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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

HintergrundTotenreich & Osiriskreisgut belegt

Ka, Ba, Ach, Name und Schatten

kꜣ · bꜣ · ꜣḫ · rn · šwt

Der Mensch bestand für die Ägypter aus mehreren Bestandteilen, die im Tod verschiedene Wege gehen.

Flache Schale aus grüngrauem Stein, schräg von oben aufgenommen. In der Mitte liegt eine runde Vertiefung. Aus ihr wachsen nach zwei Seiten flache, langgestreckte Fortsätze, die in ausgearbeiteten Händen mit erkennbaren Fingern enden — die Schale hat die Form zweier erhobener Arme. Die Ränder sind unregelmäßig und teils bestoßen.
Bestandteile
Leib (ḏt/ẖꜣt) · Ka · Ba · Ach · Name · Schatten · Herz (jb/ḥꜣtj)

Darstellung

Ka als zwei erhobene Arme; Ba als Vogel mit Menschenkopf; Ach als Schopfibis.

Zeitraum
Altes Reich bis Römerzeit
Themenfelder
Anthropologie · Totenglaube
Orte
Grab- und Totenkult

Der Rahmen: körperliches und soziales Selbst

Bevor die einzelnen Bestandteile Sinn ergeben, lohnt der Blick auf den Rahmen — und der erste Schritt ist eine Verneinung. Die ägyptische Vorstellung vom Menschen war im Kern monistisch. Eine Trennung in vergänglichen Leib und unsterbliche Seele gab es nicht; die Aufteilung, die europäische Leser mitbringen, ist nicht die ägyptische.

Stattdessen lassen sich zwei Achsen unterscheiden, die Jan Assmann herausgearbeitet hat: ein körperliches und ein soziales Selbst. Beide beruhen auf demselben Prinzip, der „Konnektivität“. Wie die einzelnen Glieder nur als Teile eines geordneten Ganzen arbeiten, so kann auch der Einzelne nur als Glied einer geordneten Gesellschaft handeln.

Der Tod zerstört beides auf einmal. Er trennt die Teile des Körpers voneinander und schneidet den Toten zugleich aus dem Kreis derer heraus, zu denen er gehörte — eine doppelte Zergliederung, eine körperliche und eine soziale.

Daraus folgt der Aufbau der Riten, und zwar zwingend: Die Mumifizierung stellt das körperliche Selbst wieder her, die Rechtfertigung vor dem Totengericht das soziale. Erst beides zusammen ergibt einen handlungsfähigen Toten. Deshalb ist die Rechtfertigung mit gutem Grund als „moralische Mumifizierung“ beschrieben worden — und umgekehrt die Einbalsamierung als körperliche Rechtfertigung.

Ein Vorbehalt gehört dazu. Die Zweiteilung ist ein modernes Deutungsangebot, keine ägyptische Kategorie; so formuliert hat sie kein ägyptischer Text. Sie steht hier, weil sie den Aufbau der Riten erklärt — als Ordnung über dem Befund, nicht als Teil davon.

Der Körper — und dass es dafür mehrere Wörter gibt

Weil die ägyptische Vorstellung monistisch ist, ist der Körper kein Gegenstück zu den übrigen Bestandteilen, sondern einer von ihnen. Das Ägyptische unterscheidet dabei genauer als das Deutsche:

  • ḏt und ḥꜥw — der Leib des Lebenden. ḥꜥw kann darüber hinaus so etwas wie „das Selbst“ meinen.
  • ẖꜣt — der Leichnam.
  • sꜥḥ — die Mumie, also der gewickelte, hergerichtete Körper.

Was ḏt genau bezeichnet, ist umstritten, und der Streit lohnt sich, weil an ihm hängt, wie körperlich man sich das ewige Weiterleben vorstellte. Der ḏt-Leib überdauert den physischen Körper, ist aber zugleich von Leichnam und Mumie unterschieden. Jan Assmann liest ihn als körperliche Form; James Walker hat dagegen argumentiert, ḏt sei eine ewige, transzendente Gestalt und gerade nicht der menschliche Körper. Eine Entscheidung ist nicht in Sicht.

Leichnam und Ba sind ein Gegensatzpaar

In den Totentexten stehen ẖꜣt und Ba einander gegenüber, und zwar räumlich. Der Papyrus Leiden T 32 sagt es in einem Satz: Der Ba lebt im Himmel bei Re, der Leichnam dauert in der Unterwelt bei Osiris.

Das ist keine Zweiteilung in Leib und Seele, sondern eine Arbeitsteilung zwischen zwei Orten. Beide Teile bleiben nötig; keiner ist der eigentliche Mensch.

Mehr Bestandteile, als die Liste nennt

Neben Ka, Ba, Ach, Name, Schatten und Herz gehören noch drei weitere dazu, die in Aufzählungen oft fehlen: das Schicksal (šꜣw, šꜣj), die Lebenszeit (ꜥḥꜥw) und die eigene Magie (ḥkꜣw). Dass die persönliche Zauberkraft als Bestandteil der Person zählt und nicht als Fertigkeit, sagt einiges über den Stellenwert der Magie.

Ka

Die Lebenskraft, zugleich das, was einen Menschen mit seinen Vorfahren verbindet. Der Ka wird bei der Geburt von Chnum mitgeformt. Er braucht nach dem Tod Nahrung — daher die Opferformel „ein Opfer, das der König gibt … für den Ka des NN“ und die Scheintür im Grab, an der Speisen niedergelegt wurden. „Zu seinem Ka gehen“ heißt sterben.

Ba

Am ehesten die Beweglichkeit und individuelle Erscheinung einer Person; dargestellt als Vogel mit Menschenkopf, der das Grab verlassen und tagsüber umherfliegen kann. Der Ba muss nachts zur Mumie zurückkehren — deshalb die Ba-Schächte in Gräbern.

„Seele“ ist eine schiefe Übersetzung

Von allen Bestandteilen wird der Ba am hartnäckigsten mit „Seele“ wiedergegeben, und die Gleichsetzung hat eine nachweisbare Herkunft: In der Spätantike begann man, das griechische psyche für ägyptisch bꜣ zu benutzen. Sie ist trotzdem ungenau, denn der Ba konnte auch körperliche Züge haben — er isst, trinkt und sucht Erfrischung. Ein rein geistiges Prinzip ist er nicht.

Das Bedeutungsfeld reicht außerdem weit über den Totenglauben hinaus: Es umfasst Ansehen, Autorität und den Eindruck, den jemand auf die Welt macht.

Die Schreibung hat sich geändert, und das bedeutet etwas

Das früheste Zeichen für den Ba ist nicht der bekannte Vogel mit Menschenkopf, sondern der Sattelstorch. Er betont Eindrucksmacht und himmlische Gewalt — Züge, die dem Begriff auch dann erhalten blieben, als andere Zeichen üblich wurden. Daneben stehen ein Widderzeichen (vermutlich aus lautlichen Gründen) und, in den Pyramidentexten ein einziges Mal, ein Leopardenkopf, für den es keine befriedigende Erklärung gibt.

Der spätere menschenköpfige Falke lässt sich Teil für Teil lesen: Der Kopf zeigt, wessen Ba es ist, der Vogelleib die Bewegungsfreiheit und die Fähigkeit, zwischen den Bereichen des Kosmos zu wechseln.

Warum ausgerechnet dieser Vogel — und was daraus folgt. Der Sattelstorch (Ephippiorhynchus senegalensis) ist der größte Flugvogel seines Verbreitungsgebiets; Janák führt die Wahl auf seine eindrucksvolle Größe und stattliche Erscheinung zurück. Das Zeichen G 29 ist zugleich das früheste und das am häufigsten belegte für den Ba und deshalb der wichtigste Zeuge für dessen ursprüngliche Bedeutung.

Und hier liegt eine Pointe, die der gängigen Vorstellung widerspricht: Der Sattelstorch ist kein Zugvogel. Er brütet in Sümpfen und Wasserland und frisst Fische und Frösche. Die Vorstellung vom Ba als wandernder Seele kann also nicht vom Vogel herkommen — Janák hält ausdrücklich fest, dass dieser Wanderungsgedanke von den ursprünglichen Zügen der Größe und Macht abweicht. Der Vogel steht für Gewicht, nicht für Reise.

Erst Götter und König, dann alle

Im Alten Reich ist der Ba fast ausschließlich für Götter und den König bezeugt. Die früheste bekannte Ausnahme für eine nichtkönigliche Person steht in der Mastaba des Hermeru in Sakkara, 6. Dynastie.

Warum das so ist, ist offen, und die Forschung nennt drei Möglichkeiten nebeneinander: Entweder wurde Privatleuten wirklich kein Ba zugeschrieben, oder das Dekorum verbot, ihn in offiziellen religiösen Texten zu erwähnen, oder es ist schlicht eine Überlieferungslücke. Ab den Sargtexten ist der Ba dann auch im privaten Totenbereich da.

Ein Gott im anderen

Auch Götter haben einen Ba, und der Begriff beschreibt dann eine Erscheinungsform: Der Apisstier ist der Ba des Ptah, Sokar der Ba des Osiris, Thot der Ba des Re. Dasselbe gilt für Naturerscheinungen — der Wind als Ba des Schu, Orion als Ba des Osiris, beides schon in Pyramiden- und Sargtexten.

Die kosmische Fassung dieses Gedankens ist die nächtliche Vereinigung von Re als Ba mit Osiris als Leichnam. Was für den Toten gilt — der Ba kehrt nachts zum Körper zurück —, gilt im Großen für den Sonnenlauf.

Das offene Problem: der Ba zu Lebzeiten

Hatte ein Mensch schon im Leben einen Ba, oder entstand er erst im Tod? Das gilt als eine der größten ungelösten Fragen im Verständnis der ägyptischen Religion.

Die Schlüsselquelle ist das „Gespräch eines Mannes mit seinem Ba“ aus dem Mittleren Reich, im Deutschen meist „Der Lebensmüde“ genannt. Dort streitet ein Mann mit seinem Ba über das Leben in schweren Zeiten und über den Tod — und zwar lebend. Der Ba ist ihm dabei durch ein Seil verbunden. Am Ende rät der Ba, das Diesseits nicht zu verwerfen und zugleich den Westen zu erreichen, damit beide gemeinsam „landen“.

Eindeutig ist der Text nicht. Der Mann könnte mit seiner gegenwärtigen „Seele“ streiten oder mit seinem künftigen Jenseits-Selbst. Die wenigen weiteren Belege für den Ba eines Lebenden — Sinuhe, Weisheitslehren, Autobiographien — stehen alle in unmittelbarer Nähe von Tod, Totenkult oder Nachruhm. Der Text ist außerdem eine reflektierende Lehrdichtung, kein religiöser Text; man sollte ihn nicht wie eine Quellenaussage lesen.

Ein Vorschlag löst die Frage, indem er sie umdreht. Mark Smith hat vertreten, der Ba sei überhaupt kein Bestandteil der Person, sondern die ganze Person, wie sie nach dem Tod in Erscheinung tritt. Wer das annimmt, muss nicht mehr fragen, ob ein Lebender einen Ba „hat“ — die Frage entfällt, weil der Ba nichts ist, was man haben könnte.

Danebengestellt gehört ein anderes Ordnungsangebot, das Antonio Loprieno formuliert hat: Der Ka beruht auf den Beziehungen unter den Lebenden, der Ach gehört zu den Toten und den Göttern, und der Ba vermittelt zwischen beiden Zuständen. Das erklärt, warum ausgerechnet der Ba der bewegliche Teil ist — er ist der, der die Grenze überquert.

Beides sind moderne Deutungen, keine ägyptischen Aussagen. Sie stehen hier, weil sie ordnen, nicht weil sie belegt wären.

Ach

Der „Verklärte“ — der Zustand, den ein Verstorbener erreicht, wenn Ka und Ba durch die Riten vereinigt wurden. Ein Ach kann wirksam werden, auch gegenüber Lebenden.

Wie ernst das gemeint war, sagen die Pyramidentexte in vier Worten: Der Tote sei „lebendig fortgegangen“. Nicht abwesend, sondern anderswo und handlungsfähig — das ist die Voraussetzung für alles, was folgt.

Auch der Ach hat seinen Vogel

Geschrieben wird ꜣḫ mit dem Waldrapp (Geronticus eremita) — kenntlich an den kurzen Beinen, dem langen gebogenen Schnabel und dem Schopf im Nacken. Dasselbe Zeichen dient für die verwandten Begriffe, auch für den verklärten Toten.

Zwei Eigenschaften des Vogels passen auffällig gut zum Begriff.

Erstens das Gefieder: Es ist schwarz, aber mit blauen, grünen und kupfernen Reflexen — schillernd, und Janák nennt die „glitzernden Farben“ auf den Flügeln als möglichen Grund für die Wahl. Dazu passt, dass ein Teil der Forschung die Wurzel ꜣḫ mit jꜣḫw verbindet, „Licht, Glanz, Leuchten“.

Zweitens der Brutplatz: Der Waldrapp nistet auf Felsen östlich des Nils. Genau dorthin stellen ägyptische Texte die ꜣḫw — an den östlichen Horizont (ꜣḫt). Der Horizont ist die Nahtstelle der kosmischen Bereiche und der Ort des Sonnenaufgangs, also der Geburt, Erneuerung und Auferstehung.

Der Vogel ist damit kein beliebiges Lautzeichen, sondern eine Ortsangabe. Wo er nistet, liegt der Bereich, in den der Verklärte gehört.

Wie stark solche Vögel wirken, zeigt eine neuzeitliche Beobachtung: Im türkischen Bireçik galt der Waldrapp als halbheilig, und seine Ankunft im Februar oder März wurde als Zeichen des kommenden Frühlings gefeiert.

Die Ahnenbüsten

Der Ach ist nicht nur eine Vorstellung, er hat auch einen Gegenstand. Aus dem Neuen Reich sind rund 150 sogenannte Ahnenbüsten erhalten — kleine Oberkörper aus Kalkstein, seltener aus Sandstein, Granit, Ton oder Holz, mit Perücke und breitem Halskragen, oft mit Farbresten. Etwa die Hälfte stammt aus Deir el-Medina, wo auch unfertige Stücke gefunden wurden: Sie sind vor Ort hergestellt worden. Das früheste bekannte Exemplar datiert unter Amenophis II.

Die verbreitete Deutung knüpft sie unmittelbar an den Ach: Die Büsten stellten die ꜣḫ jqr dar, die „vortrefflichen Geister“, denen auch die Stelen ꜣḫ jqr n Rꜥ gewidmet sind — also die kürzlich Verstorbenen, denen die Lebenden opferten. Damit setzen sie eine Praxis fort, die seit dem Alten Reich bezeugt ist.

Eine zweite Deutung sieht in ihnen greifbare Vermittler zwischen dieser Welt und der der Toten und Götter, die den Lebenden magischen Schutz gaben. Für Deir el-Medina hat das eine besondere Pointe: Viele Männer des Dorfes waren die meiste Zeit auswärts bei der Arbeit.

Zur Vorsicht zwingt ein einziger Befund: Von den 150 Stücken sind vier beschriftet. Wer dort dargestellt ist, sagt fast keines. Diese Namenlosigkeit ist womöglich kein Überlieferungsverlust, sondern Absicht — eine anonyme Büste kann je nach Anlass jemand anderen meinen. Aus demselben Grund ist vorgeschlagen worden, den neutraleren Begriff „anthropoide Büste“ zu verwenden: „Ahnenbüste“ nimmt die Deutung schon in den Namen.

Briefe an Tote

Aus dieser Vorstellung stammen die „Briefe an Tote“: Man schrieb einem verstorbenen Angehörigen, er möge in einem Rechtsstreit oder bei einer Krankheit eingreifen.

Geschrieben wurde meist hieratisch auf Keramikgefäße — entweder in einer Spirale vom Rand zur Mitte oder in Kolumnen; einige Stücke tragen den Text hieroglyphisch auf Figurinen. Die Schale war kein Zufall: Sie stand am Grab als Opfergefäß, der Brief erreichte den Empfänger also mit der Speise.

Das Corpus ist klein, und nur wenige Stücke haben eine gesicherte Herkunft — dazu gehören die Qau-Schale, der Papyrus Naga el-Deir N 3500 und der Papyrus an Meru. Man sollte aus diesen Texten deshalb keine Statistik über ägyptische Alltagsfrömmigkeit ableiten; sie zeigen, dass es die Praxis gab, nicht wie verbreitet sie war.

Name und Schatten

Der Name ist Teil der Person; wer ihn auslöscht, vernichtet den Menschen — daher die Tilgung von Namen an Denkmälern als schärfste Sanktion (Hatschepsut, Echnaton). Der Schatten gilt ebenfalls als eigenständiger Bestandteil mit eigener Beweglichkeit.

Das Herz

Sitz von Verstand, Gedächtnis und Charakter — nicht das Gehirn, das bei der Mumifizierung entfernt und weggeworfen wurde. Beim Totengericht sagt das Herz aus. Der Herzskarabäus mit Totenbuchspruch 30B sollte es zum Schweigen bringen.

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