Ort · Oberägyptengut belegt
Esna (Latopolis)
JwnytLatopolisheute: Esna
Der letzte ägyptische Tempel, der mit Hieroglyphen dekoriert wurde — erhalten ist nur die Säulenhalle, und zwar weil sie als Baumwolllager diente.

Erhalten ist nur diese Säulenhalle — der Rest des Tempels liegt unter dem modernen Ort, dessen Häuser rechts direkt anschließen.
- Zeitraum
- Beleg ab Thutmosis III.; Bau ab Ptolemaios V.; letzte Dekoration unter Decius (249–251 n. Chr.)
- Region
- Oberägypten
- Gau
- 3. oberägyptischer Gau
- Hauptgottheiten
- Chnum-Re, Herr von Esna · Neith, Herrin von Esna · Menhit · Nebtu · Heka
- Bauten
- Säulenhalle, 37 × 20 × 15 m, 18 Säulen und 6 Halbsäulen · ptolemäische Fassade Ptolemaios’ VI. · astronomische Decke mit Tierkreis · Mammisi, Kiosk und Wabet (nur aus Inschriften bekannt)
Namen und Fisch
Esna liegt am Westufer des Nils, 64 Kilometer südlich von Luxor. Der ägyptische Name lautet Jwnyt — die Tempeltexte erklären ihn als das „Heliopolis der Götter von Esna“. Daneben steht Tꜣ-snt, gedeutet als „der Sitz der Neith“; daraus kommt der heutige Name.
Griechisch hieß der Ort Latopolis, „Stadt des Latesfisches“. Der Nilbarsch (ꜥḥꜣ, „Kämpfer“) war hier heilig, weil Neith sich bei der Erschaffung der Welt in einen verwandelte.
Von der Stadt selbst weiß man fast nichts — sie liegt unter dem heutigen Esna. Das älteste datierbare Objekt ist ein Block mit der Kartusche Amenophis' II., den Serge Sauneron bei der Tempelreinigung fand. Indirekt reicht es weiter zurück: Der Festkalender verweist für ein Opfer an Nebtu auf „das, was auf der Stele Thutmosis' III. geschrieben steht“.
Warum es diesen Tempel noch gibt
Erhalten ist nur die Säulenhalle, 37 mal 20 Meter bei 15 Metern Höhe. Der ptolemäische Tempel dahinter liegt unter dem Dorf.
Dass wenigstens die Halle steht, ist ein Zufall mit ökonomischem Grund. Unter Mohamed Ali (1805–1849) wurden reihenweise antike Bauten als Steinbruch abgeräumt — die Säulenhalle von Esna diente in dieser Zeit als Baumwolllager. Eine Nutzung hat sie gerettet.
Der Haupttempel ist vermutlich gar nicht zerstört worden: Die Schäden an Reliefs und Inschriften der Halle sind auffällig gering, was gegen eine christliche Zerstörung spricht. Wahrscheinlicher ist, dass er von selbst einstürzte und überbaut wurde.
Ein venezianischer Kaufmann sah 1589 genau das, was heute ein Besucher sieht — die Halle und sonst nichts. Napoleons Expedition versuchte, das Bauwerk über die astronomische Decke zu datieren, und scheiterte; erst Champollion ordnete es richtig der Römerzeit zu.
Ein Gott, der zwei ist
Der Tempel gehört Chnum-Re, „Herr von Esna“ — und Neith, „Herrin von Esna“. Die Beinamen sind parallel gebaut, und das ist Absicht: Beide sind Erscheinungsformen eines einzigen, namenlosen, androgynen Schöpfergottes.
Die Arbeitsteilung ist inhaltlich und räumlich:
- Chnum formt alles Seiende stofflich auf der Töpferscheibe. Er steht überwiegend in der Südhälfte des Tempels — in Richtung seines Hauptkultorts Elephantine.
- Neith erschafft denkend und benennend. Sie steht überwiegend in der Nordhälfte — in Richtung ihres Hauptkultorts Sais.
Der schönste Befund des Tempels ist eine Statistik, die zur Theologie passt. Chnum ist auf Wänden und Säulen ungefähr doppelt so oft dargestellt wie Neith. Und die Texte sagen über Neith: „Du bist Tatenen. Zwei Teile sind männlich, ein Teil ist weiblich.“
Das Zahlenverhältnis der Bilder ist also kein Zufall der Bauleitung, sondern ausgeführte Theologie — durchgehalten bis zur letzten eingemeißelten Szene, rund zweihundert Jahre nach Baubeginn der Halle.
Beide Hauptgötter haben eine Familie: Chnum ist mit Nebtu verheiratet, ihr Kind ist Heka. Wird Nebtu zornig, nimmt sie Gestalt und Wesen der löwenköpfigen Menhit an und ist nur mit Blut, gebratenen Feindesgliedern und erlegten Tieren zu besänftigen. Die unverheiratete Neith hat zwei Kinder mit doppeldeutigem Wesen — den krokodilköpfigen Schemanefer-Sobek und den Dämonengott Tutu: Beide können Unheil bringen und Unheil abwenden.
Der Pylon, den es nie gab
Für Esna war kein Pylon geplant. Das ist ein Problem, denn die Szene, in der der Pharao vor dem Gott seine Feinde erschlägt, gehört zu jedem ägyptischen Tempel — und sie gehört an die Pylonfront.
Die Lösung war, sie an die Außenwände zu setzen: zwei riesige Erschlagungsszenen an der Nord- und der Südwand der Säulenhalle. Das Notwendige wurde nicht weggelassen, sondern umgehängt.
Die Säulen sind Götter, und sie tragen ein Ritual
Anders als in Edfu, Dendera oder Kom Ombo tragen die Säulen von Esna überwiegend Text statt Bilder. Von den 24 Kapitellen der 18 Säulen und 6 Halbsäulen gleicht keines dem anderen. Ein Hymnus ist den Säulen selbst gewidmet — sie galten als Gottheiten.
Auf vierzehn Säulen steht das einzige ägyptische Tempelritual, das vollständig erhalten ist: der Ablauf eines ganzen Tages mit Hymnen, Litaneien, Rezitationen und Opfern, gefeiert am ersten Tag des dritten Monats der Winterzeit — dem 25. Februar.
Damit die Reihenfolge stimmt, endet jeder Säulentext mit einer Leseanweisung: „Sieh auf die südöstliche Säule.“
Das Fest der Töpferscheibe
Das Ritual verbindet zwei Feste — das „Fest des Aufstellens der Töpferscheibe“ (ḥb smn nḥp) und das „Fest des Anhebens des Himmels“ (ḥb twꜣ pt).
Der bemerkenswerte Teil fand am späten Abend statt, und kein männlicher Priester durfte dabei sein. Die Frauen von Esna trugen eine wirkliche Töpferscheibe in das Sanktuar, stellten sie vor das Bild des Gottes — das anwesend, aber in einem tragbaren Schrein verborgen war — und sangen ihre Litanei.
Der Schöpfergott sollte, davon erfreut, an der Scheibe zu arbeiten beginnen und unermüdlich Menschen, Tiere, Pflanzen und Dinge formen. Auf ihre eigenen Leiber sollte diese Kraft übergehen. Ägypten kennt viele Fruchtbarkeitsriten; dieser ist der ausdrücklichste.
Eine Schrift, die es nur hier gibt
Die Inschriften stehen in Mittelägyptisch — einer Sprache, die zu diesem Zeitpunkt seit rund 1.500 Jahren nicht mehr gesprochen wurde und als klassisch galt. Die Schreibung folgt aber nicht mehr den mittelägyptischen Regeln.
Die Priestergelehrten von Esna haben ihr Zeicheninventar erweitert: Rund hundert Hieroglyphen kommen nur hier vor. Zwei Hymnen bestehen fast ausschließlich aus Widderzeichen (für Chnum) beziehungsweise Krokodilzeichen (für Neith).
Dazu kommt die akrophone Schreibung: Jeder Konsonant eines Götternamens wird nicht mit einem Einkonsonantenzeichen geschrieben, sondern mit einem Zwei-, Drei- oder Wortzeichen. Der Name bleibt lesbar — aber die verwendeten Zeichen ergeben zusätzlich einen Satz.
Beispiel: Chnums Name wird aus den Wortzeichen für ḫprw („Gestalt“), nṯr („Gott“) und mrj („geliebt“) gebildet. Gelesen ergibt das den Namen — und zugleich „das geliebte göttliche Wesen“.
Was aussieht wie Verspieltheit, ist Machtzuwachs. Diese Litaneien wurden vor den Götterbildern rezitiert; ein Name, der beim Schreiben ein Lob mitträgt, wirkt stärker.
Die Qualität lässt allerdings nach. In der Römerzeit wird die Anordnung der Zeichen zunehmend überfüllt; bei einigen der spätesten Inschriften ist die Lesereihenfolge nicht mehr eindeutig.
Das Ende, und was es nicht ist
An den Wänden stehen die Kartuschen von Ptolemaios VI. und einer langen Reihe römischer Kaiser bis Decius (249–251 n. Chr.). Für die meisten dieser Herrscher sind es die einzigen hieroglyphischen Belege in ganz Ägypten.
Esna ist damit der letzte ägyptische Tempel, der mit Hieroglyphen dekoriert wurde. Das ist etwas anderes als die jüngste Hieroglypheninschrift überhaupt — die steht anderthalb Jahrhunderte später auf Philae, 394 n. Chr. Dort schrieb noch jemand; hier arbeitete zuletzt noch ein Tempelbetrieb an einem Bauprogramm. Der Unterschied ist der zwischen einem Eintrag und einer Institution.
Zwei Wände erzählen Reichsgeschichte mit: In einer Szene empfängt Septimius Severus das Anch von Chnum-Re, hinter ihm Julia Domna, Geta und Caracalla. Nach Getas Ermordung 212 wurde sein Name getilgt und durch den Caracallas ersetzt. Die auffällig große Zahl der unter Caracalla fertiggestellten Opferszenen legt nahe, dass er sich seine Legitimation in Ägypten durch Stiftungen an die Priesterschaft erkaufen wollte.
Was ringsherum lag
Der Tempel stand nicht allein. Die Inschriften nennen mehrere Heiligtümer nördlich der Stadt, von denen fast nichts geblieben ist:
| Ort | Was er war |
|---|---|
| Pr-Sꜣḥw-Rꜥ | kleines Heiligtum, vermutlich eine Prozessionsstation — der Name „Sahure“ steht nicht in einer Kartusche und meint deshalb wohl keinen Königsbau |
| Pr-nṯr | Begräbnisort der sieben personifizierten Schöpfungsworte der Neith, dort bestattet, damit sie nicht weiterwirken |
| Pr-ẖnmw-n-sḫt | Haupttempel des Chnum-Re, „Herr des Feldes“, rund fünf Kilometer nördlich — der Eintrag dazu ist Esna-Nord |
| Contra Latopolis | am Ostufer, ein kleiner Tempel der Hathor, „Herrin von Agny“ |
Zwei dieser Orte sind in der Neuzeit verschwunden, und beide Male knapp: Esna-Nord wurde bis 1829 abgetragen, Contra Latopolis 1828 zerstört — kurz bevor die französisch-toskanische Expedition unter Champollion eintraf.