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Thot
griechisch Thoth, Hermes Trismegistos · ägyptisch Ḏḥwtj
Gott des Mondes, der Schrift, der Rechnung und der Magie — Schreiber der Götter und Erfinder der Hieroglyphen.

- Zuständig für
- Schrift, Wissenschaft, Mond, Recht, Magie, Zeitmessung
- Bezeugt
- Altes Reich bis Spätantike
- Kultorte
- Hermopolis Magna (Chemenu, el-Aschmunein), Tuna el-Gebel (Ibis- und Pavianfriedhof), Dachla-Oase
- Familie
- Gefährtin: Seschat; in Hermopolis Nehemetawai
Verbindungen: Herr der Achtheit; Iah-Thot
Erscheinung
Mann mit Ibiskopf, Schreibpalette und Binsenkalam; als sitzender Pavian mit Mondscheibe; als Ibis. Häufig mit Mondsichel und Vollmond auf dem Kopf.
Der Schreiber
Thot ist der Erfinder der Schrift und damit derjenige, der Sprache dauerhaft macht. Als Schreiber der Götter protokolliert er das Totengericht, führt die Jahresrechnung des Königs und trägt die Lebenszeit ein. Schreiber gossen vor Arbeitsbeginn einen Tropfen Wasser aus dem Napf für ihn aus. Er ist deshalb auch Gott der Verwaltung und Berufspatron eines der wichtigsten Stände Ägyptens.
Nicht jeder Pavian ist Thot
Thot erscheint als Ibis, als ibisköpfiger Mann und als hockender Pavian mit Mondscheibe. Der Umkehrschluss gilt aber nicht. Paviane, die die aufgehende Sonne anbeten, können eine frühe Erscheinungsform der Achtheit sein; und Hapi, einer der Horussöhne, wird affenköpfig dargestellt und ist vom Pavianskopf kaum zu unterscheiden.
Wer ein Bild zuordnen will, braucht deshalb mehr als das Tier — Beischrift, Attribut oder Zusammenhang. Für die Bebilderung dieses Wikis ist das ein praktischer Hinweis: Ein hockender Affe allein belegt gar nichts.
Der Vermittler
Immer wenn ein Streit unlösbar erscheint, tritt Thot auf: Er heilt das Auge des Horus, trennt die Kämpfenden, bringt Tefnut aus Nubien zurück, verhandelt vor der Neunheit. In Platons „Phaidros“ erscheint er als Theuth, der dem König die Schrift vorführt und sich sagen lassen muss, sie schade dem Gedächtnis — der älteste Medienstreit der Geschichte, in ägyptischem Gewand.
Mond und Kalender
Als Mondgott ist er für Zeiteinteilung, Rechnung und Astronomie zuständig. Der erste Monat des Jahres heißt nach ihm (Thot), woraus im koptischen Kalender „Thout“ wird — bis heute in Gebrauch.
Die fünf Zusatztage — wessen Erzählung?
Bekannt ist die Geschichte, Thot habe dem Mond im Spiel fünf Tage abgewonnen, damit Nut ihre Kinder gebären konnte, obwohl Re ihr die Geburt an allen 360 Tagen des Jahres verboten hatte. Aus diesen Tagen wurden die fünf Epagomenen, an denen Osiris, Horus, Seth, Isis und Nephthys zur Welt kommen.
Diese Erzählung steht bei Plutarch (De Iside et Osiride 12), also griechisch, um 100 n. Chr. — er nennt Thot dort Hermes. Ägyptische Quellen berühren die Episode kaum.
Zu trennen sind deshalb zwei Dinge: Die fünf Epagomenentage sind echt und ein fester Bestandteil des ägyptischen Kalenders; die Geburt der fünf Götter an ihnen ist ebenfalls ägyptisch. Die hübsche Rahmenerzählung vom Würfelspiel mit dem Mond ist es in dieser Form nicht. Wer sie als altägyptischen Mythos wiedergibt, gibt eine griechische Nacherzählung weiter — derselbe Fall wie bei Plutarchs vierzehn Körperteilen des Osiris.
Hermes Trismegistos
Die Griechen setzten Thot mit Hermes gleich. In der Kaiserzeit entstand daraus „Hermes Trismegistos“, der dreimal größte, als Verfasser einer umfangreichen Offenbarungsliteratur (Corpus Hermeticum). Diese Schriften sind griechisch geprägte Philosophie, keine altägyptischen Texte — ihre Wirkung auf Renaissance, Alchemie und Esoterik ist jedoch enorm. Wer heute von „hermetischem Wissen“ spricht, ist über viele Umwege bei diesem Gott.
Tuna el-Gebel
Tuna el-Gebel ist die Nekropole von Hermopolis, Thots Hauptkultort. Vier große, in den Fels getriebene Katakombensysteme enthalten über fast ein Jahrtausend hinweg Millionen mumifizierter Ibisse und Paviane — beides Erscheinungsformen des Gottes.
Zwei ganz verschiedene Tiere
Hier ist eine Unterscheidung nötig, die man leicht übersieht. Die Masse der Ibisse sind Votivtiere: Gaben, die Pilger stifteten. Die Paviane in den Wandnischen sind aller Wahrscheinlichkeit nach etwas anderes — eine Reihe von Kulttieren, also nacheinander je ein einzelnes lebendes Tier, in dem der Gott gegenwärtig war, wie der Apis in Memphis. Millionen Votivgaben und eine Handvoll Kulttiere liegen in derselben Anlage, und nur die erste Gruppe ist Massenware.
Dass es sich bei den Votivtieren wirklich um Zuchtware handelt, liest man an zwei Dingen: Die Tiere sind bei ihrem Tod alle etwa gleich alt, und ihre Behandlung ist standardisiert. Sie wurden also gezielt gezüchtet, bei Erreichen einer bestimmten Größe getötet und für den Verkauf präpariert.
Der Betrieb war damit eine industrialisierte Frömmigkeitsökonomie mit Zuchtanlagen, Priesterschaft und Preisliste — und die Bandbreite der Wicklungen zeigt, dass es für jeden Geldbeutel etwas gab. Der Pilger legte die Mumie im Tempel nieder, vielleicht mit einer Bitte, die er dem Tier ins Ohr flüsterte; wenn der Tempel voll war, brachte man die Gaben in die Katakomben.
Und der Betrieb hatte ein Mengenproblem: Die Nachfrage überstieg das Angebot, weshalb ein Teil der sorgfältig gewickelten Bündel gar kein vollständiges Tier enthält — mitunter nur Federn, Knochen oder Füllmaterial.
Aus denselben Katakomben stammen demotische Orakelanfragen an Thot. Das lebende Kulttier war der naheliegende Orakelgeber, und die eingereichten Anfragen zeigen den Betrieb von der Seite der Bittsteller.
Das ist mehr als eine Kuriosität. Es zeigt, dass die Wirksamkeit der Gabe am Vollzug hing, nicht an ihrem Inhalt, und es macht die Grenze zwischen Frömmigkeit und Gewerbe unscharf. Ob die Käufer es wussten, sagen die Quellen nicht. Die Papyri des Hor von Sebennytos aus Saqqara geben immerhin Einblick in die Verwaltung solcher Tierkulte — und in ihre Missstände.
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