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Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

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Thot

griechisch Thoth, Hermes Trismegistos · ägyptisch Ḏḥwtj

Gott des Mondes, der Schrift, der Rechnung und der Magie — Schreiber der Götter und Erfinder der Hieroglyphen.

ḎḥwtjUmschrift
Stehende Figur aus leuchtend türkiser Fayence auf einer flachen Platte. Der Körper ist der eines schreitenden Mannes mit nacktem Oberkörper, breitem Halskragen und kurzem gefältelten Schurz; ein Bein ist vorgesetzt. Der Kopf ist der eines Ibis mit langem, abwärts gebogenem Schnabel. Vom Kopf fällt beidseits eine gesträhnte Perücke auf die Brust.
Zuständig für
Schrift, Wissenschaft, Mond, Recht, Magie, Zeitmessung
Bezeugt
Altes Reich bis Spätantike
Kultorte
Hermopolis Magna (Chemenu, el-Aschmunein), Tuna el-Gebel (Ibis- und Pavianfriedhof), Dachla-Oase
Familie
Gefährtin: Seschat; in Hermopolis Nehemetawai
Verbindungen: Herr der Achtheit; Iah-Thot

Erscheinung

Mann mit Ibiskopf, Schreibpalette und Binsenkalam; als sitzender Pavian mit Mondscheibe; als Ibis. Häufig mit Mondsichel und Vollmond auf dem Kopf.

Der Schreiber

Thot ist der Erfinder der Schrift und damit derjenige, der Sprache dauerhaft macht. Als Schreiber der Götter protokolliert er das Totengericht, führt die Jahresrechnung des Königs und trägt die Lebenszeit ein. Schreiber gossen vor Arbeitsbeginn einen Tropfen Wasser aus dem Napf für ihn aus. Er ist deshalb auch Gott der Verwaltung und Berufspatron eines der wichtigsten Stände Ägyptens.

Nicht jeder Pavian ist Thot

Thot erscheint als Ibis, als ibisköpfiger Mann und als hockender Pavian mit Mondscheibe. Der Umkehrschluss gilt aber nicht. Paviane, die die aufgehende Sonne anbeten, können eine frühe Erscheinungsform der Achtheit sein; und Hapi, einer der Horussöhne, wird affenköpfig dargestellt und ist vom Pavianskopf kaum zu unterscheiden.

Wer ein Bild zuordnen will, braucht deshalb mehr als das Tier — Beischrift, Attribut oder Zusammenhang. Für die Bebilderung dieses Wikis ist das ein praktischer Hinweis: Ein hockender Affe allein belegt gar nichts.

Der Vermittler

Immer wenn ein Streit unlösbar erscheint, tritt Thot auf: Er heilt das Auge des Horus, trennt die Kämpfenden, bringt Tefnut aus Nubien zurück, verhandelt vor der Neunheit. In Platons „Phaidros“ erscheint er als Theuth, der dem König die Schrift vorführt und sich sagen lassen muss, sie schade dem Gedächtnis — der älteste Medienstreit der Geschichte, in ägyptischem Gewand.

Thot in Nubien

Dass Thot Tefnut aus Nubien zurückbringt, ist oben ein Satz. Südlich der Grenze ist daraus ein eigener Gott geworden: Thot von Pnubs, belegt ausschließlich in Unternubien — in Tempelinschriften und in Graffiti.

Ihm gehört der recht große Tempel von el-Dakka, dem antiken Pselchis, gebaut und dekoriert in ptolemäischer und römischer Zeit. Sein voller Titel dort lautet „Thot von Pnubs, Herr von Pselchis“.

Der Ortsname führt allerdings in die Irre. Pnubs ist nicht el-Dakka, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit Dukki Gel, einen Kilometer nördlich von Kerma am südlichen Ende des Dritten Katarakts — also viel weiter stromaufwärts. Der Gott trägt den Namen eines Ortes, an dem sein Tempel nicht steht.

Und der Name kommt ursprünglich gar nicht vom Ort, sondern vom Baum. Thots eigentliche Zuordnung ist der nbs-Baum, der Christusdorn; die Bindung an Pnubs ist erst daraus abgeleitet.

Zwei Gestalten und eine fremde Krone

In el-Dakka erscheint er auf zwei Weisen: als sitzender Pavian unter dem Christusdorn — und menschengestaltig mit der Vierfederkrone des Onuris.

Damit übernimmt er nicht nur ein Attribut, sondern eine Rolle. Thot von Pnubs ist ein zusammengesetzter Gott aus dem Thot von Hermopolis, aus Onuris und aus Schu; im Mythos von der Rückkehr der Fernen Göttin füllt er dieselbe Stelle aus wie Schu.

Warum ausgerechnet dort ein Thottempel steht

Francis Llewellyn Griffith hat darauf hingewiesen, dass el-Dakka als „Grenzposten für Einfuhren und großer Markt“ gleich zweifach zu Thot passt:

  1. Er ist der Gott des Handels und der Abrechnung.
  2. Er ist die Hauptfigur im Mythos von der Rückkehr der Fernen Göttin — und die Göttin kommt genau von dort.

Der Tempel steht damit an der Stelle, an der der Mythos spielt. Wer aus Nubien nach Norden kam, kam auf demselben Weg wie sie.

Mond und Kalender

Als Mondgott ist er für Zeiteinteilung, Rechnung und Astronomie zuständig. Der erste Monat des Jahres heißt nach ihm (Thot), woraus im koptischen Kalender „Thout“ wird — bis heute in Gebrauch.

Die fünf Zusatztage — wessen Erzählung?

Bekannt ist die Geschichte, Thot habe dem Mond im Spiel fünf Tage abgewonnen, damit Nut ihre Kinder gebären konnte, obwohl Re ihr die Geburt an allen 360 Tagen des Jahres verboten hatte. Aus diesen Tagen wurden die fünf Epagomenen, an denen Osiris, Horus, Seth, Isis und Nephthys zur Welt kommen.

Diese Erzählung steht bei Plutarch (De Iside et Osiride 12), also griechisch, um 100 n. Chr. — er nennt Thot dort Hermes. Ägyptische Quellen berühren die Episode kaum.

Zu trennen sind deshalb zwei Dinge: Die fünf Epagomenentage sind echt und ein fester Bestandteil des ägyptischen Kalenders; die Geburt der fünf Götter an ihnen ist ebenfalls ägyptisch. Die hübsche Rahmenerzählung vom Würfelspiel mit dem Mond ist es in dieser Form nicht. Wer sie als altägyptischen Mythos wiedergibt, gibt eine griechische Nacherzählung weiter — derselbe Fall wie bei Plutarchs vierzehn Körperteilen des Osiris.

Der Gott der kleinen Leute

Thot ist der Adressat, an den sich in Hermopolis Leute wandten, die ihr Recht sonst nicht bekamen. Belegt ist das durch ein Korpus demotischer Bittschriften, die in der Ibis-Nekropole der Stadt niedergelegt wurden; die aus Hermopolis stammenden datieren fast alle in die Spätzeit.

Eine davon, auf Leinen geschrieben, bringt den ganzen Zusammenhang in wenige Zeilen. Ein Mann hat Weizen und Gerste verliehen und nichts zurückbekommen; der Schuldner weist die Forderung mit dem Hinweis ab, er stehe unter Schutz. Der Bittsteller hält dagegen, für einen kleinen Mann gebe es keinen Schutz außer Thot — und bittet nicht um Rückgabe, sondern um Strafe.

Dass Thot hier zuständig ist, ist kein Zufall. Er ist der Gott des Rechtswesens und des Urteils; im Streit zwischen Horus und Seth ist er der juristische Sachverständige. Was in den Mythen als Schlichtung zwischen Göttern erscheint, wenden diese Texte auf einen Nachbarschaftsstreit an.

Eine zweite Bittschrift zeigt, wie eng Gott und Kult zusammengedacht wurden: Ein Mann hatte Land vom Futterplatz der Ibisse abgeteilt. Weil der Ibis Thots heiliges Tier ist, ist das kein Grundstücksdelikt, sondern Diebstahl am Gott — und der Bittsteller verlangt entsprechend, dem Täter den Lebensunterhalt abzuschneiden.

Hermes Trismegistos

Die Griechen setzten Thot mit Hermes gleich. In der Kaiserzeit entstand daraus „Hermes Trismegistos“, der dreimal größte, als Verfasser einer umfangreichen Offenbarungsliteratur (Corpus Hermeticum). Diese Schriften sind griechisch geprägte Philosophie, keine altägyptischen Texte — ihre Wirkung auf Renaissance, Alchemie und Esoterik ist jedoch enorm. Wer heute von „hermetischem Wissen“ spricht, ist über viele Umwege bei diesem Gott.

Der Beiname selbst ist allerdings nicht griechisch erfunden. Trismegistos übersetzt ꜥꜣ-ꜥꜣ-ꜥꜣ, „groß, groß, groß“ — einen ägyptischen Beinamen, der eigens Thot zukommt. Griechisch ist die Sprache und die Literatur, die daran anschloss; die Formel selbst ist übernommen.

Das ist die genaue Trennlinie in diesem Fall: Der Name kommt aus Ägypten, das Corpus Hermeticum nicht. Wer beides zusammenzieht, macht aus einer Übersetzung eine Erfindung — und aus griechischer Philosophie ägyptische Weisheit.

Tuna el-Gebel

Tuna el-Gebel ist die Nekropole von Hermopolis, Thots Hauptkultort. Vier große, in den Fels getriebene Katakombensysteme enthalten über fast ein Jahrtausend hinweg Millionen mumifizierter Ibisse und Paviane — beides Erscheinungsformen des Gottes.

Zwei ganz verschiedene Tiere

Hier ist eine Unterscheidung nötig, die man leicht übersieht. Die Masse der Ibisse sind Votivtiere: Gaben, die Pilger stifteten. Die Paviane in den Wandnischen sind aller Wahrscheinlichkeit nach etwas anderes — eine Reihe von Kulttieren, also nacheinander je ein einzelnes lebendes Tier, in dem der Gott gegenwärtig war, wie der Apis in Memphis. Millionen Votivgaben und eine Handvoll Kulttiere liegen in derselben Anlage, und nur die erste Gruppe ist Massenware.

Dass es sich bei den Votivtieren wirklich um Zuchtware handelt, liest man an zwei Dingen: Die Tiere sind bei ihrem Tod alle etwa gleich alt, und ihre Behandlung ist standardisiert. Sie wurden also gezielt gezüchtet, bei Erreichen einer bestimmten Größe getötet und für den Verkauf präpariert.

Der Betrieb war damit eine industrialisierte Frömmigkeitsökonomie mit Zuchtanlagen, Priesterschaft und Preisliste — und die Bandbreite der Wicklungen zeigt, dass es für jeden Geldbeutel etwas gab. Der Pilger legte die Mumie im Tempel nieder, vielleicht mit einer Bitte, die er dem Tier ins Ohr flüsterte; wenn der Tempel voll war, brachte man die Gaben in die Katakomben.

Und der Betrieb hatte ein Mengenproblem: Die Nachfrage überstieg das Angebot, weshalb ein Teil der sorgfältig gewickelten Bündel gar kein vollständiges Tier enthält — mitunter nur Federn, Knochen oder Füllmaterial.

Aus denselben Katakomben stammen demotische Orakelanfragen an Thot. Das lebende Kulttier war der naheliegende Orakelgeber, und die eingereichten Anfragen zeigen den Betrieb von der Seite der Bittsteller.

Das ist mehr als eine Kuriosität. Es zeigt, dass die Wirksamkeit der Gabe am Vollzug hing, nicht an ihrem Inhalt, und es macht die Grenze zwischen Frömmigkeit und Gewerbe unscharf. Ob die Käufer es wussten, sagen die Quellen nicht. Die Papyri des Hor von Sebennytos aus Saqqara geben immerhin Einblick in die Verwaltung solcher Tierkulte — und in ihre Missstände.

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