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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Sonne, Himmel & Gestirnemittelmäßig belegt

Iah

Das Wort für „Mond“ als eigenständiger Gott — später in Chons und Thot aufgegangen.

JꜥḥUmschrift
Stehende Figur aus dunkel patinierter Kupferlegierung. Auf dem Kopf ruht eine große runde Scheibe in einer nach oben geöffneten Sichel; davor sitzt eine kleine aufgerichtete Schlange. Das Gesicht trägt einen langen geraden Kinnbart. Ein Arm liegt quer vor der Brust und hält einen Gegenstand, der andere hängt herab. Um die Hüften liegt ein gefältelter Schurz mit vorstehendem Mittelteil.
Zuständig für
Mond, Zeitmessung
Bezeugt
Mittleres Reich bis Spätzeit
Kultorte
Theben, Hermopolis
Familie
Verschmelzungen: Iah-Thot, Iah-Chons, Iah-Djehuti

Erscheinung

Mann mit Mondsichel und Vollmondscheibe auf dem Kopf; kaum eigenständige Bildtradition.

Zur Person

Iah ist zunächst schlicht der Mondkörper — das Wort für „Mond“, als Gott gebraucht. Die Mondfunktionen im engeren Sinn liegen bei Thot (Rechnen, Kalender, Schrift) und Chons (Wanderer, Kind der thebanischen Trias).

Daraus wird oft geschlossen, Iah sei eine blasse Verlegenheitsgestalt geblieben. Das trifft nicht zu.

Ein Gott mit Priesterschaft

Die neuere Forschung weist für Iah einen eigenen Kult samt Priesterschaft nach — wahrscheinlich schon seit dem Alten Reich, sicher in der 18. Dynastie, und zwar in Memphis und Theben. Belegt ist dort auch private Verehrung, also nicht nur Tempelbetrieb.

Dazu kommen die Personennamen. Theophore Namen mit Iah sind ab dem Alten Reich bezeugt, mit einem deutlichen Gipfel im 17. und 18. Dynastie — im Königshaus wie bei Privatleuten. Die Begründer des Neuen Reichs, Ahmose („Iah ist geboren“) und Ahhotep, sind der bekannteste Fall, aber kein Einzelfall.

Und die Verschmelzung mit Thot beginnt erst in der 18. Dynastie, nicht früher. Wer sie als Grund für Iahs angebliche Blässe anführt, dreht die Reihenfolge um.

Ein Tag heißt wie er

Die dreißig Tage einer Mondphase trugen eigene Namen, und viele davon benennen eine Phase des Mondes: der erste psḏntjw (Neumond), der zweite ꜣbdw (erste Sichel), der siebte und der 23. ḏnjt (erstes und letztes Viertel), der 15. smdt (Vollmond).

Der 18. Mondtag heißt jꜥḥ — also genau wie dieser Gott.

Das ist kein Zufall der Schreibung, sondern ein Beleg dafür, wie eng Gott und Himmelskörper hier zusammenfallen: Iah ist der Mond, nicht ein Gott, der ihn lenkt. Ein Tag der Mondphase kann deshalb schlicht seinen Namen tragen.

Zur Quellenlage gehört eine Einschränkung. Vollständige Listen aller dreißig Mondtagsnamen gibt es erst aus ptolemäisch-römischer Zeit; die bekannteste steht im Fries des Pronaos von Edfu. Für frühere Epochen sind nur die wichtigeren Tage benannt, dazu mit Varianten. Der Name ist also spät belegt — was nicht heißt, dass er spät entstanden ist.

Herrscher in seinem Bereich

Gegenüber dem Sonnengott bleibt Iah nachrangig, das ist unbestritten. In seiner eigenen, nächtlichen Sphäre ist er aber ausdrücklich Herrscher: Er beherrscht Himmel und Erde mit seinem Licht, gilt als Herr bestimmter astronomisch oder rituell wichtiger Tage des Mondmonats und wird als machtvolle Erscheinung angerufen.

Sein Verhältnis zur Sonne beschreiben die Texte als Stellvertretung: Der Mond ist der „Zweite“ der Sonne, ihr Begleiter und Sprecher — besonders beim Vollmond, der von der Erde aus ähnlich groß wirkt und ebenfalls die Erde erhellt. Umgekehrt heißt die Sonne „Vater des Mondes“.

Ibis und Pavian sind eine griechische Erklärung

Mond und Thot werden gewöhnlich über dessen heilige Tiere verknüpft, den Ibis und den Pavian. Ausgearbeitet wird diese Verbindung aber ausschließlich in griechischen Texten — bei Plutarch, Horapollon und Klemens von Alexandria.

Das ist der wiederkehrende Fall: Eine griechische Deutung wird als ägyptisches Wissen weitergegeben. Die Tiere gehören zu Thot; dass sie den Mond erklären, ist eine spätantike Zutat.

Der Mond als Bild der Wiederherstellung

Zwei Bilder verdienen die Erwähnung, weil sie zeigen, wie konkret der Mond gedacht wurde. Der Vollmond heißt „Vereinigung der beiden Stiere“ — Sonne und Mond, beide in Rindergestalt. Der abnehmende Mond dagegen wird zum kastrierten Ochsen: Das fehlende „Teil“ ist die Abnahme der Scheibe.

Und das geheilte Horusauge wird mit dem wieder vollen Mond gleichgesetzt. Mondrituale verbinden damit regelmäßig den Wunsch, gegenüber Feinden „gerechtfertigt“ (mꜣꜥ-ḫrw) zu sein.

Sonne, Himmel & Gestirne