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Netjeru

Nachschlagewerk zu den Göttern und Mythen des alten Ägypten — 134 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Schöpfung & UrzeitKönigtum, Krieg & SchutzTotenreich & OsiriskreisWissen, Schrift & Magiegut belegt

Neith

griechisch Neith, gleichgesetzt mit Athena · ägyptisch Njt

Uralte Kriegs- und Webergöttin von Sais, in der Spätzeit als androgyne Weltschöpferin verstanden, die vor allen Göttern da war.

NjtUmschrift
Zuständig für
Krieg und Jagd, Weberei, Schöpfung, Schutz der Toten
Bezeugt
1. Dynastie (Königinnennamen wie Neith-hotep) bis Römerzeit
Kultorte
Sais (Zau) im Westdelta, Esna, Memphis, Elephantine
Familie
Sohn: Sobek; in Esna auch Re
Verbindung: „Mutter und Vater“ zugleich — geschlechtlich doppelt gedacht
Kanopen: schützt Duamutef

Erscheinung

Frau mit der Roten Krone Unterägyptens; ihr Emblem sind zwei gekreuzte Pfeile über einem Schild, teils auch ein Weberschiffchen. Gelegentlich mit Bogen, in Esna als Kuh oder Wasserschlange.

Alter

Neith gehört zu den ältesten sicher fassbaren Gottheiten Ägyptens. Schon in der 1. Dynastie tragen Königinnen Namen wie Neith-hotep und Meret-Neith, und ihr Emblem erscheint auf frühen Standarten. Ihre Waffen-Ikonographie deutet auf eine ursprüngliche Kriegs- und Jagdgöttin des Deltas.

Weberin

Der zweite Bereich ist das Weben — Ägypter setzten Weben und Schöpfen sprachlich und bildlich in Beziehung. Als Weberin der Mumienbinden ist Neith Totengöttin; als Weberin der Welt ist sie Kosmogonin. Ihr Name wurde später an ntt „das Gewobene“ angelehnt, was etymologisch nicht gesichert ist.

Die Schöpfung von Esna

Die ptolemäisch-römischen Texte von Esna machen Neith zur Ersten überhaupt: Sie entsteht selbst im Nun, verwandelt sich in eine Kuh oder einen Nilbarsch, erschafft mit 30 Worten die Welt und bringt Re als Kind hervor. Sie ist ausdrücklich als „zwei Drittel männlich, ein Drittel weiblich“ beschrieben — eine der wenigen ausdrücklich androgynen Gottheiten.

Die Schöpfung geschieht durch das Wort — zuerst der Urhügel, dann die Achtheit, dann der Sonnengott als ihr Sohn; danach zieht die Göttin an ihren endgültigen Wohnsitz nach Sais. Das ist derselbe Gedanke, für den sonst die memphitische Lehre und Ptah stehen. Schöpfung durch Aussprechen ist also keine Besonderheit von Memphis, sondern ein Modell, das mehrere Theologien für ihre jeweilige Hauptgottheit beanspruchten.

Die Inschriften von Esna aus dem frühen 2. Jahrhundert n. Chr. gehören zu den spätesten und zugleich ausgefeiltesten Kosmogonien Ägyptens. Neben Neith wirkt dort Chnum-Re als Schöpfer, der die Menschen auf der Töpferscheibe formt — zwei Schöpfungsmodelle im selben Tempel, nebeneinander und ohne erkennbaren Widerspruchsbedarf.

Schiedsrichterin

Im „Streit zwischen Horus und Seth“ (Papyrus Chester Beatty I) wenden sich die zerstrittenen Götter schriftlich an Neith als höchste Autorität. Ihre Antwort ist typisch pragmatisch: Horus solle das Amt bekommen und Seth zur Entschädigung zwei ausländische Göttinnen, Anat und Astarte. Die Passage zeigt, dass sie noch im Neuen Reich als Instanz über den Streithähnen galt.

Griechische Rezeption

Herodot identifiziert sie mit Athena und beschreibt das Lampenfest von Sais. Platon lässt im „Timaios“ die Atlantis-Erzählung von saïtischen Priestern der Neith stammen — literarische Fiktion, aber ein Hinweis darauf, welchen Ruf Sais als Ort alten Wissens genoss.

Schöpfung & UrzeitKönigtum, Krieg & SchutzTotenreich & OsiriskreisWissen, Schrift & Magie