

Das Fest lief bis in die Römerzeit weiter; Nachklänge werden in koptischen und islamischen Feiern vermutet.