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Netjeru

Nachschlagewerk zum alten Ägypten: Götter, Orte, Objekte und Zeit — 201 Einträge, mit Quellen und Beleglage.

Königtum, Krieg & SchutzSonne, Himmel & GestirneWissen, Schrift & Magiegut belegt

Chons

griechisch Chespisichis (in Kombination) · ägyptisch Ḫnsw

Mondgott und Kind der thebanischen Trias; „der Durchziehende“, in älteren Texten ein gefährlicher Dämon, später Heilgott.

ḪnswUmschrift
Kleiner Anhänger aus Gold, die Figur im Profil nach links. Ein kniender Körper mit Falkenkopf, dessen Auge und Schnabel deutlich ausgearbeitet sind. Auf dem Kopf ruht eine große runde Scheibe, die von einer nach oben geöffneten Sichel getragen wird; vorn an der Scheibe sitzt eine kleine aufgerichtete Schlange. Über der Brust liegt ein breiter Kragen in mehreren Reihen. Die Figur steht auf einem gerippten Sockel.
Zuständig für
Mond, Zeit, Heilung, Wandern
Bezeugt
Pyramidentexte bis Römerzeit
Familie
Vater: Amun
Mutter: Mut
Formen: Chons-em-Waset-Neferhotep; Chons-pa-chered („das Kind“); Chons-pa-iri-sechru („der die Geschicke bestimmt“)

Erscheinung

Mumiengestaltiges Kind mit Seitenlocke, Mondsichel und Vollmondscheibe auf dem Kopf, Krummstab und Wedel; auch falkenköpfig mit Mondscheibe.

Vom Kannibalen zum Heiler

In den Pyramidentexten (Kannibalenhymnus, Spruch 273–274) ist Chons ein blutrünstiges Wesen, das für den König Götter tötet. Diese Seite verschwindet später fast völlig. Im Neuen Reich ist er der freundliche Sohn der thebanischen Trias und ein anerkannter Heilgott, dessen Statue man zu Kranken schickte.

Die Bentresch-Stele

Eine ptolemäische Stele erzählt eine Legende aus der Zeit Ramses’ II.: Die Prinzessin Bentresch aus dem fernen Bachtan ist von einem Geist besessen; erst als man die Statue des Chons-der-die-Geschicke-bestimmt dorthin schickt, weicht der Geist. Der Text ist ein bewusst archaisierendes Propagandastück des Chonspriestertums, aber ein hervorragendes Zeugnis für Statuenkult und Fernheilung.

Mond und Zeitrechnung

Als Mondgott ist Chons für Monatsrechnung und Wachstumszyklen zuständig; sein Name („der Durchziehende“) meint die Wanderung des Mondes über den Himmel. Im Chonstempel von Karnak steht zudem eine späte kosmogonische Theologie, in der Chons selbst zum Schöpfergott wird — ein Beispiel dafür, wie jede große Priesterschaft ihren Gott irgendwann an den Anfang der Welt setzte.

Wie konkret das gedacht wurde, zeigt eine Darstellung in seinem eigenen Tempel: Auf dem Türsturz zur Barkenkapelle zieht eine Prozession von vierzehn Gottheiten, von denen jede einen Tag des zunehmenden Mondes verkörpert. Der Mondzyklus ist hier nicht abgebildet, sondern als Götterreihe erzählt.

Warum die Trias ein Mondkind hat

Sonne und Mond wurden als Herrscher und Stellvertreter gedacht — der Mond regiert, wenn die Sonne fort ist, und folgt ihr nach. Genau dieses Verhältnis überträgt die thebanische Theologie auf die Familie: Chons als Kind ist der Mond, sein Vater Amun-Re die Reichssonne. Die Trias ist damit nicht bloß eine Familie, sondern ein Herrschaftsmodell.

Dass das politisch gemeint war, zeigt die Gegenprobe: Amenophis III. und Ramses II. stellten sich zeitweise selbst als Mondgötter dar, um ihre Herrschaft theologisch zu begründen und für sich göttlichen Rang zu beanspruchen.

Nebenbei korrigiert der Befund eine verbreitete Annahme: Der Mond ist in Ägypten durchweg männlich gedacht. Eine weibliche Mondgottheit ist bildlich nicht bezeugt — wo Hathor oder Isis lunare Züge tragen, stehen sie neben anderen Gestirnsaspekten.

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