Wissen, Schrift & Magiemittelmäßig belegt
Seschat
„Die Schreiberin“ — Göttin der Vermessung, der Annalen und des Gründungsrituals von Tempeln.

- Zuständig für
- Schrift, Vermessung, Bauwesen, Königsannalen
- Bezeugt
- 2. Dynastie bis Römerzeit
- Kultorte
- kein eigener Tempel bekannt — sie erscheint in den Tempeln aller anderen
- Familie
- Gefährte: Thot
Beiname: „Herrin der Bücher“, „Erste im Bücherhaus“
Erscheinung
Frau im Pantherfell über engem Kleid, auf dem Kopf ein siebenzackiges Emblem unter einem umgekehrten Bogen; mit Schreibpalette und Palmrippe.
Das Spannen der Schnur
Beim Gründungsritual eines Tempels („Spannen des Strickes“, pḏ-šs) stehen König und Seschat einander gegenüber und schlagen Pflöcke ein, zwischen denen die Messschnur gespannt wird — ausgerichtet nach den Sternen. Diese Szene ist von der 2. Dynastie bis in die Römerzeit fast unverändert abgebildet; sie belegt, dass Bauvermessung als heilige Handlung galt.
Annalen
Seschat schreibt die Regierungsjahre des Königs auf die Rippen des Ischedbaums und führt die Listen der Beute und Tribute. Ihr Titel „Erste im Bücherhaus“ verweist auf das Tempelarchiv, das pr-mḏꜣt, in dem Ritualbücher, Inventare und Wissenstexte lagen.
Eine Göttin, die ihre Aufgabe ist
Seschat gehört zu einem Typ, den Ägypten häufig hervorbringt: der Funktionsgottheit. Sie hat keinen Mythos, keine Familiengeschichte und keinen eigenen Tempel — sie ist das Vermessen und Aufschreiben. Dasselbe gilt für Tait, die das Leinen webt, für Hedjhotep und für eine Reihe weiterer.
Der Unterschied zu einer dünn belegten Gottheit ist wichtig: Diese Göttinnen sind nicht schlecht bezeugt, weil wenig erhalten ist, sondern weil es über sie nicht mehr zu sagen gibt. Klare Zuständigkeit, feste Bildformel, keine Erzählung.
Doch ein Kult
„Kein eigener Tempel“ heißt nicht „kein eigener Kult“. Die ptolemäische Pithom-Stele nennt in Zeile 6 „Seschat von Sambehdet“ — Sambehdet ist Diospolis Inferior im Delta. Eine Ortsform also, mit eigenem Beinamen, und das mehr als zweitausend Jahre nach ihren ersten Belegen. Ihr Kult lief still, aber er lief.
Verdeckt wird das dadurch, dass sie oft nicht bei ihrem Namen steht. Wo Texte von der „Herrin der Schriften“, der „Vorsteherin der Bibliothek“ oder — mythologischer — von „der, die die Hörner gelöst hat“ sprechen, ist sie gemeint.
Das Emblem
Der siebenzackige Stern unter dem Bogen ist nicht sicher gedeutet — Vorschläge reichen von einer Pflanze über ein Messgerät bis zu einem Sternsymbol. Da die Zahl Sieben in Ägypten für Vollständigkeit steht, könnte das Zeichen schlicht „alles Zählbare“ meinen. Sicher ist nichts.
Der umgekehrte Bogen darüber sieht aus wie ein Hörnerpaar — und ihr Beiname „die die Hörner gelöst hat“ (Sfḫt-ꜥbwj) redet von genau zwei Hörnern. Ob der Name das Zeichen erklärt oder das Zeichen den Namen erzeugt hat, ist damit nicht entschieden; die beiden gehören aber sichtlich zusammen.
Wissen, Schrift & Magie