Hintergrundmittelmäßig belegt
Nachleben: Pharaonisches im koptischen Ägypten
Was von der altägyptischen Religion im heutigen Ägypten fortlebt — und warum „Überbleibsel“ der falsche Begriff dafür ist.

Koptische Wandmalerei im Syrischen Kloster. Was an solchen Bildern auf pharaonische Vorbilder zurückgeht und was nicht, ist genau die Frage, um die dieser Artikel kreist — das Bild beantwortet sie nicht, es stellt sie.
- Grundwarnung
- Ähnliche Form heißt nicht gleiche Bedeutung
- Bruchstelle
- Assuan-Staudamm 1971 — Ende der Nilriten
- Fortbestand
- koptischer Kalender, Totenbesuche, Mulids
- Zeitraum
- Spätantike bis Gegenwart
- Themenfelder
- Religionsgeschichte · Rezeption · Methodik
- Orte
- landesweit
Warum „Überbleibsel“ nicht taugt
Der Begriff survival stammt aus dem Evolutionismus des 19. Jahrhunderts und meinte: Reste einer älteren Kultur, die sich unverändert in den Volksbräuchen einer späteren gehalten haben. Funktionalismus und Strukturalismus haben das im 20. Jahrhundert verworfen — alles an einer Kultur sei aus seiner gegenwärtigen Funktion zu erklären, nicht aus seiner Herkunft.
Seit den späten 1970er Jahren arbeitet man stattdessen mit Analogie und mit dem Begriffspaar Kontinuität und Wandel, seit den 1990ern mit lebendiger Tradition. Der Unterschied ist nicht bloß Wortwahl:
Traditionen stehen nicht still. Sie werden umgedeutet, ausgewählt, weggelassen und neu zusammengesetzt; Kulturen sind keine festen Einheiten, sondern immer schon Mischungen. Was sich nicht anpassen kann, verliert seine Bedeutung und verschwindet.
Daraus folgt der Satz, an dem dieser ganze Eintrag hängt: Die Form mag ähnlich sein — Inhalt und Bedeutung sind verschieden.
Die interessante Frage ist deshalb nicht, wie viel eine Kultur einer anderen schuldet, sondern was bei der Übernahme geschieht.
Zwei Bilder, die jeder kennt
Die koptische Bildkunst liefert zwei Fälle, die immer wieder als Erbe genannt werden:
- Maria lactans, die stillende Muttergottes, neben Isis lactans, der stillenden Isis mit dem Horusknaben.
- Der heilige Reiter, der mit der Lanze einen Drachen, Teufel, Feind oder eine Schlange durchbohrt — neben Horus, der Nilpferd, Schlange oder Krokodil bekämpft, gegen Seth streitet oder Apophis tötet. Eine Darstellung des 4. Jahrhunderts zeigt Horus zu Pferd, wie er ein Krokodil ersticht; eine Ikone des 11. Jahrhunderts den heiligen Georg, wie er Diokletian ersticht.
Beide belegen keine ungebrochene Linie. Was sie zeigen, ist etwas anderes und Interessanteres: die Fähigkeit einer Kultur, fremde Einflüsse in eigene Formen aufzunehmen. Der Eintrag zu Isis sagt dasselbe für den Marienfall — die Ähnlichkeit ist offensichtlich, ein direkter Einfluss ist nicht bewiesen.
Der Kalender ist die stärkste Verbindung
Der koptische Kalender ist ein Sonnenkalender auf ägyptischer Grundlage und war bis in die Neuzeit der Landwirtschaftskalender Ägyptens. An ihm hängen die deutlichsten Entsprechungen:
| Koptischer Monat | Was daran hängt |
|---|---|
| Tuut (September) | Neujahr ʿayd el-nayruuz. Vor dem Staudamm erreichte der Nil hier seinen Höchststand; Grundsteuern wurden erst erhoben, wenn er 16 Ellen erreicht hatte. Der endgültige Pegel wurde am 17. Tuut gemessen und hieß „Pegel des Kreuzes“ — der Tag ist dem Kreuzfest gewidmet |
| Haatuur | beginnt mit drei „Nächten der Finsternis“, die Liturgie ist von Totentönen durchzogen. Plutarch nennt diesen Monat als Todesmonat des Osiris |
| Choiak | In der Liturgie erinnert nichts an die Osirismysterien. Trotzdem säen Ägypter, Kopten wie Muslime, in diesem Monat sieben Getreidearten auf Watte, die um eine Flasche oder eine Puppe aus Pappe gewickelt ist. Die keimende Gestalt gilt als Vorzeichen eines „grünen Jahres“ |
| Tuubah | galt für das reinste Nilwasser. Mayyat Tuubah wurde aufbewahrt und in großen Krügen an Friedhöfen und Heiligengräbern aufgestellt; es sollte heilen. Am 11. Tuubah steht das Fest der Eintauchung, tags darauf der Besuch bei den Toten. In pharaonischer Zeit fiel in diesen Monat die Aufrichtung des Djed-Pfeilers |
| Barmuudah | Schamm el-nesim, das Frühlingsfest, gilt als Fortsetzung des Sokarfestes |
| Baʿuuna | Der 12. ist dem Erzengel Michael gewidmet, und die Liturgie enthält Gebete an den Nil |
Der Choiak-Fall ist der schärfste. Die Liturgie hat die Osirismysterien vollständig fallen lassen — die Handlung selbst, das Keimen von Getreide in einer Figur, wird trotzdem weiter vollzogen, von Christen und Muslimen. Genau das meint „die Form bleibt, der Inhalt wechselt“.
Die Nacht des Tropfens
Vor dem Bau des Hochdamms fiel der 12. Baʿuuna mit der Nacht des Tropfens (laylat el-nuqta) zusammen: Der Nil stand am niedrigsten, und ein göttlicher Tropfen vom Himmel sollte die Flut auslösen.
Für die alten Ägypter entsprach dieser Zeitpunkt dem Aufgang der Sopdet (Sirius), der das Ende eines Jahres und den Beginn des nächsten anzeigte. Und Pausanias überliefert, in dieser Nacht habe Isis in ihrer Trauer um Osiris eine Träne vergossen, die die Überschwemmung auslöste.
Bemerkenswert ist die Zuständigkeit: Die Aufgabe, den Nil zu regulieren, scheint vom Gott Thot auf den Erzengel Michael übergegangen zu sein.
Der Bruch hat ein Datum
Am 15. Januar 1971 wurde der Assuan-Hochdamm eingeweiht, und damit endete die jährliche Überschwemmung.
Das ist keine Nebenbemerkung, sondern die Bruchstelle: Mit der Flut verschwanden fast alle Riten, die an ihr hingen. Der Landwirtschaftskalender verlor seinen Sinn, und ein über Jahrtausende angesammeltes Ortswissen wurde gegenstandslos.
Dazu kommen zwei weitere Kräfte: Verstädterung und Globalisierung, die die Familie als Überträgerin von Bräuchen geschwächt haben — und seit den 1970er Jahren eine Verhärtung der Religion bei Kopten wie Muslimen, die auf normative Formen dringt und das volkstümliche Erbe abstößt.
Was am Grab geblieben ist
Die koptische Totenpraxis ist der Bereich mit den meisten Entsprechungen:
- Tieropfer an der Türschwelle, wenn der Sarg hinausgetragen wird; am selben Tag auf dem Friedhof; am Ende der Trauerzeit; und vor den Totenbesuchen. Das Fleisch geht an die Armen. In den großen Städten ist das fast verschwunden.
- Besuche bei den Toten mit Speisen, Blumen und Wasserspenden — am 3., 7., 15. und 40. Tag nach dem Tod, dazu an Neujahr, Weihnachten, am Tag der Eintauchung, am Palmsonntag, zu Pfingsten und bei Wallfahrten.
Diese Besuche führen vor allem Frauen aus. Sie beweinen den Toten, klagen über dem Leichnam, bringen Speisen und Blumen und spenden Wasser — dieselben Handlungen, die den Göttinnen Isis und Nephthys zugeschrieben werden.
Mulids
Das Wort mulid kommt von der Wurzel wld, „gebären“, und bezeichnet den Geburtstag eines Heiligen — genauer den Jahrestag seines Martyriums oder Todes, also seiner Wiedergeburt.
Manche Mulids sind jung, die meisten haben eine lange Geschichte. Sie zeigen, wie lange ein Ort als heilig gilt, und ihre Beschreibungen erinnern an Festbeschreibungen pharaonischer Zeit. Ob einzelne Heilige Züge älterer Ortsgötter übernommen haben, ist umstritten und sollte nicht als ausgemacht weitergegeben werden.
Bemerkenswert ist ihr Ruf. Religiöse wie staatliche Stellen sehen in ihnen heidnische Wiederholung, Zügellosigkeit und Drogenkonsum; das Wort „Mulid“ steht im heutigen Sprachgebrauch für Krawall und Durcheinander. Beliebt sind sie trotzdem über alle Schichten hinweg — und bis vor kurzem nahmen Kopten und Muslime wechselseitig an den Festen der anderen teil.
Wie man das lesen sollte
Wer nach Fortleben sucht, muss die Brüche mitzählen: die Lücken, die Erneuerungen und die bewussten Auslöschungen. Eine Linie von der Pharaonenzeit bis heute gibt es nicht.
Was es gibt, ist ein Ort, an dem seit fünftausend Jahren derselbe Fluss dieselben Felder überschwemmt hat — bis 1971. Dass davon Handlungen übrig sind, deren Bedeutung sich mehrfach geändert hat, ist kein Beweis für Kontinuität. Es ist ein Beispiel dafür, wie Kulturen mit ihrem eigenen Alter umgehen.
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