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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Wissen, Schrift & Magiemittelmäßig belegt

Seschat

„Die Schreiberin“ — Göttin der Vermessung, der Annalen und des Gründungsrituals von Tempeln.

SšꜣtUmschrift
Flachrelief in Sandstein, Seitenansicht nach links. Eine Frau in einem engen, knöchellangen Kleid, das über und über mit kleinen sternförmigen Rosetten gemustert ist; die Füße schauen unten hervor. Sie trägt eine lange, fein gestrichelte Perücke, ein Halsband und ein schmales Stirnband, von dem hinten zwei Bänder herabhängen. Über ihrem Kopf steigt ein dünner senkrechter Schaft auf, der oben in einen siebenzackigen Stern mündet; darüber spannt sich ein nach unten geöffneter Bogen mit zwei nach außen weisenden Enden. Der vordere Arm ist erhoben, die Hand fasst einen langen schmalen Gegenstand; der andere Arm hängt herab. Rings um die Figur stehen senkrechte Reihen eingetiefter Schriftzeichen, links und rechts je ein hoher Stab. Die Wand ist an mehreren Stellen ausgebrochen.
Zuständig für
Schrift, Vermessung, Bauwesen, Königsannalen
Bezeugt
2. Dynastie bis Römerzeit
Kultorte
kein eigener Tempel bekannt — sie erscheint in den Tempeln aller anderen
Familie
Gefährte: Thot
Beiname: „Herrin der Bücher“, „Erste im Bücherhaus“

Erscheinung

Frau im Pantherfell über engem Kleid, auf dem Kopf ein siebenzackiges Emblem unter einem umgekehrten Bogen; mit Schreibpalette und Palmrippe.

Das Spannen der Schnur

Beim Gründungsritual eines Tempels („Spannen des Strickes“, pḏ-šs) stehen König und Seschat einander gegenüber und schlagen Pflöcke ein, zwischen denen die Messschnur gespannt wird — ausgerichtet nach den Sternen. Diese Szene ist von der 2. Dynastie bis in die Römerzeit fast unverändert abgebildet; sie belegt, dass Bauvermessung als heilige Handlung galt.

Annalen

Seschat schreibt die Regierungsjahre des Königs auf die Rippen des Ischedbaums und führt die Listen der Beute und Tribute. Ihr Titel „Erste im Bücherhaus“ verweist auf das Tempelarchiv, das pr-mḏꜣt, in dem Ritualbücher, Inventare und Wissenstexte lagen.

Eine Göttin, die ihre Aufgabe ist

Seschat gehört zu einem Typ, den Ägypten häufig hervorbringt: der Funktionsgottheit. Sie hat keinen Mythos, keine Familiengeschichte und keinen eigenen Tempel — sie ist das Vermessen und Aufschreiben. Dasselbe gilt für Tait, die das Leinen webt, für Hedjhotep und für eine Reihe weiterer.

Der Unterschied zu einer dünn belegten Gottheit ist wichtig: Diese Göttinnen sind nicht schlecht bezeugt, weil wenig erhalten ist, sondern weil es über sie nicht mehr zu sagen gibt. Klare Zuständigkeit, feste Bildformel, keine Erzählung.

Doch ein Kult

„Kein eigener Tempel“ heißt nicht „kein eigener Kult“. Die ptolemäische Pithom-Stele nennt in Zeile 6 „Seschat von Sambehdet“ — Sambehdet ist Diospolis Inferior im Delta. Eine Ortsform also, mit eigenem Beinamen, und das mehr als zweitausend Jahre nach ihren ersten Belegen. Ihr Kult lief still, aber er lief.

Verdeckt wird das dadurch, dass sie oft nicht bei ihrem Namen steht. Wo Texte von der „Herrin der Schriften“, der „Vorsteherin der Bibliothek“ oder — mythologischer — von „der, die die Hörner gelöst hat“ sprechen, ist sie gemeint.

Das Emblem

Der siebenzackige Stern unter dem Bogen ist nicht sicher gedeutet — Vorschläge reichen von einer Pflanze über ein Messgerät bis zu einem Sternsymbol. Da die Zahl Sieben in Ägypten für Vollständigkeit steht, könnte das Zeichen schlicht „alles Zählbare“ meinen. Sicher ist nichts.

Der umgekehrte Bogen darüber sieht aus wie ein Hörnerpaar — und ihr Beiname „die die Hörner gelöst hat“ (Sfḫt-ꜥbwj) redet von genau zwei Hörnern. Ob der Name das Zeichen erklärt oder das Zeichen den Namen erzeugt hat, ist damit nicht entschieden; die beiden gehören aber sichtlich zusammen.

Wissen, Schrift & Magie